Es gibt Momente, in denen Musik nicht erklingt, sondern geboren wird. Ein Atem, der sich langsam mit Worten füllt, eine Stille, die plötzlich spricht. Dort beginnt die Begegnung von Klassiek Centraal anlässlich des Music Chapel Festival in Flagey mit einer Stimme wie der von Oleg Volkov.
Es gibt Stimmen, die man hört, und Stimmen, die man trifft. Oleg Volkov gehört zur letzteren Kategorie: keine zufällige Erscheinung, sondern eine Präsenz, die sich langsam ins Ohr setzt, wie ein Gesprächspartner, der nicht nur singt, sondern auch antwortet. Seine Worte atmen etwas vom Entwurzelten und vom Heimgekehrten, ein Echo der Polyphonien des russischen Südens, eine Jugend durchwoben mit Musik und Tradition, ein Geist geformt in den stillen Laboratorien der Sprachwissenschaft. Jetzt, in Brüssel, wird seine Stimme zu einem Instrument, einer Frage, einem Horizont.
Eine Berufung, die gewählt wird und wählt
Seine Liebe zur Sprache und Kommunikation ist kein Zufall. Mit einem Master in Linguistik und Übersetzung hat er gelernt, auf die Schichten hinter Worten zu hören. "Alles beginnt mit Kommunikation," wiederholt er. "In der Musik, wie in der Sprache, gibt es immer eine Botschaft, die jemand erreichen muss. Meine Aufgabe ist es, herauszufinden, was meine Figur trägt, und die Schlüssel zu finden, damit das Publikum es empfangen kann." Er selbst beschreibt dies als ein mysteriöses Zusammenspiel: nicht nur wählt er seinen Weg, sondern das Umfeld wählt ihn auch; die Stimme, das Kunstwerk, das Publikum – alles trägt ihn zu seinem natürlichen Platz. Oper und Konzert, Experiment und Tradition: er bewohnt sie alle, ehemaliges Mitglied des "Jeune Ensemble" der Opéra national du Rhin, jetzt eine Stimme, die sich weiter entfaltet.
Der Sänger als Übersetzer der Seele
Was ihn antreibt, beginnt immer bei der Sprache. "Für mich beginnt alles mit Kommunikation." Korrekte Aussprache ist nur die Grundlage; es geht darum, psychologische Schichten zu durchdringen, kulturelle Nuancen, emotionale Resonanz. Musik ist für Volkov keine Kulisse: sie ist ein Gespräch mit jemandem, der vielleicht sucht, vielleicht Trost will, vielleicht nichts anderes als Klarheit. "Als Dolmetscher übersetzen wir eigentlich nicht: wir interpretieren." So erklärt er, wie seine Übersetzungs- und Interpretationsübung den Kern seiner künstlerischen Philosophie bildet: Musik ist Austausch, eine Berührung der Seele, keine passive Reproduktion.
Jeder Text – Hofmannsthal, Maeterlinck, Mahler – trägt einen Atem, der nicht nur gehört, sondern gefühlt werden muss. Schon früh erlebte er die Kraft der Musik während seiner Arbeit als Dolmetscher bei den Olympischen Spielen von Sochi 2014. "Menschen ermutigten mich, als würden sie etwas hören, das ich selbst noch nicht kannte," erzählt er. "Es ist, als würde das Publikum manchmal deinen Weg wählen, dich rufen, dich einladen zu singen, um 'Sterne anzuzünden' wie Majakovski sagt."
Heimkehr zur L'Opéra du Rhin
Wenn er vom "Jeune Ensemble" der Opéra national du Rhin spricht, wird seine Stimme sanfter. "Für mich wird die Opéra national du Rhin immer meine alma mater bleiben." Dort entdeckte er die Freiheit als ein Geschenk, das man nie wieder loslässt: die Freiheit zu probieren, zu scheitern, zu erkunden. Grenzen verschieben, vokal und dramatisch; Experimente neben klassischen Traditionen.
"Dieser Ort bot mir viel mehr als einen Arbeitsplatz: er gab mir Freunde, Führer, Lebenspartner. Ich bin besonders dankbar für das Vertrauen und die Unterstützung von Alain Perroux, Claude Cortese und Sandrine Abello. Es sind meine Menschen," sagt er. "Diejenigen, die ihren eigenen Weg gehen, schaffen, teilen und Licht in das Leben anderer bringen." Tradition ist kein Mausoleum. Tradition atmet. Die tiefe Gesangstradition Südrusslands, die Polyphonien der Kosaken-Kultur: Wurzeln, die ihn tragen, Atem, der ihn formt. "Die Gesangstradition ist vor allem eine mündliche Tradition, direkt von einem Sänger zum anderen weitergegeben," erklärt er. Kein Schrift, keine Doktrin, sondern Hören. Nicht Nachmachen, sondern Fühlen.
