Vom 15. bis 18. Februar richtete AMUZ die Scheinwerfer auf diesen hippen Außenseiter der zeitgenössischen Musikszene während POST-CLASSICAL MUSICinPRIMETIME. Das Programm könnte als ein frischer Tauchgang in das Repertoire des 20. und 21. Jahrhunderts beschrieben werden. Minimalistische, postmoderne Musik, konsonant und wohlklingend einer neuen Generation von Komponisten-Musikern.
Donnerstagabend standen Kompositionen von Max Richter (1966), Dustin O'Halloran (1971), Nils Frahm (1982), Ólafur Arnalds (1986) und Jef Neve auf dem Programm. Sie haben in den vergangenen Jahren einen bemerkenswerten und preisgekrönten Weg beschritten und stehen alle für etwas Neues. Ihre klassische Ausbildung ist die Grundlage, aber diese eklektische Generation mit einem unerschöpflichen Reservoir an Tools und Vorstellungskraft denkt die musikalischen Parameter neu, und das große Publikum liebt es. Sie verschieben weiterhin Grenzen und experimentieren mit immer neuen Formstrukturen. In ihrer künstlerischen Praxis schaffen sie die Verbindung zwischen Tradition und Technologie. Mit einer eigenen Schrift und raffiniertem persönlichem Klang taucht Nils Frahm sogar in der Ultratop mit seinem neuesten Album All Melody auf. Es ist fantastisch, was dieser Mann mit einem Klavier kann, aber auch mit Sampling. Er macht derzeit eine Europatournee mit drei ausverkauften belgischen Konzerten (diesen Sommer ist er noch auf den Festivals Cactus und Dour zu hören).
Jef Neve
Jef Neve, der letztes Jahr 40 wurde und Generationsgenosse der genannten Komponisten, ist ein besonders virtuoser Pianist. Er wurde von Programmgestalter Robin Steins für dieses Programm eingeladen, weil das Klavier im Werk dieser vier jungen Komponisten eine prominente Rolle spielt. Jef Neve nennt es im Laufe des Programms etwas verwunderlich „unbekannte Musik" für ihn, ist aber auch dankbar, dass er dieses neue Repertoire entdecken durfte und sich in die Kompositionen von Zeitgenossen eindenken kann. Sein preisgekrönter musikalischer Weg ist breit. Er fühlt sich sowohl in der zeitgenössischen Jazzszene als auch in der klassischen Welt zu Hause.
Das Konzert eröffnet mit der funkelnden, klassisch inspirierten Komposition Hammers des Deutschen Nils Frahm als ein langer musikalischer Satz. Gefolgt von Opus 7, sehr gefühlvolle Filmmusik von Dustin O'Halloran mit vielen langsamen Tempi. Dann kommt Infra 3 von Max Richter, in Deutschland geboren und im Vereinigten Königreich lebend. Sein Werk ist sehr minimalistisch und oft repetitiv. Er hat u.a. die Musik für die fantastische Serie The Leftovers geschrieben. Anschließend Werk von Ólafur Arnalds, dem isländischen Multi-Instrumentalist/Komponisten mit Beth's Theme und Poland. Seine Kompositionen können als Neoklassik beschrieben werden. Zeitgenössische klassische Musik in einer schönen Balance zwischen Melancholie und aufbauenden Passagen. Während die vorherigen Kompositionen ausschließlich für Klavier waren, fallen hier auch die Streicher ein. Die gespielten Werke sind durchweg von fragiler Schönheit. Nicht nur komplizierte und virtuose Kompositionen können ankommen, sondern ebenso stille, subtile, einfache Kompositionen. Jef Neve und Kompanie schaffen es, eine besondere Atmosphäre zu schaffen, in der man sich verirrt.
Der zweite Teil dieses Konzerts bringt eine Auswahl mitreißender Werke von Jef Neve selbst. Es ist Musik von ganz anderem Kaliber. Beseelte Kompositionen mit je ihrer eigenen Geschichte und sprudelnder Bühnenlust. Musik kann heute, mehr denn je, ein Gegenmittel gegen den Wahnsinn sein, den wir manchmal ertragen müssen. Dafür braucht es keine Erklärung. Glücklicherweise gibt es noch Musik und Kunst und Kultur im Allgemeinen, durch die wir den Unterschied zu den Verrückten auf diesem Planeten machen können. Beginnend mit Spirit Control, einer offenen Improvisation auf eine Tonleiter von Messiaen. Der Anstoß wird vom Cello gegeben, sehr dunkel und fesselnd, dann fallen der Kontrabass, die Bratsche und das Klavier ein. Die Anschläge in Paris und Brüssel wirkten sich auch stark auf Jef Neve aus. Nach seiner Lebensphilosophie verbindet uns mehr, als es uns trennt. Als Hommage an die unschuldigen Opfer dieses Wahnsinns komponierte er Christal Lights. Dann folgen noch Beautiful Colours, NYC Marathon, in dem er vor seltsamen Effekten nicht zurückschreckt und den ganzen Wahnsinn des Wahlkampfs zwischen Donald Trump und Hillary Clinton widerspiegelt. Als Gegenpol folgt Musik, die er für den Film „Sprakeloos" komponierte, in dem extreme Traurigkeit und Einsamkeit durchklingen. Aber es ist nicht alles Melancholie und Verwundbarkeit. Manchmal ist die Komposition ein Ausbruch von funkelnder Vitalität wie in The space we need und Nothing but a Casablanca turtle slide show dinner, in der eine rasende Wut erklingt. In diesem jazzigen Repertoire kann sich Neve vollständig austoben. Er kann virtuos improvisieren, angespornt und auf ansteckende Weise musikalisch von den anderen Musikern erwidert, und das führt ihn und das Publikum durch verschiedenste Sphären. Jeder Finger, jede Faser in seinem Körper ist Musik. Er beherrscht das Klavierspiel bis ins kleinste Detail.
- WAS: POST-CLASSICAL MUSICinPRIMETIME
- WER: Künstlerische Leitung und Klavier: Jef Neve; Schlagzeug: Jens Bouttery; Kontrabass: Lennart Heyndels; Violine: Christina Constantinescu und Christophe Pochet; Bratsche: Sander Geerts; Cello: Marlon Dek; Synthesizer & Saxophon: Andy Dhondt
- WO & WANN: Donnerstag, 15. Februar, AMUZ in Antwerpen
- FOTO: Stephan Vanfleteren