Glücklicherweise kam das Orchester schnell in Schwung. Die Musiker tanzten durch die Festmusik des „Rondo des Paysans" und besonders die Streicher spielten die Melodielines flott hin und her. Im Verlauf des ersten Teils wurde schnell deutlich, dass besonders das Orchester aus Malmö die Meistererzähler dieser fantastischen Geschichte waren. Groves wuchs zwar schnell in seine Rolle hinein, und er schien auch seinen früheren Zweifel an seinem Sprachgefühl abzulegen. Aber der Amerikaner zeigte sich erst wirklich zu hundert Prozent in den späteren Duetten an der Seite von Sir Bryn Terfel. Auch der Chor war eine Zeitlang an derselben Krankheit befallen und klang lange Zeit ziemlich klinisch. Besonders im „Rondo des Paysans" konnten sie die notwendige Verspieltheit nicht an den Tag legen. Etwas, das die Tenöre und Bässe später im „Choir des buveurs" besser schafften. Und auch die weiblichen Partien zeigten eine perfekte Einfühlung während des grässlichen Schreies in „La course à l'abîme". Der scharfe Kontrast mit ihrem gottseligen „Sancta Margarita" machte es nur noch bewundernswerter.
Schuster, bleib bei deinem Leisten Dass ich mich nach der Pause weniger überzeugt fühlte, ist vor allem die Schuld von Hector Berlioz. Der dritte und vierte Teil des Opernkonzerts sind viel vokaler als die beiden Teile, die vor der Pause aufgeführt wurden. Berlioz mag zwar fantastische Vokalstücke geschrieben haben, aber meiner Meinung nach ist er in expressiver Orchestrierung versierter. Die Arien, Duette, Trios und Chorwerke, die in den Teilen drei und vier viel häufiger vorkommen als instrumentale Teile, sind kaum langweilig zu nennen, können aber nicht mit Berlioz' Orchesterhöhepunkten mithalten. Nirgends wird dies deutlicher als in der bombastischen Szene „La course à l'abîme", wo der Komponist mit Fragmenten von text painting bestimmte Elemente der Geschichte besonders hervorhebt. Diese musikalischen Elemente sind auch wirklich auf den Leib des Malmöer Symphonieorchesters geschrieben. Hier übernehmen sie vollständig die Rolle des Erzählers. Allerdings ist auch Mezzosopranistin Sophie Kochs' wenig inspirierende Interpretation der Marguerite Berlioz' Komposition nicht zugute gekommen. Sir Bryn Terfel stiehlt die Show Und dann müssen wir natürlich auch über den Star des Abends sprechen. Der britische Bassist-Bariton Sir Bryn Terfel wurde im Voraus bereits als Publikumsmagnet angepriesen, wusste diese Favoritenrolle aber auch ohne Probleme zu bewältigen. Der Waliser spürte perfekt, wie sehr er sich dramatisch in diese Orchesterumgebung einfühlen konnte. Ohne in seiner Rolle zu übertreiben, spielte er einen meisterhaften Méphistotélès und wusste nicht nur Doktor Faust, sondern auch das Publikum zu verzaubern. Terfel ist ein so begnadeter Sänger, dass er alle anderen Solisten zudem auf ein höheres Niveau hob. Wie bereits erwähnt, waren Groves beste Stücke an dessen Seite. Das lag vor allem an einer fantastischen Synergie zwischen beiden Sängern. Der Gegensatz zwischen dem unwissenden Faust neben dem verdammten Méphisto wurde vom Duo wunderbar ausgespielt. Darüber hinaus setzte auch Sophie Koch (Marguerite), die von allen Solisten am wenigsten überzeugen konnte, ihre stärkste Leistung neben Terfel im Trio „Allons il est trop tard" ab. Dort konnte sie sich natürlich teilweise hinter dem Duo Terfel-Groves verstecken. Es gab nur einen Solisten, der Sir Bryn Terfel die Krone streitig machen konnte. Die mächtige Stimme des französischen Baritons Edwin Crossley-Mercer hallte wie eine Glocke durch die Koningin Elisabethzaal. Sein Trinklied ist ein schwieriger Balanceakt zwischen dem leichtfüßigen Thema und einer klassischen Arie. Aufgrund der tiefen Basstöne ist es für den Sänger zudem nicht einfach, diese luftige Thematik ohne zu viel Seriosität zu vermitteln. Crossley-Mercer holt jedoch den besten Kantordensänger in sich hervor und bringt die studentische Lustig trotz seiner bombastischen Bassstimme auf besonders spielerische Weise. Der Männerchor wusste die Tonlage des Solisten in der folgenden zynischen Fuge fortzusetzen. Auch sie balancierten gekonnt zwischen humorvollem Trinkgelage und ernstem Kirchengesang und zeigten in der Fuge ihre beste Leistung des Abends. Obwohl alle den Abend mit einem sputternden Diesel begannen, sprangen alle Motoren glücklicherweise schnell an. Mit einem unglaublichen Sir Bryn Terfel als Vorreiter und einem Malmö Symphony Orchestra, das die Sage wunderbar erzählte, wurde La Damnation de Faust in der Koningin Elisabethzaal zu einem teuflisch unterhaltsamen Konzert.- WER: MDR Rundfunkchor und Malmö Symphony Orchestra u.L.v. Marc Soustrot & Denis Comtet mit Sir Bryn Terfel, Paul Groves, Sophie Koch und Edwin Crossley-Mercer
- WAS: Hector Berlioz - La damnation de Faust
- WO: Koningin Elisabethzaal, Antwerpen
- WANN: Sonntag 3. Juni 2018
- FOTO: © Petr Dyrc