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MOZARTS UNSTERBLICHES REQUIEM

V
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MOZARTS UNSTERBLICHES REQUIEM

Symfonieorkest Vlaanderen ist ein flexibles Orchester, das mit gleicher Leidenschaft sowohl klassische als auch zeitgenössische Werke aufführt. Seit der Saison 2019-'20 ist die Estin Kristiina Poska Generalmusikdirektorin. Für dieses zweiteilige Konzert mit acht Aufführungen lud sie ihre Landsmänner vom Estonian Philharmonic Chamber Choir ein. Chorgesang gehört zur kulturellen Seele Estlands. Einer von drei Einwohnern würde in einem Chor singen. Das Singen wird der Bevölkerung von Kindesbeinen an, gewissermaßen, anerzogen. So kennt das Land seit 1869 ein Gesängerfest, das auf der UNESCO-Kulturerbelist prangt. Es findet alle fünf Jahre in Talinn statt und dauert zwei Tage. Am Ende des Festes treten alle Chöre gemeinsam auf. Dann sind es insgesamt etwa 25.000 Sänger auf der riesigen Bühne. Beim letzten Festival 2019 zählte das Publikum etwa 100.000 Menschen.

Das Estonian Philharmonic Chamber Choir ist eines der Aushängeschilder des Landes. Mehr noch, es gehört zu den Top-Chören der Welt!

'Kreeks Notebook' Tõnu Kõrvits


Arvo Pärt ist vielleicht der berühmteste zeitgenössische Komponist aus Estland mit seinem minimalistischen Stil, aber Estland hat mehrere, darunter der jüngere Tõnu Kõrvits, geboren 1969. 2007 erwarb er einen starken Ruf mit seinem Werk 'Kreeks Notebook'. Sein 'Notebook' ist inspiriert von einer Sammlung estnischer Volkshymnen, die von jenem anderen estnischen Komponisten Cyrillus Kreek (1889-1962) aufgezeichnet wurden. Ein Este durch und durch. Er wies ständig auf die Schönheit der eigenen Volksmusik hin. Vergessene Musik, die eng mit der Geschichte des Landes verwoben ist. Die Lieder stammen aus lutherischen Hymnen des 18. Jahrhunderts und Runenmelodien des Mittelalters. Der Chor, 25 Köpfe stark, wird ausschließlich von Streichern und in geringem Maße Schlagwerk begleitet. Die Damen tragen ein schlichtes langes taupefarbe­nes Kleid, die Herren einen schwarzen Anzug. 'Kreeks Notebook' besteht aus acht Teilen, die ein kontrastreiches Ganzes bilden, mit mäandrierenden Klanglandschaften voller Wehmut, Sehnsucht und subtilen harmonischen Farben in einer außergewöhnlich schönen Aufführung des Estonian Philharmonic Chamber Choir. Es gibt Lieder ausschließlich für die Damen, für die Herren, Gemeinschaftsgesang, es gibt eine Solopartie für einen Sopran, einmal wird auch a cappella in einer Stimmenfülle gesungen, die wunderschön verschmilzt. Die Orchestrierung unterstützt den Gesang, ist aber dennoch vielfältig: die Violinen sorgen für den hellen Ton, die Celli und der Kontrabass für einen dunklen und sonoren Klang. Der Schlussakkord von Chor und Orchester ist überwältigend. Der Applaus war entsprechend. Die äußerst zufriedene Dirigentin Kristtiina Poska hielt die Partitur in die Luft, als wollte sie betonen: alle Ehre gebührt dem Komponisten.

[caption id="attachment_52402" align="alignleft" width="200"]Estonian Philharmonic Chamber Choir © Kaupo Kikkas[/caption]

'Requiem' W.A. Mozart KV626 (Süssmayr)


Der Tod ist etwas, um das die meisten Menschen vorsichtig herumgehen. Wenn ein Geliebter stirbt, entsteht eine Leere. Man vermisst die Gegenwart, die Stimme, die Berührung. Musik ist dazu da, um wieder zu verbinden. Eine Tiefe des Verständnisses, der Trauer, aber auch der Hoffnung. Mozart begann 1791 mit der Komposition seines Requiems im Auftrag des Grafen Walzegg für den ersten Jahrestag des Todes seiner Frau Anna, die im Alter von 20 Jahren starb. Als begeisterter Musikliebhaber wollte er eine Requiemkomposition während eines Gedenkgottesdienstes aufführen. Mozart starb am 5. Dezember 1791, bevor er seine Komposition vollenden konnte. Dieses Meisterwerk gilt als symbolisches Werk, das den Komponisten auf mythische Weise mit seinem eigenen Tod im Alter von 35 Jahren verbindet. Da es sich um eine bestellte Komposition handelte, wurde das Werk auf Drängen von Mozarts Witwe Constanze vollendet, zunächst von Joseph Eybier, später in seiner Gesamtheit von Süsmayr, beide Freunde und Kollegen Mozarts.

Wie kommt man zu einem so wunderschönen Werk? Es ist das Endprodukt einer ganzen Erfahrenswelt. Eine Ablagerung kaleidoskopischer Jahreszeiten. Die Kunst, die seidenartige Oberfläche des Verlusts zu berühren und das Gewicht der Schönheit in Noten zu erfassen. Es geht nicht nur um Schönheit, sondern um Widerstandskraft und Haltbarkeit. Musik, die Erinnerungen, Gefühle und Hoffnung bewahrt. Die Musik gehört nur zu sich selbst und spült den Schmerz weg. Kristtiina Poska steht anmutig vor Orchester und Chor und dirigiert ausdrucksvoll und präzise, die Noten und den emotionalen Wert antizipierend. Dieses Requiem ist ein Meisterwerk, das bis heute berührt und ergreift. Die Dichte des Werkes ist atemraubend schön, zum Leben erweckt durch einen hervorragenden Chor und Solisten, getragen von einem ausgezeichneten Symfonieorkest Vlaanderen. Musik als Balsam für die Seele. Das Publikum war nach dem Schlussakkord kurz still, um sich von der Kraft und Intensität zu erholen, brach aber dann in lang anhaltendem Applaus aus. In dieser zerrütteten Welt von so außergewöhnlichem Talent und Schönheit genießen zu dürfen, ist etwas, wofür man dankbar sein sollte.

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