Vor fünf Jahren entstand in Luxemburg die Idee, ein nationales Jugendorchester zu gründen – eine Initiative, die sich inzwischen zum Orchestre National des Jeunes du Luxembourg entwickelt hat. Das Ensemble bringt junge luxemburgische Musiker mit Talenten aus verschiedenen europäischen Ländern zusammen und bietet ihnen die Chance, auf hohem Niveau das große Orchesterrepertoire zu entdecken. Unmittelbar nach dem Konzert während Young Euro Classic sprach Werner De Smet mit Mitbegründer Pit Brosius über die Entstehung und Entwicklung des Orchesters, die internationale Zusammensetzung und die Pläne für die Zukunft.
Vom Mangel zum Wachstum
Die Idee für das Orchester entstand aus einem Mangel, den Brosius und seine Mitmusiker schon längere Zeit spürten. Sie hatten in Luxemburg regelmäßig sommerliche Projektorchester organisiert, stellten aber gleichzeitig fest, dass ihr Land nicht über eine eigene nationale Jugendorchesterstruktur verfügte wie viele andere europäische Länder. Als sie selbst im Ausland zu studieren begannen und diese Arbeitsweise aus nächster Nähe kennen lernten, wurde deutlich, dass auch Luxemburg eine solche Struktur brauchte: einen Ort, an dem junge Musiker Erfahrung sammeln, Repertoire entdecken und vor allem auch miteinander musizieren lernen konnten. "Wir haben das Orchester mit einem großartigen Team gegründet," erzählt Brosius. "Es gab immer eine gewisse Frustration, dass Luxemburg kein nationales Jugendorchester hatte." Ausgehend von dieser Feststellung nahmen sie Kontakt mit dem luxemburgischen Kulturministerium auf, und so konnte das Projekt schrittweise ausgebaut werden.
Dass sich die Entwicklung so schnell vollziehen würde, hätten die Initiatoren vielleicht nicht vorhersehen können. Was vor fünf Jahren als kleines Kammerorchester begann, ist inzwischen zu einem vollwertigen sinfonischen Jugendorchester herangewachsen, wobei die Zusammenarbeit mit renommierten Solisten von Anfang an einen wichtigen Platz einnahm. Brosius verweist dabei unter anderem auf die Geigerin Alina Baeva, die in Luxemburg lebt und bereits vor der offiziellen Gründung des Orchesters an einem Projekt teilnahm. Es war genau diese Erfahrung, die deutlich machte, wie wertvoll es sein kann, wenn junge Musiker nicht nur mit ihren Altersgenossen arbeiten, sondern auch unmittelbar von Künstlern lernen können, die bereits eine internationale Karriere aufgebaut haben. "Das war für uns eine Inspiration," sagt Brosius, denn "große Solisten können ihre Erfahrung an Junge weitergeben und häufig entstehen daraus auch Workshops oder Meisterkurse." Das Orchester will diese gegenseitige Bereicherung daher bewusst bewahren.
Luxemburg als Ausgangspunkt
Obwohl das Orchestre National des Jeunes du Luxembourg deutlich von Luxemburg ausgeht, spiegelt die Zusammensetzung gleichzeitig den internationalen Charakter des Landes wider. Luxemburgische Jugendliche erhalten Vorrang, wenn ihr Niveau dies zulässt, doch es wäre unmöglich, ein vollwertiges sinfonisches Orchester ausschließlich mit luxemburgischen Musikern zusammenzustellen. Die Auswahl erfolgt durch ein jährliches Bewerbungsverfahren, bei dem sich Kandidaten mit Videoaufnahmen anmelden können, und das Interesse ist groß: für die aktuelle Saison erhielt das Orchester mehr als tausend Bewerbungen.
Damit ist das Ensemble gewissermaßen auch ein europäisches Jugendorchester, wobei Luxemburg der Ausgangspunkt bleibt. Das Orchester hat etwa fünfundzwanzig verschiedene Nationalitäten. "Wenn zum Beispiel jemand in Warschau lebt und sich bei uns anmelden möchte, ist das grundsätzlich möglich," erzählt Brosius. Es geht ihm dabei nicht so sehr um Internationalisierung an sich, sondern um die Möglichkeit, luxemburgische Jugendliche auf einem Niveau arbeiten zu lassen, das mit nur der eigenen Bevölkerung nicht zu erreichen wäre. Gleichzeitig entsteht durch diese internationale Zusammensetzung genau der Austausch, der für junge Musiker so wertvoll ist. Brosius versucht dabei, die Verbundenheit mit der eigenen Region zu bewahren. "Je lokaler, desto schöner," sagt er, schließt aber Kandidaten aus anderen Teilen der Welt keineswegs aus, wenn sie künstlerisch in das Ganze passen.
