Die berühmte barfüßige Geigerin Patricia Kopatchinskaja war zu Gast in deSingel mit der Sopranistin Anna Prohaska und dem Ensemble Resonanz. Sie präsentierten ein Programm rund um die Heilige Jungfrau 'Maria Mater Meretrix'.
Ein textlich geschickt zusammengestelltes Programm, in dem man die wichtigsten Momente aus dem Leben der Mutter Maria verfolgen kann. Die Texte von mehr oder weniger bekannten Dichtern wurden im Laufe der Jahrhunderte von (un)bekannten Komponisten vertont. Durchaus interessant und reizvoll, fesselnd.
Maria im Mittelpunkt oder Patricia?
Ein Konzert sollte die Musik in den Mittelpunkt stellen und wenn es ein besonderes Thema gibt, wie die Muttergottes, dann sollte dieses genauso zentral sein wie die Musik oder darf diese überwiegen. Aber ach, was über allem zentral zu stehen schien, war die Geigerin, die wirklich im Showbereich in den Overdrive ging. Und das geht nicht um ihre nackten Füße, sondern um alles andere. Ja, sie ist eine Virtuosin und entlockt ihrer Geige einen enormen Klang. Musik allerdings? Die hörte ich kaum. Darüber hinaus machte sie aus dem verflochtenen Programm eine Art Potpourri mit nicht immer passenden musikalischen Verbindungselementen und Zwischeneinlagen.
Die Sängerin Anna Prohaska sang mit Leidenschaft und gestaltete den Text beachtlich. Bei voller Orchestralklang kam sie nicht immer über die Klangfülle, aber es blieb sehr anständig akzeptabel. Allerdings konnte ich mich mit den manchmal bizarren Eingriffen nicht anfreunden, die wie eine Feile zu einem Fisch passten. Gelegentlich gab es sehr schöne, gedämpfte, ehrfürchtige Momente, etwa im Eröffnungsstück von Gustav Holst.
Das anschließende 'Palästinalied' von Walther Von der Vogelweide war so mittelalterlich wie nur möglich, bis die vorletzte hinzugefügte instrumentale Strophe einen zeitgenössischen filmischen Effekt verlieh, den Stil noch respektierend. Leider, danach war das Tor zum Drama mit einem instrumentalen Drachen von George Crumb geöffnet, gefolgt von der völlig aus dem Kontext gerissenen Ave Maris Stella auf gregorianischer Basis von Guillaume Dufay. Die instrumentale Ausführung war derart pseudo-mittelalterlich und erwies sich als gescheiterte Suche nach dem Was und Wie. Ich vermute, dass der Bearbeiter – wer immer es auch sein mag – das Wesentliche nicht verstanden hat.
So ging es immer weiter und weiter. Und dann die Leiterin des Ganzen, liebes Güte doch, das machte mir ordentlich Nerven. So die Aufmerksamkeit auf die eigene Person lenken. Wozu ist das nötig? Man steht in der Mitte der Bühne, jeder sieht dich wirklich, all dieses überzeichnete Show- und manchmal aggressive Violinspiel macht dich, meiner Meinung nach, statt zur 'Favoritin des Abends' zur 'fallenden Favoritin des Abends'. Nein, danke dir. Das brauche ich nicht, auch wenn ich sehr gut weiß, dass die große Mehrheit, ob vom großen Namen geblendet oder nicht, mit mir nicht einer Meinung sein wird.
WAS: 'Maria Mater Meretrix' mit Anna Prohaska (Sopran), Patricia Kopatchinskaja (Violine) und Ensemble Resonanz
WO: deSingel, Antwerpen
WANN: 20. April 2023
FOTO: © A touch of theatricality … Patricia Kopatchinskaja (left) with Anna Prohaska at the Barbican. Photograph: Ash Knotek