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Rezensionen

Roadtrip durch den Balkan, unterwegs zum Menschen

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· 7 Min. Lesezeit
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Roadtrip durch den Balkan, unterwegs zum Menschen
© Robert Lefèvre

Einige Konzerte sind absurd zu rezensieren, weil man vorher eigentlich schon weiß, dass alles stimmen wird. Die Musiker sind top, das Programm ist durchdacht und die Ausführenden haben ihre Sporen mehr als verdient. Was schreibt man dann noch über ein Konzert von Christina Pluhar und L'Arpeggiata?

Vielleicht nicht so sehr über die Musik selbst, sondern über das, was diese Musik mit dir macht.

Das Abschlusskonzert des Festival de l'Abbaye de Saint-Michel en Thiérache brachte ein Aufgebot zum Schwindeligwerden. Und doch war es mehr als eine Parade großer Namen. Dieses neue Programm – das übrigens in der Woche zuvor noch vor Ort für eine zukünftige CD-Veröffentlichung aufgenommen wurde – erwies sich vor allem als eine emotionale und musikalische Reise über den Balkan, inspiriert durch eine Geschichte, die leider schmerzhaft aktuell bleibt.

Ein Konzert mit einer Botschaft

Während ihrer Einleitung ließ Christina Pluhar ihre Zuhörer kurz in ihre Seele blicken. Vor zehn Jahren wurde in Österreich ein Lastwagen gefunden mit den Leichen von Dutzenden Flüchtlingen, darunter mehrere Kinder, die vor der Gewalt in Syrien flohen. Ein Ereignis, das sie zutiefst berührte.

„Was kann ein Musiker angesichts einer solchen Tragödie tun?", fragte sie sich. Zunächst schien die Antwort einfach: nichts.

Aber gleichzeitig auch: viel.

Mit diesem Programm möchte Pluhar die Erinnerung an dieses menschliche Drama lebendig halten und gleichzeitig die vielen Fluchtrouten durch den Balkan musikalisch erkunden. Nicht aus einer politischen Perspektive, sondern aus einer menschlichen. Indem sie Musik von Völkern, Regionen und Kulturen miteinander verbindet, zeigt sie, was Reisende unterwegs immer tun: begegnen, zuhören, teilen und entdecken.

Es machte diese Aufführung zu viel mehr als nur einem Konzert. Es wurde eine echte Roadtrip.

Eine beeindruckende Gesellschaft

Wie immer bei L'Arpeggiata war die Besetzung beeindruckend. Bekannte Gesichter wie Vincenzo Capezzuto und Céline Scheen wurden flankiert von der griechischen Sängerin Katerina Papadopoulou und der Bosnierin Natasa Mirkovic.

Letztere war für mich ohne Zweifel eine der Entdeckungen des Abends. Mirkovic ist nicht nur eine ausgezeichnete Sängerin mit einer eigenen Diskographie, sondern brachte auch eine zusätzliche Dimension mit: Sie war selbst einmal eine jener Flüchtlinge, die die Balkanroute zurücklegten. Und man spürt folglich, dass sie diese Musik mit eben diesem gewissen Etwas auf die Bühne bringt.

Sie verfügt über eine natürliche Bühnenpräsenz und eine eindrucksvolle Art zu singen, die dich sofort mitreißt. Selbst ohne die Texte vollständig zu verstehen, glaubst du jedem Wort, das sie singt. In dem ergreifenden Gusta nocna tmina ließ sie hören, wie viele Farben und Emotionen sie in ein Lied legen kann: kraftvoll, zerbrechlich, zart und gleichzeitig unwiderstehlich überzeugend.

Ganz anders, aber ebenso fesselnd, war Katerina Papadopoulou. Ihre Stimme ist sanfter, fast samtig. Keine große Opernsopran, aber eine Stimme, die deine Aufmerksamkeit von der ersten bis zur letzten Note hält. In den griechischen Liedern kam diese Intimität besonders gut zur Geltung.

Füg dazu noch das kraftvolle Sopran der Belgierin Céline Scheen hinzu und du erhältst eine außergewöhnlich reiche Farbpalette an Frauenstimmen. Sowohl in den Ensembles als auch in den Duetten entstanden Momente von einer Schönheit, die du vorher unmöglich vorhersagen kannst.

Und dann ist da natürlich Vincenzo Capezzuto. Wie so oft gab er Farbe, Flair und Persönlichkeit allem, was er anfasste. Er eröffnete das Konzert mit Are mou Rindineddha und das war eine kluge programmatische Wahl: erkennbar, vertraut und perfekt, um das Publikum sofort in die Geschichte mitzunehmen.

Reise über Balkanwege

Nach dem Opener folgte unter anderem das traditionelle mazedonische So maki sum se rodila. Einer jener Momente, in denen die Zeit zu stillzustehen scheint, fast unwirklich. Capezzuto übertraf sich selbst und es wurde sofort klar, dass dieses Programm ein Dauerbrenner wird, wenn die CD erscheint.

Das Besondere an dieser musikalischen Reise war, dass nicht nur der Gesang im Mittelpunkt stand. Im Gegenteil.

Pluhar ergänzte ihr vertrautes Ensemble mit Musikern aus Bulgarien und Griechenland. Und das ist für dieses Programm ein Meisterzug und ein Reichtum. Die instrumentalen Passagen waren keine Ruhepunkte zwischen den Gesangsnummern, sondern wesentliche Haltestellen unterwegs.

