Brüssel ist ein Anziehungspunkt für vieles, sehr vieles. Darunter auch das weniger Schöne, das nicht ans Tageslicht kommen sollte, aber glücklicherweise auch viele Kulturveranstaltungen, die gerne von möglichst vielen Menschen gesehen werden, ob nun im Tageslicht oder im mehr oder weniger gedimmten Licht eines Konzertsaals. Die vorletzte Juniwoche ist so eine Kulturwoche, die Mozart-Liebhaber mit der Midsummer Mozartiade anlockt.
Der jährliche Hauptattraktion ist unbestritten die programmierte Mozart-Oper. Diesmal entschied sich die künstlerische Leitung für Mitridate, Rè di Ponto. Es war Mozarts erste Oper, obwohl der inzwischen 14-Jährige bereits mit 12 Jahren drei Opern geschrieben hatte: Apollo et Hyacinthus, La Finta Semplice und Bastien und Bastienne. Der Teenager Wolfgang war sozusagen nicht unerfahren, aber diese Komposition, ein erste echter ernster Auftrag, wurde für ihn eine echte Belastung.
Nicht wegen der Komposition an sich und/oder des Librettos hatte Mozart es schwer, sondern wegen der Launen der Sänger, wie uns der Regisseur Eric Gobin und die Sänger Pieter De Praetere und Dorine Mortelmans kurz vor der Generalprobe am Mittwochabend, den 19. Juni, erzählen. Sie machen keinen Hehl aus ihrer Verwunderung und Bewunderung für den jungen Mozart. Wie konnte nur ein so junger Bursche solche Musik schreiben? Wie konnte er diese so reife Welt, noch dazu in archaischer Sprachform, perfekt in Noten übersetzen? Wie war er in der Lage, die Sänger an die Grenzen ihrer Fähigkeiten zu treiben? Eigentlich ging er noch einen Schritt, sagen wir einen Sprung, über ihre Anforderungen hinaus. Welche Schwierigkeiten hätte Mozart mit Melodie, Harmonisierung, Orchestration oder sonst etwas gehabt? Das Elend, das er beim Komponieren erlitt, war das der anmaßenden Sänger, besonders eines der Tenor, der enorme Anforderungen stellte. Mozart musste die Rollen sehr genau nach ihren Wünschen und Fähigkeiten schreiben. So musste er eine Rolle fünfmal umschreiben, weil der Herr nicht zufrieden war... Stellt euch das vor.
Würde alles für das Publikum in Ordnung sein? Da zweifelten die Sänger doch daran, sie waren schließlich erfahren, gewöhnt an erwachsenen Komponisten, die die Sänger nach ihrer Pfeife tanzen ließen. Was könnte so ein halbwüchsiger Kerl schon können und dann noch Erfolg haben? So hatten sie ihren Plan B in der Tasche – die Partituren des Komponisten Gasparini würden zur rechten Zeit hervorgekramt und statt dieses jungen Kerls Sachen gesungen. Nicht so. Das Publikum in Mailand, wo die Oper Premiere hatte, war überglücklich – es regnete Reprisen während der Aufführung – und der Applaus sollte nicht weniger als 20 Mal ertönen, aber leider erst Anfang des 20. Jahrhunderts. Es gab in der damaligen Opernwelt nicht wenige eifersüchtige Menschen, und denen gelang es, die Oper trotz ihres Erfolgs in Vergessenheit geraten zu lassen.
Es ist, ehrlich gesagt, ergreifend, wie diese drei Menschen, heute in unserer kalten Zeit, mit größtem Respekt, mehr als 250 Jahre nach der Entstehung dieses Werks, sowohl über die Komposition als auch über den Komponisten sprechen. Dies wird zu einer Aufführung führen, die man nicht so bald vergessen kann...
Mitridate, re di Ponto des 14-jährigen Wolfgang Amadeus Mozart ist das, was man eine opera seria nennt, in drei Akten (KV 87 [74a]). Die Uraufführung fand im Teatro Regio Ducale in Mailand statt. Das Libretto stammt von Vittorio Amedeo Cigna-Santi und basiert auf dem Drama 'Mithridate' von Jean Racine, ins Italienische übersetzt von Giuseppe Parini. Es ist eine dramatische Geschichte voller Eifersucht, Tyrannei, Treue, Untreue, Ehre und Unehre mit einem gemischten Ausgang, in dem Glück und Unglück sozusagen Hand in Hand gehen und Tyrannei durch neue Hoffnung ersetzt werden kann.