Diese internationale Perspektive zeigt sich auch in den Kontakten zu anderen Jugendorchestern im Ausland. Kontakte zu ausländischen Orchestern, unter anderem in den Niederlanden, haben in den letzten Jahren neue Möglichkeiten eröffnet und letztendlich auch zur Einladung zu Young Euro Classic in Berlin beigetragen. Dass diese Einladung gerade mit dem fünfjährigen Bestehen des Orchesters zusammenfiel, war nicht geplant, fühlte sich für die Initiatoren aber wie die Erfüllung ihres ursprünglichen Fünfjahresplans an.
Junge Musiker und das große Repertoire
Bei der Zusammenstellung der Programme steht für Brosius ein Ziel im Vordergrund: Junge Musiker sollen die Chance bekommen, das große Orchesterrepertoire zu entdecken, bevor sie später in ihrer professionellen Laufbahn, etwa bei einer Auditie oder in einem Berufsorchester, damit konfrontiert werden. Gleichzeitig möchte er vermeiden, dass die Programmgestaltung ausschließlich aus bekannten Werken besteht. Neben dem großen Repertoire sucht er daher regelmäßig nach Musik, die weniger vertraut ist oder die jungen Musiker auf andere Weise herausfordert. Beim Konzert in Berlin wurde dieser Gedanke unter anderem in einem Auftragswerk des jungen luxemburgischen Komponisten Hy-Khang Dang sichtbar, aber auch in der Wahl von Stravinskys Circus Polka, einem Werk, das nicht unmittelbar zum klassischen Standardrepertoire gehört.
Diese Kombination ist nach Brosius wichtig, weil ein Jugendorchester nicht nur ein Ort sein darf, an dem junge Instrumentalisten lernen, wie sie ein Orchesterwerk technisch ausführen müssen. Es muss auch eine Umgebung sein, in der Neugier angeregt wird und in der Musiker entdecken, dass das Orchesterrepertoire viel breiter ist als die Werke, denen sie während ihrer Ausbildung oder bei Audities am häufigsten begegnen. Die Konfrontation mit verschiedenen Stilen und Epochen, aber auch mit neuer Musik, trägt zu einer breiteren musikalischen Entwicklung bei.
Die Magie von Young Euro Classic
Über Young Euro Classic spricht Brosius mit besonderem Enthusiasmus. Für ihn ist das Festival einzigartig, weil es jungen Orchestern aus verschiedenen Ländern nicht nur die Möglichkeit bietet, sich einem internationalen Publikum zu präsentieren, sondern sie auch in einer Umgebung zusammenbringt, in der Musik selbstverständlich über Grenzen hinweg geteilt wird. "Ich halte dies für eines der schönsten Festivals, die es überhaupt gibt," sagt er. "Eigentlich sollte es so etwas überall geben." Besonders die Kombination aus dem hohen Niveau der teilnehmenden Ensembles und der Energie, die junge Musiker mitbringen, macht nach seiner Aussage die Atmosphäre des Festivals besonders.
Was er vor allem hofft, dass das Publikum nach einem Konzert des luxemburgischen Orchesters mitnimmt, ist nicht so sehr eine bestimmte musikalische Erinnerung, sondern eine erneuerte Neugier auf klassische Musik. Er spricht von "Hunger" und "Feuer", von der Notwendigkeit, Emotionen immer wieder neu zu entdecken und weiter zu suchen. Besonders das junge Publikum, das Young Euro Classic anzieht, spielt dabei eine wichtige Rolle. Die Energie, die von der Bühne kommt, kann nach seiner Aussage direkt auf den Saal überspringen, wodurch die Distanz zwischen jungen Ausführenden und Zuhörern kleiner wird.
Weitermachen
Die nächsten fünf Jahre werden vor allem im Zeichen des Ausbaus dessen stehen, was in den ersten fünf Jahren aufgebaut wurde. Brosius will zusammen mit seinem Team die Pläne erneut gründlich überprüfen, aber ein Element steht bereits fest: Die internationale Arbeit und die Tourneen müssen weiterentwickelt werden. Während der aktuellen Tournee spielte das Orchester zum ersten Mal drei Konzerte in drei verschiedenen Ländern – eine Erweiterung, die organisatorisch viel verlangt, aber nach Brosius' Aussage künstlerisch besonders wertvoll ist.
Gerade bei solchen Tourneen wird nach seiner Ansicht deutlich, wie schnell junge Musiker als Ensemble wachsen können. Bei jedem neuen Konzert werden sie freier und offener, weil sie immer mehr Vertrauen in sich selbst und in das bekommen, was sie zusammen auf der Bühne realisieren können. Dieser Prozess lässt sich schwer vollständig in Worte fassen, aber genau dort liegt für Brosius das Wesen des Jugendorchesters. Die Proben, die Reisen, die Begegnungen und die intensive Vorbereitung sind notwendig, aber letztendlich bekommen all diese Dinge erst eine Bedeutung, wenn die Musiker zusammen vor einem Publikum stehen.
"Die Magie entsteht erst bei den Konzerten", sagt Brosius. Vielleicht ist das die beste Zusammenfassung dessen, was er und sein Team in Luxemburg in den letzten fünf Jahren aufgebaut haben.