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Über einen Sender, der weiterhin überrascht

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· 8 Min. Lesezeit
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Über einen Sender, der weiterhin überrascht

Die Klara Top 100 ist eine Liste, Klara 20 war ein Geburtstag. Zwischen beiden liegt eine Welt von Unterschieden. Beide entwickelten sich, das stimmt. Die eine jedes Jahr leicht. Die andere über diese 20 Jahre hinweg viel. Und wie! In der Liste verdrängte der Newcomer Arvo Pärt den alten treuen Bach. Aber über diese zwanzig Jahre hinweg hat sich noch viel mehr verändert. Wie könnte Klara anders vorgehen als mit einem Stille-Buch und einer Jazzpublikation.

Ohne Scham umarmt Klara damit zwei doch sehr unterschiedliche Musikgenres. Ein Zeichen der Zeit? Ist Klara dann nicht mehr der geliebte Klassik-Sender? Kürzlich äußerten sich zwei Professoren zur Top-100-Liste. Der Musikwissenschaftler Pieter Bergé fand darin eine „Sehnsucht nach Langsamkeit", und fügte hinzu: „hoffentlich ist das nicht nur eine Sehnsucht von immer älter werdenden Klassik-Liebhabern." Die Musikphilosophin Marlies De Munck fand die Liste mit einem zeitgenössischen Komponisten wie Arvo Pärt an der Spitze gerade als Beweis dafür, dass Klassik wirklich noch lebt. Mit dem Unterschied, dass Bach deine Aufmerksamkeit nach außen richtet und Pärt dich einlädt, diese Aufmerksamkeit nach innen zu richten. Hat sich dann bei uns eine veränderte Hörweise entwickelt? Und wenn wir nun diese Aufmerksamkeit zwischen außen und innen in unserem Hören ins Gleichgewicht bringen würden, war ihr Vorschlag. „Hören kann man lernen."

Klassik lebt!

Ist es nicht gerade das, was der Sender seit Jahren tut, unsere Ohren öffnen? Und das schafft er auch! Auch ausländische Sender erstellen Beliebtheitslisten. Kürzlich feierte der deutsche Klassik-Sender noch zehn Jahre „WDR 3 Lieblingsstücke." Es wurde eine so vorhersehbare und vor allem wirklich „klassische" Top 100. Kein Arvo Pärt noch Pergolesi zu sehen. Beethovens Neunte an der Spitze, gefolgt von vier Jahreszeiten und einem bekannten Fluss, der Moldau. Plus Peer Gynt und die Bolero. Das würde selbst für Radio-3-Hörer von vor mehr als zwanzig Jahren keine Wahl gewesen sein. Hier also nur „Music for the Millions". Wobei da überhaupt nichts gegen einzuwenden ist. Aber trotzdem.

Auch bei Klara kommen die Klassiker zu Wort. Höre morgens Bart Stouten und nachmittags Mark Janssens. Das Duo ist ein Fels in der klassischen Brandung. Aber auch sie verlassen regelmäßig diese ausgetretenen Pfade, so schön sie auch klingen. Kürzlich sprach Bart Stouten in seinem „Klassik lebt" über Stockhausen. Das tat er anlässlich eines Werks des Postminimalisten Jòhanns Jòhannsson. Ein Komponist der „neuen wohlklingenden" Gebrauchsmusik? Auf jeden Fall kein Karlheinz Stockhausen, noch ein Xenakis oder Varèse. Das verstehe ich. Das gehört zu den Spätabendprogrammen. Für echte Entdeckungen und Überraschungen mit wirklich zeitgenössischen Gästen müssen wir in diesen Spätabend gehen. Da gibt es mehr als nur Richter oder Einaudi. Auch Filmmusik-Komponisten bekommen ihren Platz. France Musique traute sich kürzlich, eine „Journée de la Création" zu organisieren. Man hörte den ganzen Tag über zahlreiche ikonische Werke, die einst in ihrem Maison de la Musique uraufgeführt wurden. Und da war Varèse dabei. Doch eine Seltenheit.

Mehr als Klassik

Es gibt noch einen anderen Trend, der auch die ausländischen Klassik-Sender nicht entgangen ist. Kürzlich hörte ich Katelijne Boon ihr Programm „Liefhebbers" mit „There's no business like showbusiness." eröffnen. Ein Song des Musicalkomponisten Irving Berlin. Ja, dann weißt du, dass es eine Entwicklung auf Klara gibt. Und darauf folgte problemlos „Sposa non mi conosci". Barock von der besten Sorte von Germano Giacommelli, natürlich mit dieser beherrschten und himmlischen Stimme von Cecilia Bartoli. Das geht alles. Und zum Thema „Easy Listening", BBC3 hat ein Programm mit diesem Namen. Und auch ich bin ein Fan von Klaas „Django" in der lebhaften Vorabenddauer auf dem Weg nach Hause. Genauso wie von der ähnlichen „La Dolce Vita" bei Musiq 3, „pour commencer une soirée en douceur." Die haben übrigens noch zwei andere dieser Top-Programme im Angebot mit „Farniente", ein Programm „où le plaisir et l'éclectisme sont le fil rouge" und „Sunset boulevard", wo sogar Platz für Crooner ist. Mischungen und Crossover, das ist bei „klassischen" Sendern erworben.