In Europa fügt er neue Klangwelten hinzu, Sprachrythmen, Arten der Stille. "Jede Kultur hat ihren eigenen Atem, ihre eigenen Spannungen, ihre eigene Sprache von Farben und Schmerz," sagt er. Diese Mischung macht seine Stimme einzigartig: ein Echo der Ferne, verwoben mit dem Nahen, ein Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Die Music Chapel: Werkstatt inneren Wachstums
In Waterloo, in der Music Chapel Königin Elisabeth, findet Volkov eine andere Form der Heimkehr: eine Werkstatt inneren Wachstums, einen Ort, an dem man nicht geleitet wird, sondern entblößt. "Hier treffe ich Menschen, die mich tiefgreifend inspirieren," sagt er, während seine Augen bei den Namen von José van Dam, Sophie Koch, Stéphane Degout, Olivier Reboul, Kira Parfeevets, Sophie Reynaud, Marie Dachary, Julie Deilbart, Lionel Bams, Thomas Hampson, Sabine Devieilhe glänzen.
"Es ist ein Ort, an dem man in seinem eigenen Rhythmus wächst, aber nie allein. Niemand sagt: 'Mach es so.' Sondern: 'Verstehe, warum es in dir resonieren muss.'" Anleitung, Bühnenerfahrung, Beobachtung: sie schmelzen zusammen zu einer Zirkulation des Vertrauens. "Es ist eine Umgebung, in der Vertrauen von selbst zirkuliert – und in so einem Klima überraschst du dich selbst, indem du weiter gehst, als du dachtest."
Die drei Bewegungen einer Rolle
Das Angehen einer neuen Rolle ist ein Ritual. Zunächst Sektion: Phonetik als Mikroskop, Rhythmus als Rückgrat. Dann Archäologie: Jahrhunderte, Bräuche, politische Kontexte, die unter der Partitur schimmern. Schließlich das lebende Labor der Probenarbeit. „Das ist genau der Ort, wo das echte Gleichgewicht zwischen Musik, Text und Theater entsteht," sagt er. Hier fließen die Ideen von Dirigent, Regisseur, Komponist, Librettist und Sänger in einen Atem zusammen. „Proben sind reine Kommunikation," lächelt er. Seine technische Philosophie ist einfach: „Damit die Stimme frei sein kann, muss der Körper stabil sein." Schlafen, sich bewegen, atmen, Ernährung, mentales Gleichgewicht. „Ich nutze die Schwerkraft als Stütze. Es ist eine konstante, zuverlässige Kraft, die niemals enttäuscht," erklärt er mit einem Lachen. Seine Disziplin ist nicht streng, sondern natürlich: ein Atem, der mit der Stimme selbst resoniert.
Mahler: wo Musik das Leben ist
Am 6. Dezember betritt er das Universum von Mahler, eine Welt, die viele ihr ganzes Leben lang nicht betreten. „Was mich in „In diesem Wetter" rührt, wie in all seiner Musik, ist diese Schönheit von seltener Intensität. Bei Mahler imitiert Musik das Leben nicht — sie ißt das Leben. Es ist ein Moment, in dem alles zusammenkommt: Technik, Emotion, Text, Atem," sagt er. Er bewahrt das subtile Gleichgewicht zwischen Engagement und Distanz. „Wir sehen uns am 6. Dezember im Flagey," lächelt er.
Zurückkehren als Wachsen
„Alle Rollen, die ich bereits gesungen habe, würde ich gerne erneut singen." Repertoire ist keine Liste, sondern ein Lebenszyklus: Rückkehr vertieft, Wiederaufnahme enthüllt neue Facetten desselben geheimnisvollen Wesens, das eine Figur ist. „Zu einer Rolle zurückzukehren ist wie alte Freunde zu treffen: vertraut, aber bereichert durch Erfahrung, Stimmeneentwicklung, persönliches Wachstum," sagt er. Zeitgenössisches Repertoire bietet Herausforderung und Gelegenheit: „Einige Werke stellen mich weiterhin vor Herausforderungen — und die Zeit ist immer zu kurz, um überall einzutauchen."
Der Sänger, der die Worte neu erfindet
Oleg Volkov singt nicht nur, er übersetzt – nicht von Sprache zu Sprache, sondern von Mensch zu Mensch. Seine Kombination aus Intellekt, Emotion und physischer Beherrschung macht jede Aufführung zu einer sorgfältig durchdachten, lebendigen Interpretation. Sein Credo ist unerschütterlich in ihm eingraviert:
Singen ist nicht Wiederholen. Singen ist Entdecken. Singen ist die Worte neu erfinden in dem Moment, in dem sie entstehen.
Sein Ideal? Singen, als würde er an Ort und Stelle die Sprache selbst erfinden — Worte, die in genau diesem Moment geboren werden. Und so kehrt der Atem einer Stimme zurück zur Stille ihres Ursprungs, und man spürt zwischen den Stille, dass diese Stimme gerade erst angefangen hat zu sprechen.
Samstag 6. Dezember, 20.15 Uhr, in „In diesem Wetter" aus den „Kindertotenlieder" von Gustav Mahler (1860-1911) mit Brussels Philharmonic u.L.v. Kazushi Ono. Siehe auch https://klassiek-centraal.be/music-chapel-festival-2025-de-vier-elementen-in-klank-en-geest/
