Anlässlich von 10 Jahren Musiktheater De Kolonie (2018) brachten die Gründer, Peter De Graef (Autor/Schauspieler/Regisseur) und Bo Spaenc (Multi-Instrumentalist/Komponist), ein Buch heraus und beschrieben darin Musiktheater wie folgt: "Eine Kunstform, die viel zu oft auf Theater mit einem Strich Musik reduziert wird, während der Begriff selbst eine Gleichberechtigung beider Disziplinen impliziert." Das wird in dieser Produktion vollends bewiesen.
Am Zug
Corona setzte die Schauspieler- und Musikgilde außer Betrieb. Nichts zu tun ist jedoch nicht das Credo von De Kolonie, und erst recht nicht das von Warre Borgmans. Es gesellte sich auch keine Ratlosigkeit oder Verzweiflung in die Reihen. Bo Spaenc, künstlerischer Direktor des Musiktheaters De Kolonie, wusste, dass Warre Borgmans mit seinem einzigartigen Talent, besondere Situationen in geschickte Texte zu gießen, wieder reichlich Material hatte, und schlug ihm vor, dazu Musik zu komponieren.
Text setzt seine musikalische Fantasie in Gang. Er schrieb eklektisches Material zusammen. In der Ruhe und mit doppelter Energie und Spielfreude wurde an einer neuen Aufführung in einer Blase von drei Personen gearbeitet: ein geborener Erzähler und zwei Klangzauberer.
Im Titel steckt bereits ein frecher Augenzwinkern: 'In Topvorm'. Dafür wurde gutes Volk zusammengebracht: Allround-Performer und eloquenter Sprecher Warre Borgmans, Akkordeonist Gwen Cresens, ein Mann vieler Musikstücke von Bach über Grieg bis Piazolla mit seinem eigenen Sexteto Tanguedia. Auf praktisch allen Bühnen und in allen Musikgenres zu Hause und natürlich Bo Spaenc selbst. Der Probenprozess begann, war abgeschlossen und eine Premiere sollte folgen: Corona hin oder her. Also für einen fast leeren Saal. So geschah es. Im Saal etwa zehn Menschen, darunter ein paar Rezensenten. Warre, Gwen und Bo, ein Triumvirat, das der Welt unverfangen entgegentritt und gerne jeden auf die falsche Fährte lockt.
Flandern zählt viele gute Schauspieler, aber als geborener Erzähler ragt Warre Borgmans mit Kopf und Schultern heraus mit seinem Naturell und Charisma. Es ist, als würde er alles spontan erfinden. Im Probenprozess lässt er das Material übereinander purzeln, dehnen, strecken, bis er das perfekte Tempo gefunden hat. 'In Topvorm' ist erneut eine starke Kombination aus einer gut aufgebauten Aufführung mit urkomischen Anekdoten, ansprechenden Bildern, und gleichzeitig wird das Publikum intellektuell durch die Handlungslinie herausgefordert, mit einer Parabel von der griechischen Antike bis jetzt. Die Bühne ist für Borgmans eine Tummelwiese mit wechselnden Saltos, Flicks und Schrauben in Höchstgeschwindigkeit hintereinander. Ein Schauspieler mit einer theatererfüllenden Energie. Live-Musik ist dabei der treibende Motor und Gegenspiel des Top-Schauspielers.
Szenisch
Es wird mit offener Gardine gespielt. Das CC Berchem verfügt über eine sehr geräumige Bühne. Beim Betreten des Saals siehst du fast einen Dschungel von Instrumenten und Mikrofonen auf einer Seite der Bühne und in der Mitte aufgestellt und auf der anderen Seite steht etwas verloren ein Tisch mit einem Stuhl daneben. Über dem Ganzen hängen sieben alte Kronleuchter. In langsam gehendem Tempo betreten drei Männer die Bühne, Bürgermännchen in Anzug und Hut. Reisende, die irgendwo stranden. Sie wirken wie verloren gelaufene Charaktere aus einem Stück von Beckett.
Spiel
Gwen Cresens zaubert einen tiefen, sonoren Klang aus seinem Akkordeon, der an eine Didgeridoo denken lässt. Warre Borgmans nimmt zentral in der Vorbühne Platz, schließt die Augen mit den Armen empfängnisvoll weit offen und lässt die Musen zu sich kommen: die Göttin der Schönheit, der Liebe... Bo Spaenc spielt das Xylofon, zusammen mit dem Akkordeon erklingt eine melancholische Melodie und der Erzähler nimmt das Publikum auf Schlepptau und es entpinnt sich eine idyllische Geschichte.
