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Vier neue Veröffentlichungen des Labels Musique en Wallonie

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Vier neue Veröffentlichungen des Labels Musique en Wallonie

Nicht so großer Besuch wie in anderen Jahren bei dieser Pressevorführung von vier Neuveröffentlichungen von Musique en Wallonie. Natürlich hauptsächlich französischsprachige Kollegen und Experten. Schade, denn eine solche Organisation, die die Bewahrung und Förderung des wallonischen Musikerbes als Mission hat, gibt es in Flandern eigentlich nicht. Was ist neu in ihrem Katalog?

Sie haben zum ersten Mal – und sehr stolz darauf – eine CD mit Werken von Josquin des Prés veröffentlicht. Auf die Frage warum, war die Antwort sehr kurz: weil Josquin ein Wallone ist. Es gibt viel über Josquin zu erzählen, und nicht nur, dass er aus Hennegau stammt. Das tat auch der amerikanische Musikwissenschaftler und Sänger Jesse Rodin. Er tauchte in und um das Oeuvre des Komponisten ein, um endgültig festzustellen, was von ihm stammt, nicht von ihm stammt oder vielleicht von ihm stammt. Auf dieser Sammel-CD bringt er mit seinem Ensemble Cut Circle nur Motetten und Chansons, von denen Rodin hundertprozentig überzeugt ist, dass Josquin sie schrieb. Und damit möchte er auch die Diskussion über den Umfang des „Josquin-Corpus" beenden. Mit seinem Josquin Research Project, bei dem er dieses Werk musikwissenschaftlich, digital und mithilfe von Philologen analysierte, kam er auf 106. Deutlich weniger als die bislang allgemein angenommene Zahl von 346 Werken, die ihm „zugeschrieben" werden. Aber vielleicht noch wichtiger ist das, was man auf dieser CD hört: wie er Josquin mit seinem Ensemble aufführt. Mit besonderer Aufmerksamkeit für die Empfindlichkeiten der Texte, die richtigen Tempi, ohne jede Interpretation auch, nur wie sie genau notiert sind. Mit seiner Aufführung behauptet Jesse Rodin, dem Oeuvre von Josquin des Prés einen neuen Klang zu verleihen. Der Beweis? Höre dir diese Sonorität an!

Musique en Wallonie widmet sich auch einem anderen „Belgier" aus der Renaissance, Roland de Lassus, Meister der vokalen Polyphonie. Aber diesmal geht es – sehr originell – um Transkriptionen dieses Werkes und zwar für Laute. Das beliebteste Instrument des 16. Jahrhunderts, preiswert und praktisch. Und vor allem konnte die Laute diese vokalen Stimmen in einem polyphonen Klang globalisieren. Außerdem konnte man bei der melodischen Linie Verzierungen anbringen. Historisch gesehen kann man die Laute auch als Schrittmacher für die Entwicklung zur Instrumentalmusik sehen. Damals waren die Komponisten, die „gelehrten Schöpfer", die Berühmtheiten, jetzt scheint es, dass die Performer, die „Spielleute" von damals, die Stars sind. Hier ist die argentinische Lautenistin Evangelica Mascardi die Solistin und man kann ihr virtuoses Spiel sowohl auf Alt- und Sopranlaute hören und es gibt auch Transkriptionen für Tenor- und Basslaute. Auf der CD stehen auch noch Kompositionen anderer Zeitgenossen – Propagandisten der Lautenmusik, u.a. Vincenzo Galilei und Giovanni Terzi. Entdecke die volle Pracht dieses außergewöhnlichen Instruments „mit so vielen Vorteilen und Möglichkeiten".

Von dem Lütticher Komponisten Joseph Jongen hat Musique en Wallonie bereits mehrere CDs veröffentlicht. Jetzt ist es eine Doppel-CD mit dem Abschluss ihrer Gesamtaufnahme seiner Lieder. Und zwar mit niemand Geringerem als der Sopranistin Sarah Defrise, die kürzlich als „Junger Musiker von 2021" geehrt wurde. „Fêtes Rouges" ist der Titel und eine Anspielung auf den blutigen Krieg, vor dem Jongen nach England geflohen war und sein junger Freund und Dichter Franz Hellens nach Nizza. Er schickte Jongen eine Reihe pazifistischer Gedichte. In der Hoffnung auf Frieden setzte der pazifistische Jongen sie in Musik, sein langer Opus 57. Für die Lieder seines Opus 29 suchte Jongen Texte bei u.a. Victor Hugo, Emile Verhaeren und Baudelaire. Im Laufe dieser Ausgabe kann man seine musikalische Entwicklung nachvollziehen, von seinem frühesten Lied, als er siebzehn Jahre alt war, von der französischen Romantik über Post-Wagner und Debussy zu einer eigenen Synthese, so die Autoren. Für diese doch außergewöhnliche CD wurde sogar auf der Grundlage von Manuskripten gearbeitet. Und über die Interpretation können wir die wunderbare Stimme von Defrise nur loben.

Und dann wollte die Organisation in ihrer Reihe „Historische Aufnahmen" noch jemanden aus der Vergessenheit holen. Es geht um einen allzu bescheidenen Geiger, Alfred Dubois, der Lehrer und Mentor des viel bekannteren Arthur Grumiaux war. Er unterrichtete ihn kostenlos, denn er wusste, wie es war, aus einer bescheidenen Familie zu stammen. Dubois selbst spielte einst in Kinos, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, aber in späteren Jahren tourte er um die Welt und war in der Zwischenkriegszeit berühmt für seine sanften und vorsichtigen Glissandi.

Das Veröffentlichen einer solch äußerst sorgfältig gestalteten (die Textbücher!) und doch spezialisierten CD-Reihe kann kaum rentabel sein, aber wenn es um die Bewahrung des Musikerbes geht, kann das allemal zählen!


KOMPONIST: Josquin des Prés WAS: Motets et chansons AUSFÜHRENDE: Cut Circle unter Leitung von Jesse Rodin KOMPONIST: Roland de Lassus WAS:Io ti vorrei contar… (Transcriptions pour Luth) AUSFÜHRENDE: Evangelica Mascardi, Laute. KOMPONIST: Joseph Jongen WAS: Fêtes Rouges. Intégrale des mélodies nr.2 AUSFÜHRENDE: Sarah Defrise [Sopran] und Craig White [Klavier] KOMPONIST: Vieuxtemps, Franck, Ysaÿe, Jongen…WAS: Violon AUSFÜHRENDE: Alfred Dubois [Violine] und Fernand Goeyens [Klavier]
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