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Offenbach überlebt mit Les Contes d'Hoffmann in De Munt

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· 6 Min. Lesezeit
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Offenbach überlebt mit Les Contes d'Hoffmann in De Munt

Im letzten Moment würdigt Die Munt das zweihundertste Geburtsjahr von Jacques Offenbach (1819-1880) mit einer Aufführung seiner einzigen Oper Les Contes d'Hoffmann.

Offenbach ist vor allem als Erfinder der Operette bekannt. Er schrieb etwa hundert davon, von denen viele die Zeiten überdauert haben. Damit erlangte er großen Ruhm in Paris und im Rest Europas. Aber war sein Wunsch, nicht nur als Operettenkomponist in die Geschichte einzugehen, sondern auch als Komponist mindestens einer ernsthaften Oper, der Grund, dass er am Ende seines Lebens noch einmal sein magnum opus Les Contes d'Hoffmann in Angriff nahm?

Offenbach würde die Uraufführung im Februar 1881 nicht mehr erleben. Er verstarb vier Monate zuvor, bevor er die Partitur vollenden konnte. So sorgte er posthum noch für viel Verwirrung. Weil es keine autorisierte Partitur gab, machte jeder, was er wollte, ganze Akte wurden manchmal gestrichen oder hinzugefügt. In den letzten Jahren gewinnen die Musikarchäologen jedoch immer besseren Überblick über die Materie, und wir können nun von einer relativ definitiven Fassung sprechen.

Trotz dieser chaotischen Überlieferung hat sich Hoffmann mühelos im Repertoire behauptet, dank einer guten Geschichte, raffinierter Orchestrierung und ein paar unsterblicher Melodien, die jeder leicht mitsingen kann.

Die Munt beschenkt uns mit einer Inszenierung des überall gepriesenen Regisseurs Krzystof Warlikowski und seines Teams, in dem die Bühnen- und Kostümdesignerin Malgorzat Szczesniak seit Jahren ein wichtiger Bestandteil ist.

Warlikowski ist fasziniert von Film, besonders aus den Glanzzeiten Hollywoods. Es überrascht daher nicht, dass er die Geschichte an einen Filmset verlegt, wo Hoffmann nicht nur als Hauptdarsteller und Erzähler seine drei Liebesgeschichten erzählt, sondern auch als Regisseur die Geschichte seines Lebens. Der Effekt der Droste-Kakaodosen. Warlikowski lässt keine visuellen Mittel unversucht, um den Zuschauer zu verfremden. Alles, was derzeit an Bildtechnik möglich ist, wird eingesetzt, aber auch durch Eingriffe in die Handlung versucht er, das Publikum zu täuschen. Zum Beispiel, indem er in der letzten Entr'acte den Vorhang schließt und eine Oscar-Verleihung inszeniert.

Es beginnt alles überwältigend: ein lebhafter Filmset mit Solisten, zahlreichen Statisten und einem Chor, der hinter einem riesigen Videobildschirm aufgestellt ist. Überall Mikrofone und Kameras. Es sieht beeindruckend aus, sorgt aber auch für Verwirrung und Chaos. Die projizierten Bilder lenken die Aufmerksamkeit ab von dem, worum es eigentlich geht: Kneipengeher Hoffmann, der die drei Geschichten seiner gescheiterten Lieben erzählt, umgeben von fragwürdigem Volk. Dazu kommt, dass man ab und zu auch auf die Oberflächentitel schauen möchte, und es wird klar, dass dies Multitasking für Fortgeschrittene ist.

Dass dies auch für Dirigent, Chor und Orchester eine Eingewöhnungszeit brauchte, zeigte sich in einem etwas zögerlichen Start, mit hier und da etwas unscharferen Einsätzen.

Im Laufe der Zeit kommt etwas mehr Ruhe in die Vorstellung. Wir sehen, wie Hoffmanns Liebe zu der Puppe Olympia in einer Enttäuschung endet. Die französische Sopranistin Patricia Petibon übernimmt die vier Frauen in Hoffmanns Leben. Sie erweckt Olympia in der Arie „Les oiseaux dans la charmille" auf eine urkomische Weise zum Leben, aber vielleicht etwas zu lustig. Ist das, um zu verbergen, dass sie Schwierigkeiten hat, die Noten der Koloratur zu treffen, für die diese Arie so berühmt (und berüchtigt) ist?

Aber auch wenn die Stimmung in der dritten und vierten Akt definitiv umschlägt und das Drama Einzug hält, kann sie nicht ganz überzeugen als schwächelnde Antonia – da vermisst man die Ergriffenheit – und als Haifischschlampe Giulietta. Diese anspruchsvolle Rolle zu Ende zu bringen, ist ohnehin eine Leistung, aber Petibon ist nicht immer gleich treffend. Hat sie den geeigneten Stimmtyp für Offenbachs vokales Trapezwerk?