Alles bewegt sich, alles stimuliert den Denkprozess des Erzählers und der Musik. Was das Anschauen von Borgmans so fesselnd macht, ist seine eigenwillige Gestik, das Unterstreichen seiner Worte mit Gesten und seine entwaffnende schelmische Mimik. Wie eine Heuschrecke, getragen von der Vibe der Musik, taucht er immer wieder in andere Geschichten ein: die Gesundheitsgurus und Gesundheitssupplementationen werden zergliedert, es werden große Reisen unternommen von den Niederlanden nach Skandinavien, gespickt mit Jugenderinnerungen.
Beleuchtung und Musik schaffen eine unheimliche Atmosphäre, wenn ein Vorfall, ein unterdrücktes Jugendtrauma, aus den Tiefen und Spalten der Erinnerung wieder nach oben sprudelt. Zwischen den Erzählungen übernimmt die Musik und andere Klangfarben und Tempi führen das Publikum zur nächsten Geschichte. Gedichte von u.a. Guido Gezelle passieren neben Karamellenversen. Geschickt ist die Parodie auf einen betrunkenen gehobenen englischen Schauspieler, gefolgt von einer würzigen Geschichte in der Sprechstunde eines Urologen. Urkomisch!
Oft gibt es eine feine Koordination von Musik und Text. Über Umwege und Umschweife landen wir bei Alte Gott und die Herren singen Seite an Seite ein Lied, das an das Repertoire des verstorbenen Wannes Van de Velde denken lässt. In der Passage mit den Bittschriften entpuppt sich Warre Borgmans als eine Redeflut, die Lesung der ersten Briefe verläuft langsam und gemächlich, aber das Tempo baut sich auf, die Worte purzeln in rasanter Geschwindigkeit übereinander wie ein wilder Gebirgsfluss nach einem Wolkenbruch. Auch die Musik wird zu einem Wirbelwind von Klängen. Am Ende der Fahrt verirrt sich Warre Borgmans noch in der griechischen Mythologie mit Odysseus auf der Insel Ithaka. Natürlich gibt er dieser Geschichte seine eigene Wendung.
Odysseus lässt sich an den Mast seines Bootes ketten, um sich gegen die verführerischen Sirenen zu wappnen. Was Borgmans da aus seinem Bast herauswringt, musst du gesehen haben. Unterdessen lassen sich Gwen Cresens und Bo Spaenc nicht lumpen. Zahlreiche Instrumente werden eingesetzt. Gwen Cresens: Akkordeon steht im Mittelpunkt, das Instrument vieler Kulturen, daneben spielt er noch Gitarre und Mundharmonika mit Blaspfeife. Bo Spaenc: Xylophon, Klavier mit Blasebalg, Schlagwerk bis hin zu einem winzigen Drehorgel. Die Musik ist ebenso vielfältig wie die erzählten Geschichten, von Loungemusik bis zu würzigen Tangos.
Die Erzähllinie springt von Hölzchen auf Stöckchen, bildet aber durch die Musik ein konsistentes Ganzes in einem faszinierenden Spagat. Es ist wie ein Mosaik mit vielen Teilen und Farben, die zusammen ein schönes Gesamtbild ergeben. Zusammen weckt dieses Triumvirat einen Saal mit einem energischen Schub auf. Was Warre Borgmans in seinem 65. Jahr noch physisch leistet, er rennt und springt über die Bühne, als würde das kommende Frühling den alten Wahnsinn in ihm wecken, und verbal-technisch brilliert auf einer Bühne. Dafür gibt es nur ein Wort: Klasse! All dies dank zweier Spitzenmusiker/Klangzauberer, die ihn mit Vergnügen und Schwung begleiten und vorantreiben.
Diese Aufführung verdient es, gespielt und gesehen zu werden. Nicht für eine Handvoll Menschen. Geht es nicht sofort für einen vollen Saal, dann doch wenigstens für einen halben Saal und lieber noch ein bisschen mehr.
- WAS: In Topvorm durch Muziektheater De Kolonie
- WER: Warre Borghmans - Spiel, Text & Konzept, Bo Spaenc – Komposition, Konzept und Live-Musik, Gwen Cresens - Live-Musik, Chris Snik – Kostüme, Sam Bogaerts - gelegentlicher Coach, Dries Bellinckx - Form, Licht, Ton
- WO & WANN: Premiere ohne Publikum, 19. Februar 2021, CC Berchem
- FOTOS: © Jan Marchand