Manchmal fühlte es sich an, als würdest du mit offenen Fenstern durch die Karpaten fahren. Dann wieder, als würdest du hals über kopf einen steilen Berghang hinunterfahren. Die Kombination aus Schlagzeug, Leier, Akkordeon und traditionellen Volksinstrumenten gab dem Programm einen fast filmischen Charakter.

Das instrumentale Ballad Horo und besonders das bulgarische Bucimis war so ein Moment, der dich buchstäblich aus deinem Stuhl bläst. Man kann auf schönem Englisch über die Musiker sagen: "They've gone wild!" Welche Freude strahlte von der Bühne in die begeisterte Abteikirche!

Virtuosität ohne äußeres Getue

Ein besonderes Wort verdienen die Bulgaren Petar Ralchev und Peyo Peev. Ralchev zeigte, warum er seit Jahrzehnten zur absoluten Spitze der Akkordeonisten gehört. Peev spielte die Gadulka, ein traditionelles bulgarisches Streichinstrument, das für viele im Saal möglicherweise eine Entdeckung war.

Ihr Zusammenspiel schien manchmal betrügerisch einfach, aber hinter dieser Selbstverständlichkeit stecken natürlich jahrelange Handwerkskunst und tausende Stunden Studium. Es war nicht nur musikalisch beeindruckend, sondern auch visuell ein Vergnügen anzusehen.

Dasselbe galt für Stefano Dorakakis auf dem Kanun, einem komplexen Saiteninstrument, das Farbe, Rhythmus und ein typisch ost-mediterranes Aroma zum Gesamtbild hinzufügte.

Und dann waren da die Schlagzeuger Tobias Steinberger und David Mayoral. Ihr Beitrag war schlicht phänomenal. Wer denkt, dass Schlagzeug vor allem Unterstützung bietet, hätte hier eine überzeugende Lektion bekommen können. Ihr Spiel gab der Musik Schwung, Spannung und kontinuierlich neue Energie.

Die Kraft des Zusammenspiels

Was dieses Konzert vielleicht noch am meisten besonders machte, war die Atmosphäre auf der Bühne.

Obwohl Christina Pluhar eindeutig der Motor hinter dem Projekt ist, wie ihre vielen Bearbeitungen und ihre künstlerische Vision zeigen, erweckte sie nirgends den Eindruck, dass dies „ihr" Konzert war. Im Gegenteil. Sie gab ihren Musikern Raum zu glänzen und sie taten das offensichtlich mit Vergnügen.

Blicke wurden ausgetauscht, Lächeln geteilt, musikalische Ideen weitergegeben. Es war Musik im schönsten Sinne des Wortes: gemeinsames Musizieren.

Das galt gleichermaßen für Künstler, die weniger im Vordergrund standen, aber wesentlich für das Gesamtbild waren. Doron Sherwin gab mit seinem Kornett vielen Passagen einen warmen Glanz. Josep Maria Duran sorgte mit Theorbe und Barockgitarre für ein solides Fundament. Die Griechen Kyriakos Tapakis auf Oud und Giorgos Kontoyiannis auf Leier färbten das Programm mit authentischen mediterranen Tönen.

Mehr als ein Schuss ins Schwarze

Ich schrieb anfangs, dass dies ein schwieriges Konzert ist, um darüber zu schreiben.

Nicht, weil es nichts zu sagen gibt, sondern weil Worte manchmal nicht ausreichen, wenn Künstler dieses Niveaus zusammenkommen. Dann bleibt am Ende vor allem die Emotion übrig.

Und genau dort traf dieses Konzert ins Ziel.

Wer in den kommenden Monaten die Gelegenheit bekommt, diese Produktion irgendwo zu hören, muss das unbedingt tun. Nicht nur wegen der ausgezeichneten Musik. Nicht nur wegen der glänzenden musikalischen Reise durch den Balkan. Sondern auch wegen der Botschaft.

Pluhar sagte es selbst am Anfang des Abends: Musik wird die Welt nicht verändern.

Vielleicht nicht.

Aber sie kann Menschen zusammenbringen, Kulturen miteinander bekannt machen und die scharfen Kanten der Wirklichkeit etwas abschleifen. Und vielleicht ist das heute wichtiger denn je.

Zum Abschluss noch dies. Es war kein Zufall, dass diese neue CD-Aufnahme in der Abteikirche von Saint-Michel stattfand. L'Arpeggiata ist inzwischen ein gern gesehener Gast dort und scheint fast zur Familie des Festivals geworden zu sein. Die wunderbare Abtei bietet darüber hinaus eine ideale Umgebung für Musik, die Grenzen und Jahrhunderte übersteigt.

Wie dieser Abend bewies: Manche Reisen machen wir nicht mit dem Auto oder dem Flugzeug, sondern einfach durch Zuhören. Und selten war eine solche Musikreise so fesselnd wie diese.
PS. Ich hoffe, David hat seinen Zug noch erwischt; Filmen war eigentlich nicht erlaubt, aber so einen herrlichen Abschluss des Konzerts und des Festivals möchte ich euch dennoch nicht vorenthalten. Man wird mir das verzeihen.


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