Der erhabene Alkoholiker alias Taugenichts Hoffmann wird von dem gut spielenden amerikanischen Tenor Eric Cutler dargestellt, der mit seiner etwas dünnen Stimme Schwierigkeiten hatte, sich gegen den Brüller Gabor Bretz zu behaupten, der die vier Schurken für seine Rechnung nahm. Und wie! Bretz lieferte eine beeindruckende Leistung. Bei ihm sind die Bösewichte wirklich böse. Er hat auch eine besondere Bühnenpräsenz. Er gehört zu jenen Solisten, die die ganze Bühne ausfüllen, auch wenn er irgendwo in einer Ecke hinten steht. Auch éminence grise Bariton Sir Willard White ist einer davon, ebenso wie Sylvie Brunet-Grupposo, die ihre zwar kleine Rolle als Stimme aus dem Grab von Antoines Mutter wunderbar verkörperte. Michèle Losier war in ihrer Doppelrolle als Hoffmanns Muse und Gefährtin Nicklausse wie ein Fisch im Wasser.

Für den Chor der Munt nur Lob. Sie brachten mit ihrem energiegeladenen Auftritt den dringend benötigten Schwung in die Vorstellung.

Und im Graben? Da wurde vor allem sicherheitsorientiert gespielt, bekam man den Eindruck. Es klang hier und da etwas grob. Es strahlte noch nicht sehr. Es sah so aus, als hätte Dirigent Altinoglu Schwierigkeiten, seine Musiker an die Vorderkante der Sitze zu bringen. Die raffinierte Orchestrierung, die diese Partitur kennzeichnet, kam dadurch (noch) nicht sehr zur Geltung. Aber es gibt glücklicherweise noch zehn Aufführungen, um hineinzuwachsen!

Warlikowskis hypermoderne Herangehensweise führt nicht nur zu Verfremdung, sondern auch zu Irritation. Immer wieder stellt sich die Frage: Wie weit darf man bei der Aufführung einer Oper aus 1881 eigentlich gehen? Was trägt all diese Technik zu so einem Stück bei?

Ein solcher Ansatz, angewendet auf einen geschriebenen Text oder ein Schauspiel, etwa Shakespeare, wirft normalerweise kein Problem auf. Gedanken lassen sich auf vielfältige Weise darstellen. Aber bei Oper liegt das anders. Dort ist die Form festgelegt. Der Komponist hat klar angegeben, wie er alles gemeint hat. Und dann ist da immer noch die Musik, die den Zeitgeist widerspiegelt und eine bestimmte Atmosphäre aufruft. Offenbach ist keine Ausnahme hiervon.

Wo liegt die Grenze zwischen Offenbach in der Regie von Warlikowski oder der neuen von Warlikowski zu Musik von Offenbach? Und warum entscheidet sich Warlikowski ausgerechnet dafür, die Musik von Offenbach zu verwenden und engagiert nicht einen zeitgenössischen Komponisten, um ein ganz neues Hoffmann-Werk zu schaffen? Das wäre echte Erneuerung!

Während in der klassischen Musik in den letzten fünfzig Jahren viel Mühe darauf verwendet wurde, die Aufführungspraxis näher an das Original und die Absichten des Komponisten heranzubringen, scheint sich in der Oper eine gegenteilige Bewegung abzuzeichnen, und die Inszenierungen entfernen sich immer weiter vom Original. Aber passt diese alte Musik wirklich zu diesen modernen Bildern? Darin liegt für mich die größte Entfremdung. Nach dem Erfolg dieser Aufführung zu urteilen, macht sich das Publikum daraus nichts.

Als ich mich heute Morgen unter der Dusche dabei ertappte, wie ich leise diese ergreifende Arie „Elle a fui, la tourterelle" vor mich hin summte, konnte ich zu keinem anderen Ergebnis kommen, als dass Offenbach mühelos seinen Fall für sich selbst entschieden hat.

In etwa hundert Jahren werden Menschen immer noch seine Arien unter der Dusche summend pfeifen, aber wer war dieser Warlikowski nochmal?


  • WAS: Les Contes d'Hoffmann von Jacques Offenbach
  • WER: Orchester und Chor von De Munt, unter der Leitung von Alain Altinoglu
  • GESEHENE AUFFÜHRUNG: 10. November 2019, Muntschouwburg Brussel
  • FOTOS: © Bernd Uhlig
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