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Modern Times befreit uns kurz aus der Moderne

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· 5 Min. Lesezeit
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Modern Times befreit uns kurz aus der Moderne

Das Brussels Philharmonic u.d.L. von Dirk Brossé lädt uns ein, in dieser hektischen Zeit einen „stillen" Film so zu genießen, wie er vielleicht immer gemeint war? Mit Musik von höchster Qualität

Nominierung für das Goldene Label Sinfonisch - Zunächst werden wir beim Empfang im Flagey sofort von einem einigermaßen als Charlie Chaplin verkleideten Künstler begrüßt, der Akkordeon spielt. Darüber hinaus gibt es die amüsante Möglichkeit, ein Foto auf dem Zahnrad wie auf dem Filmplakat machen zu lassen.

Dank der modernen Technologie können wir nun die Musik live zu diesem Film hören, da die Musik wahrscheinlich aus dem eigentlichen Film herausgefiltert wurde (während andere Geräusche bleiben) und das Orchester am Werk geht, außer beim Lied gegen Ende, in dem Chaplin selbst singt. Gesungenen Text und Begleitmusik digital auseinanderzunehmen ist wahrscheinlich auch eine enorme Aufgabe und er singt es jedenfalls selbst sehr schön. Die Frage stellt sich, ob es keine aktuelle Aufnahme geben kann. Charlie Chaplin selbst war mit der Aufnahmequalität enttäuscht und vereinfachte die Bearbeitung bereits so, um alles klar zu halten.

Historisch gesehen ist es einigermaßen lustig, dass dies nun ganz neu erscheint, aber in der ursprünglichen Zeit des Stummfilms war es sogar üblich, professionelle Arrangeure damit zu beauftragen, passende Kompilationen von veröffentlichter Musik zur Begleitung von Filmen zu erstellen, damals live von welchen Instrumentalkombinationen sich jedes Kino leisten konnte.

Die Musik selbst ist manchmal bereits ziemlich modern und zeigt enorme Vielfalt in den Stilen, zeugt aber vor allem von gutem Geschmack. Chaplin hatte eine sehr klare Vorstellung und wollte auch keine Konkurrenz oder dergleichen, die Musik dient nur dem Film und ergänzt ihn charmant. Zu Zeiten ist sie auch recht virtuos, die Musiker sitzen wirklich an einer strengen erforderlichen Geschwindigkeit. Inwieweit die Musik vollständig von Chaplin selbst stammt, ist unsicher, er arbeitete auch mit Orchestrierern zusammen, aber die Themen sind original, er leitete das Ganze.

Das Orchester und der Dirigent bemühen sich ungemein, diese 87 Minuten Musik integriert und gut zusammen mit dem Film zu bringen, auch wenn es einmal ein kleines bisschen mit dem Bild nicht ganz synchron ist, kann ich absolut verstehen und damit bleibt es dann auch! Es ist eine nicht zu unterschätzende anspruchsvolle Arbeit angesichts der Präzision und Subtilität der Interaktion mit dem Film. Es wird heute Abend so gut wie möglich zu Gehör gebracht. Natürlich dürfen wir nicht vergessen, dass es im ursprünglichen Kontext auch Fragment für Fragment im Studio geschaffen wurde.

Der Film ist immer noch aktuell, vielleicht noch aktueller als je zuvor und großartig symbolisch/satirisch, ein Bild einer Herde von Schafen, die alle in die gleiche Richtung gehen, woraufhin wir ein Bild mit allerlei Fabrikarbeitern sehen, ist sicherlich nicht willkürlich. Es schien Chaplin sicherlich keine natürliche Lebensweise zu sein und er wollte die Menschen zu mehr Persönlichkeit auffordern. Im Film gibt er das gute, ergreifende Beispiel, indem er bedingungslos einem armen Mädchen hilft, das Essen stiehlt, um mit der Familie zu überleben, und es abhält, im Gefängnis zu landen; in seinen eigenen Worten; „mehr als Klugheit brauchen wir Freundlichkeit und Sanftheit".

Nostalgie überkommt mich persönlich und sicherlich auch viele andere, und nun ist es sogar noch besser mit dieser reinen Musik und einer großzügigen Bearbeitung für ein sehr großes Orchester. Mehrmals erlebe ich einen tränenreichen Moment dank der klaren Sprache der Musik, die das Brussels Philharmonic so schön malt in Kombination mit den bereits so starken Bildern.

Smile

Chaplin nahm sich die Freiheit innerhalb des Rahmens mit dem wunderbar schönen Thema, das später zum Lied „Smile" wurde. Gewissermaßen als Leitmotiv ist es jedes Mal ein wenig anders, während es so packend bleibt. Es macht auch den Konzertmeister, der die Melodie übernehmen musste, Otto Derolez, sehr lobenswert. Dieses Thema blieb weiterhin inspirierend, zuerst wurde ein Lied daraus gemacht und später als Jazz-Standard behandelt, was dazu führte, dass Figuren wie Michael Jackson und Frank Sinatra es sogar sangen und andere es bearbeiteten. Smile lacht sozusagen, während es weint...

Nach der Vorstellung gab es noch eine charmante Burleske in der Halle mit allerlei Nachahmungen von Chaplins Werk durch den bereits erwähnten Künstler und noch einige Damen ganz im Stil der Zeit, in der Modern Times entstand, obwohl ich gerne anmerken möchte, dass die Musik manchmal etwas laut war, darüber hinaus trug dies nur zur Integrität des Events bei.

Das Gesamtpaket war so abgerundet, besser konnte es kaum sein, fantastischer Empfang, ein fantastisches Konzert (naja, kein gewöhnliches Konzert) und danach noch viel Spektakel. Es war ein großartiger Abend und wer je die Gelegenheit bekommt, dies zu sehen, kann ich nur wärmstens empfehlen, es zu tun und so viele andere wie möglich zu ermutigen, mitzukommen, leider sind die letzten Vorstellungen fast ausverkauft. Solche Events an sich (Film + Live-Musik) sind nicht unbedingt einzigartig, aber in der Minderheit, aber das Ganze mit den zugehörigen Auftritten ist absolut einzigartig.

Nicht um bereits etablierte Werte notwendigerweise erneut zu bekräftigen, sondern weil ich diese Initiative so fantastisch finde und hoffe, mehr davon zu sehen, nominiere ich sie wohlüberlegt für ein Goldenes Label.


  • WAS: Brussels Philharmonic: Modern Times in Concert
  • WER: Dirk Brossé, Brussels Philharmonic
  • WO & WANN: Flageygebouw Brüssel, 1. März 2018
  • FOTO: Brussels Philharmonic/Christophe Vander Eecken
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