Das Festival nimmt in dieser Ausgabe Europa als Ausgangspunkt mit einem Fokus auf Mitteleuropa und einer Vorliebe für die Musikszene Tschechiens. Einer der Gründe hierfür ist die Feier rund um 200 Jahre Bedřich Smetana.
Dieser Komponist wurde 1824 geboren. Seine Opern und vor allem das sinfonische Gedicht 'Má Vlast - Mein Vaterland', mit dem Abschnitt mit dem Titel Die Moldau, sind weltberühmt, aber auch seine Kammermusik, Lieder und Chormusik verdienen größere Bekanntheit. Für diesen Aspekt wird intensiv mit Czech Dreams und mit dem tschechischen Partnerfestival Concentus Moraviae zusammengearbeitet.
Jelle Dierickx, künstlerischer Direktor des Festival van Vlaanderen Mechelen, verfügt über umfangreiches Wissen über die Musiklandschaft, von Komponisten bis zu Ausführenden. Dabei hat er ein Gespür für außergewöhnliche Talente. Er kontaktierte Landsleute von Smetana, Leoš Janáček und Josef Suk, die sich mit ganzem Herzen dem Werk dieser Komponisten verbunden fühlen. Nicht die ersten besten. Das Pavel Haas Quartet, benannt nach dem tschechischen Komponisten Pavel Haas, Brno 1899, der während des Holocaust 1944 im deutschen Vernichtungslager Auschwitz ermordet wurde, gibt sich die Ehre.
Das Quartett besteht aus drei Herren und einer Dame: Veronika Jarůsková und Marek Zwiebel, Violine; Šimon Truszka, Bratsche und Peter Jarůšek, Cello. Vier Spitzenmusiker mit einer einzigartigen Dynamik, die sich gegenseitig begeistern. Ihr Lebenswerk ist es, klassische Werke weiterzugeben in dem Streben nach Schönheit und dem Erhabenen in einem einfallsreichen visuellen und auditiven Fluss. Sie vertiefen sich in Partituren, tauchen ins Meer der Noten ein, gehen miteinander in Dialog und wenn die gegenseitige Chemie stimmt, scheint die Zeit stillzustehen. Die Repertoirewahl zeigt auch, dass sie vielfältig bewandert sind. Die tschechische Seele schwingt bei den drei Komponisten mit, aber auch ihre gegenseitigen Unterschiede werden dem Hörer nicht entgehen.
BBC Music Magazine platzierte das Pavel Haas Quartet unter die zehn besten Streichquartette aller Zeiten und mit Recht. Sie sind zum ersten Mal in Mechelen zu Gast mit einem Programm, das ganz ihrer Heimat Tschechien gewidmet ist. Im Mittelpunkt steht das Erste Streichquartett von Bedřich Smetana. Wie Beethoven hatte Smetana mit Taubheit zu kämpfen. Es erhielt als Untertitel 'Aus meinem Leben'.
Im Programmheft wird die Zwietracht angesprochen, ob eine Komposition emotional interpretiert werden muss oder rein technisch? Die Wahrheit wird wohl irgendwo in der Mitte liegen. Die drei Komponisten verankerten auf unterschiedliche Weise ihre Gefühle in ihrer Komposition: die Liebe zu ihrem Land, eine Frau, ein verlorener Sinn. An Intensität mangelt es nicht. In drei verschiedenen Kompositionen schafft es das Quartett, eine magnetisierende Spannung aufzubauen.
Das 'Streichquartett Nr. 1' von Bedřich Smetana wird als autobiografisches Werk beschrieben, das den Tinnitus darstellt, an dem er während seiner Taubheit litt. So erklingen in der Finalen lang gehaltene Töne, die für die Pfeiftöne stehen, die seine Taubheit ankündigten. Der 1876 bereits zwei Jahre taube Komponist nannte es "eine Meditation über mein Leben und die Katastrophe der völligen Taubheit." Eine Komposition mit großer Reichweite von samtweiches sonoren Klängen bis hin zu stürmisch und gequält. Die Noten zittern und vibrieren. Gab es kein Gehör mehr, sind Vibrationen eine Alternative. Es zeigt den Menschen in seiner Verletzlichkeit.
In Leoš Janáčeks 'Streichquartett Nr. 2 – Intime Briefe' illustrierte der Komponist in musikalischen Liebesbriefen das Ungreifbare und Faszinierende des Liebesspiels. Würziges Detail, der 74-jährige Janáček beschreibt seine Liebe für die fast vierzig Jahre jüngere Kamila. Dies führt zu einer sprudelnden Musikfontäne, die von Anfang bis Ende verführt, winkt und flammt mit schnellem Wechsel von Tönen auf verschiedenen Saiten. Mit technischen Schwierigkeiten für den ersten Solisten mit schnellen, komplizierten und manchmal stratosphärisch hohen Lagen. Veronika Jarůsková beherrscht ihr Instrument fehlerfrei. Strahlt Anmut beim Spielen aus. Es gibt auch schöne Passagen für die Bratsche und das Cello. Das Quartett eignet sich das Werk ganz zu eigen. Zum Glück, denn wenn es nur eine standardisierte Interpretation jedes Werkes gäbe, wäre das Musikleben langweilig. Sie legen eine rohe Klarheit und eine gefühlvolle Tiefe in das Werk mit Tempi, Intensität, Phrasierung, Gefühl, mit denen sie das Publikum zu berühren wissen. Ein instinktiver, fast biologischer Zwang der Musikausübung.
Josef Suk 'Meditation über die tschechische Hymne Sankt Wenzel'. Das Wissen der Welt verändert sich ständig, auch unter dem Einfluss des Zeitgeists und der politischen Realität. Uns spricht nun nur die Musikalität dieses Werkes an. Suk inspirierte seine Komposition 1914 auf die alte heilige böhmische Sankt-Wenzel-Hymne. Die Botschaft dieser Hymne – ein Plädoyer für das Wohlbefinden des tschechischen Volkes, gerichtet an ihren Schutzpatron – wurde vom Publikum sofort verstanden. Diese Komposition war damals eine Form des schweigenden Widerstands. Hinter dem unschuldig aussehenden Titel und der ruhigen Melodie verbirgt sich nämlich ein kräftiges Statement. Der Stil und die Interpretation des Pavel Haas Quartet spricht direkt zum Herzen. Musiker, die Eindruck machen. Neben kraftvoll ist ihr Ansatz auch subtil, nuanciert, persönlich und technisch virtuos.
Dieses vielseitige und vielschichtige Konzert mit vollkommen aufeinander eingespielten Instrumentalisten in der schönen, stimmungsvoll beleuchteten Barockkirche Sankt Peter und Paul war eine Streicheleinheit für Auge und Ohr und konnte mit enthusiastischem, langdauerndem und würdigendem Applaus rechnen.
- WAS: Festival van Vlaanderen LUNALIA vom 18. April bis 5. Mai
- WER: Pavel Haas Quartet - Veronika Jarůsková und Marek Zwiebel, Violine - Šimon Truszka, Viola - Peter Jarůšek, Cello.
- PROGRAMM: Bedřich Smetana, Leoš Janáček, Josef Suk
- WO & WANN: Donnerstag 25. April '24, Sint-Pieter-en-Pauluskerk, Mechelen
- FOTOS: © Iris Teunissen