'Ophelia' ein Name, der im kollektiven Gedächtnis verankert ist, eine Figur aus Shakespeares Schauspiel 'The Tragedy of Hamlet, Prince of Denmark'. Aber es liegt ein Fluch auf ihrer Liebe. Sie wird von ihm abgewiesen. Liebeskummer wird ihr zum Verhängnis. Sie spricht nur noch in Fetzen von Liebesliedern und ertrinkt schließlich. Als Ausgangspunkt fand Theatermacherin Inne Goris Ophelia eine interessante Figur.
Konzept
Sie suchte für die ungewöhnliche Filminstallation nach 12 Mädchen zwischen 8 und 22 Jahren. Sie wissen noch nicht viel über die Liebe. Aber verrückt nach Liebeskummer werden und in einem Teich voller Blumen enden wie Ophelia, das wollen sie nicht. Es gibt Alternativen. Mädchen im Übergang vom Kind zur Frau sind nicht nur schön, sondern auch interessant. In der aktuellen Landschaft sind unsere Jugendlichen freiheitsliebend. Die folgende Frage hallte wider: "Was ist Liebe?" Die Chemie, die dafür sorgt, dass man aus all den Wesen einen auswählt, der einen auffällt und mit dem man sein Leben verbinden möchte. Eine erste Verliebtheit ist natürlich ein einschneidendes Ereignis. Verliebtheit sorgt für eine intensive und stürmische Energie. Das Erleben von Glücksmomenten. Sich an den Händen halten, sich umarmen und in den Himmel fliegen. Eines der Mädchen beschreibt es bildlich: "Sich umarmen ist herrlich, man spürt seine Wärme auf dem Körper." Aber wird Liebe von Jugendlichen nicht zu sehr idealisiert und romantisiert?
Letztendlich gibt es nicht nur eine Ophelia, sondern 12. Sie teilen ihre Erfahrungen. Liebe inszeniert mit den Codes und Erwartungen im Jahr 2021. Sich in einen Jungen oder ein Mädchen verlieben, oder in beide. Alles ist möglich. Was künstlerische Arbeit so fantastisch macht, ist Material sammeln, eine Mise-en-scène daraus destillieren und deine Performer diese Ideen aus ihrer Erfahrenswelt interpretieren lassen. Inne Goris schlägt in ihrer Regie eine Brücke zwischen Stimme, Musik und Bild. Eine perfekte Übereinstimmung. Die drei Säulen dieser Aufführung sorgen für viel Expressivität und Schattierungen in einer Abfolge von kurzen Szenen. Ein Parcours voll Worten, brillanten Bildern, Rhythmus und Melodien.
Mise-en-scène
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© Koen Broos[/caption]
Die Aufführung wird in Areniform gespielt. Das Publikum sitzt in einem Kreis um eine hohe rechteckige flache Konstruktion, einen monolithischen Block, auf dem Bilder projiziert werden. Durch Improvisation entstanden starke Bilder. Dadurch, dass die Projektionsfläche nicht vertikal, sondern horizontal angebracht ist, entstehen Effekte mit überraschenden Bildkompositionen von verspielt bis dunkel.
Ein zaghaftes Stimmchen hallt in der Dunkelheit wider. Ein anderes folgt von links, rechts, im Stereomodus. In der Dunkelheit kann man konzentriert zuhören. Text und Gesang reizen die Sinne mit dünnen, melodischen Klängen. Die Mädchen teilen erste Erfahrungen, träumen aber auch und philosophieren darüber. Sie flüstern, erzählen volles Rohr, lallen, kichern, lachen laut auf. Die ersten projizierten Bilder zeigen Mädchen in märchenhafter Kleidung. Keine Gesichter, sie bleiben anonym, der Fokus liegt auf den Händen, die elegant sich bewegen. Durch eine kleine Berührung richtet sich die Kamera auf ein nächstes Mädchen, und so weiter. Bis zur letzten, deren eine Hand von Astenbündeln überwuchert zu sein scheint. Das Bildmaterial zeigt weiterhin bekannte Situationen, die Blütenblätter einer Blume pflücken: Er mag mich, er mag mich nicht, er kommt, er kommt nicht. Oder die Kamera richtet sich auf den Rücken eines Mädchens. Sie wendet den Blick nach innen, die Introspektive geht tief, verletzlich. Ein anderes wendet sich rebellierend von der Liebe ab: "Ich heirate nie!" Es gibt eine starke Konnotation mit der Erde: darin verkriechen wie in einem Kokon. Die Tauchgänge in Einsamkeit und Traurigkeit bedrücken glücklicherweise nie. Der filmischen Bilder und Montage wurde äußerste Sorgfalt gewidmet, Fingerspitzengefühl.
Während der Aufführung schaust du auf das Bildmaterial und hörst den Stimmen in der Dunkelheit zu. Am Ende geht das Licht an. Die 12 Ophelias, die sich zwischen dem Publikum aufgestellt hatten, stehen auf und drapieren ein Lied um das Ganze herum.
Komponist Thomas Smetryns sorgte für eine dünne, atmosphärische Soundscape mit seideweichen Akkorden und hier und da einem anschwellenden Klanggewebe.
'Ophelia' eine gelungene Aufführung: euphorisch, dann wieder dunkel und poetisch.
INFO
- WAS: Ophelia
- WANN: Premiere Mittwoch, 29. September
- WO: HetPALEIS, Antwerpen
- WER:
- Konzept & Regie: Inne Goris
- Komposition: Thomas Smetryns
- Ausführung: SPECTRA Ensemble [Pieter Jansen, Violine; Bram Bossier, Bratsche; Francis Mourey, Cello und Frank Van Eycken, Perkussion]
- Libretto: Dounia Mahammed
- Kamera und Fotografie: Koen Broos
- Montage: Linde Raedschelders
- Mädchen: Helin Capa, Joanna Decaluwé, Olivia Engels, Lena Kontech, Annellen Lambrecht, Marie Moonen, Ivana Noa, Chahd Snoussi, Renee Vaerewijck, Billie Van Overtvelt, Paulien Van Walle und Marthe Verhovert
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