Besonders ab dem zweiten Akt wird Mozart mehr er selbst, wie man ihn schon aus La Finta Semplice und Bastien und Bastienne und vielen anderen Kompositionen kennen kann. Durch die schwierige Zusammenarbeit mit den pedantischen Sängern hängt dieses Werk noch ziemlich stark im Barock fest, obwohl der spätere Mozart bereits deutlich präsent ist. Man muss das erst mal tun, als anfangender Teenager, um die manchmal extrem schwer beladenen Emotionen nicht nur in Koloraturen und Läufen, sondern vor allem musikalisch geladen zu übersetzen. Er verstand alles, nahm es als alltägliche Dinge, die er 'einfach mal aufs Papier schreiben würde'. Dort war das Genie bereits vollständig bei der Arbeit.
Die Aufführung nach künstlerischem Leiter Eric Gobin
Seit der Serie von 20 Aufführungen zur Zeit der Uraufführung ist Metridate nie wieder gemäß den Wünschen des Komponisten aufgeführt worden. Er schrieb nämlich drei Kastratenrollen und Kastraten gibt es nicht mehr... Heute wird dieses Problem behoben, indem die hohen Rollen von Sopranistinnen gesungen werden und die Altrollen (manchmal) von Contratenören. Eric Gobin fand einen geeigneten Contratenor in der Person von Pieter De Praetere (Farnace) und der Sopranino – ein Mann, der als Sopran singen kann – würde Dennis Orellana (Sifare) verkörpern. Nur für Arbate wählte Gobin noch einen Mezzosopran, Sonia Sheridan Jaquelin. Die übrigen Rollen wurden mit den richtigen Stimmen besetzt: Mitridate durch den Tenor Stefan Sbonnik, Sopran Gianna Cañete Gallo verkörperte Aspasia, Ismene lag in den Händen des Soprans Dorine Mortelmans und der Tenor Mathis Van Cleynenbreugel übernahm die Rolle des Marzio. Durchweg äußerst solide Sänger, die sehr textbewusst und partiturentreu die einzelnen äußerst anspruchsvollen Rollen überzeugend, manchmal sehr packend, verkörperten.
Sopranino Dennis Orellana
Dieser noch junge Sänger (geboren 2000 in Honduras) ist eine wahre seltene Entdeckung, die in seiner kurzen Karriere bereits viele große Bühnen erobert hat. Bayreuth Baroque, die Scala von Mailand, die Salzburger Festspiele: nicht das Wenigste für jemanden in seinem Alter. Er singt außergewöhnlich virtuos, hat eine breite Tessitür, die sehr hoch reicht, und das Volumen ist erstaunlich. Er beherrscht alle Register mühelos – vom zartesten Pianissimo bis zu einem dreifachen Forte – und das alles nach strengsten musikalischen Ansprüchen. Er ist seine Rolle, nichts mehr, sicherlich nichts weniger. Ein Sänger, auf den man sich freuen kann, und man darf davon ausgehen, dass viele ihm folgen werden, wie einst viele Alfred Deller folgten, dem „ersten" Countertenor. Das mussten wir uns eben gewöhnen, wohlan, so wird es auch mit den Sopraninos sein: sich daran gewöhnen, bis es die Normalität ist, dass sie Rollen verkörpern, die einst für Männer geschrieben wurden, Männer, die um ihr 12. Lebensjahr kastriert wurden um ihrer schönen Knabenst immen willen. Entdecken Sie Dennis Orellana zusammen mit uns in diesem kurzen Fragment des Bayreuth Baroque Festival 2023.
Da sich die Geschichte an der Küste der Halbinsel abspielt, die wir heute als Krim kennen, war die Verbindung zu heute schnell hergestellt. Die Szenografie wurde deshalb zeitgemäß und in einer minimalistischen Dekoration platziert. Für eine statische Oper mit eigentlich wenig Handlung gibt es nicht viel zu tun, und man muss sehr kreativ vorgehen, um dennoch etwas Leben auf der Bühne zu bringen, während die Sänger eine Arie nach der anderen zum Besten geben. 22 Arien voller Bravour und Wiederholungen, das ist nicht wenig. Dafür sorgte Dramaturg Keith Tillotson.
Das Orchestre Royal de Chambre de Wallonie unterstützte die Sänger unter der Leitung von Thibaut Lenaerts. Ein Extra-Wort für die Übersetzung des archaisch alten Italienisch: dafür zeichnete Hannah Aelvoet verantwortlich. Das muss man einfach mal sagen und schreiben. Das Publikum findet es heutzutage völlig selbstverständlich, dass über der Bühne eine Tafel hängt, auf der der Text digital erscheint. Versuchen Sie sich einmal an einer solchen Übersetzung…
Wer mehr über die jährliche Midsummer Mozartiade erfahren möchte, findet unten den Link zur Website. Freuen Sie sich mit uns auf das nächste Jahr und schauen Sie, was auf dem Programm stehen wird.