Jazzig durchs Leben gehen

Und Klara hat auch etwas mit Jazz, selbstverständlich. Schon seit Jahren, von Elias Gistelinck über Rob Leurentop und Marc Van den Hoof bis zum Buch von Karel Van Keymeulen: „All That Jazz". Es enthält fünfzig „ikonische Jazznummern für alle Stimmungen." Und das sind acht Emotionen, jeweils mit einer passenden Auswahl an Nummern. Ein paar Beispiele aus den acht Kapiteln? Er beginnt mit einem Gefühl von Drive, das fast jedem Jazzstück eigen ist, und das erste Beispiel könnte nicht besser gewählt sein, um diesen Drive zu illustrieren, Moanin' von Art Blakey. Bei Swing darf Count Basie nicht fehlen mit seinem One o'clock jump. Sein Kollege und Konkurrent Duke Ellington kommt in der Abteilung Spirit zu Wort und unter Blue Note zitiert er unter anderem Coleman Hawkins. Diesen hätte ich gerne auch unter Swing gesehen, denn wenn man ihn in den Aufnahmen mit The Ramblers hört, als er ein paar Jahre in Europa spielte: das war echte Swing. Bei Blues kommt man an Miles Davis mit All Blues aus „was dieses ultimative Jazzalbum genannt wird: Kind of Blue" nicht vorbei. Wenn du Unruhe und Spannung und Freedom spüren möchtest, empfiehlt dir Van Keymeulen zum Beispiel Charlie Parker mit seinem „Koko". „Virtuose Improvisation in brennend schnellem Tempo" schreibt er. Wenn dein Herz gegen Ungerechtigkeit rebelliert, kannst du dich bei Billie Holiday und diesem tragischen „Strange Fruit" erquicken. Und wer sich schließlich überraschen lassen möchte, was aus Jazz geworden ist, findet in der letzten Stimmung „Surprise" sein Glück unter anderem bei Brad Mehldau und Vijay Iyer. Bei jeder dieser Nummern bekommst du Hintergrund über den Musiker und seine Zeit, eine oder andere Anekdote und – wichtig – was du inhaltlich hören wirst. Es sieht aus wie ein Bilderbuch, so schön ist es gestaltet, aber es ist ein Lese- und Lernbuch und vor allem ein Hörbuch, mit Spotify-Playlist dabei. Das kann man gerne haben!

Die Stille von damals und heute

Das andere neue Klara-Buch ist noch schöner gestaltet, auch bei Borgerhoff & Lamberigts. „Die Stille der Musik vor Bach." Klara-Netzkoordinatorin Liesbet Vereertbrugghen ist die Ideengeberin, ihre Kollegin und Moderatorin Nicole Van Opstal und Musikwissenschaftler Hendrik Vanden Abeele sind die Mitautoren. Hier nicht fünfzig sondern „sechzig Schlüsselwerke aus zehn Jahrhunderten Musik" und das reicht von 600 bis 1600, von der monastischen Welt und den Troubadouren zur Polyphonie. Nicht nur niederländische Musik der Franco-Flamen. Du findest dort auch viel anderssprachige Europäer. Alle Bekannten (Thomas Tallis mit seinem Spes Allium oder Guillaume Dufay mit diesem einzigartigen Nuper rosarum flores) und auch viel weniger Bekannte (zum Beispiel Adam de la Halle) bekommen ihren Platz. Bei jedem der gewählten Werke gibt es Kontext, Erläuterungen und musikwissenschaftliche Einblicke, alles sehr verständliche Annotationen. Wichtig auch: alle Liedtexte erhalten ihre Übersetzung. Die Autoren bitten darum, mehr als einmal zuzuhören. „Mach es, immer wieder und wieder" und sie empfehlen Slow Listening. Und es geht bereits um eine Spotify-Wiedergabeliste von insgesamt 5 Stunden und 25 Minuten... Merkwürdig auch: sie enden mit Stille in der zeitgenössischen Musik. Und ja, Arvo Pärt ist dabei, aber auch Satie, Feldman, Cage, Messiaen, Scelsi und Max Richter und Jòhanns Jòhannsson. So sind wir wieder bei dieser Aufmerksamkeit für Langsamkeit, Zurückhaltung, Ruhe: „Es geht um Musik, die sich Zeit nimmt und diese sogar anhält." Musik, die Gänsehaut verursacht, aber von innen, wie ein Zeuge dem Autor sagte. Still wird dir übrigens auch beim Durchblättern der überraschend schönen Illustrationen im Buch. Nicht nur aus den Miniaturbüchern oder Partiturbüchern von damals oder Abbildungen von Flämischen Primitiven. Auch von unter anderem Dirk Braekman, Michaël Borremans oder Berlinde De Bruyckere.

Beide Bücher beweisen, dass weder alte Musik noch Jazz Nischenprodukte sind, sondern zurecht in das breite Klangspektrum des Klara-Universums gehören. Zumal, wenn wir auch noch dieses andere Erfolgsbuch aus 2014 dazunehmen, „Iedereen klassiek". Das übrigens bereits in dritter Auflage vorliegt und perfekt die Lücke zwischen den beiden anderen füllt. Auch die Zusammenarbeit mit dem Klara Festival, zumal es notgedrungen online gehen musste (allerdings mit immerhin 12.000 'Besuchern'!) beweist, dass Klara mit dem digitalen Zeitalter umgehen kann. Und auch die Zeit, dass – wer weiß – andere Plattformen eines Tages das lineare Radio verdrängen werden. Schon jetzt sitzt der Sender auf YouTube und hat Podcasts. Meiner Meinung nach bleibt Klara wunderbar.


  • WAS: Karel Van Keymeulen, „All that Jazz. 50 iconische Jazznummern für alle Stimmungen", Borgerhoff & Lamberigts/Klara, Gent, 2020, 225 S.
  • WAS: Liesbet Vereertbrugghen, Nicole Van Opstal und Hendrik Vanden Abeele, „Die Stille der Musik vor Bach. Sechzig Schlüsselwerke aus zehn Jahrhunderten Musik 600-1600", Borgerhoff & Lamberigts/Klara, Gent, 2020
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