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Sans Retour – das Streben nach Eskapismus

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Sans Retour – das Streben nach Eskapismus
© Marleen Nelen

"Am Klavier zu sitzen mit einem lauschenden Publikum ist das Wesen meiner künstlerischen Praxis. […] Für mich ist das eine Art ‚Atem'. Das gibt mir den Sinn zu leben und zu kreieren." — Frederik Croene

Mit Sans Retour schließt Frederik Croene seine Solo-Klaviertriptychon ab. Für dieses Projekt arbeitete er erneut mit dem Künstler Karl Van Welden zusammen, der das visuelle Material bereitstellte. Das übergreifende Thema des Triptychons ist eine liebevolle Erkundung der Sinnlosigkeit unserer Reaktionen auf den Klimawandel. Die drei Alben — Cul de Sac, Solastalgia und Sans Retour — veröffentlicht auf dem Label Cortizona, spiegeln drei psychologische Phasen in der Erkenntnis wider, dass wir in einem Untergangszenario gelandet sind.

In Cul de Sac (2019) suchte Croene nach den Sackgassen des Klaviers in einer sich wiederholenden Achterbahnfahrt von Motiven und Rhythmen.


  • Wann ist ein einfaches musikalisches Motiv erschöpft?
  • Wann wird die romantische Sehnsucht bedeutungslos?
  • Ab welchem Punkt führt Virtuosität nirgendwohin mehr?
  • Was ist, wenn das Klavier selbst unzureichend ist, zu wenig Tasten hat?

Mit Solastalgia (2022) kartografierten Croene und Van Welden die Bedrohungen auf, die sich aus dem Klimawandel ergeben. Der Titel verweist auf das Heimweh, das Menschen empfinden, wenn sie von ihrer vertrauten Lebensumgebung getrennt werden. Croene schrieb ein vierteiliges Klavierwerk mit einer dichten Partitur voller virtuoser Spielweise, eine klare Anspielung auf Repertoires des 19. Jahrhunderts. Van Welden schuf für jeden Teil ein begleitendes Video mit Bildern von unter Quarantäne stehenden Schiffen.

Sans Retour feierte letzte Woche in Gent in der Konzertsaal von De Bijloke Uraufführung. Das Werk besteht aus sechs Klavierkomposition, jede eine Hommage an einen unerschrockenen Luftfahrtpionier, der bei einem Flugzeugunglück ums Leben kam. Jede Komposition wird durch audiovisuelles Material in Zusammenarbeit mit Van Welden unterstützt.

Teil 1 — Kosmonaut, in memoriam Yuri Gagarin

Das Stück eröffnet mit einer Aufnahme der ersten erfolgreichen Raumfahrtmission des Russen Yuri Gagarin. Die Einleitung endet mit dem Brummen von gezündeten Raketenverstärkern. In diesem Moment übernimmt Croene mit einem kraftvollen Bass-Ostinato, gefolgt von epischen Bildern von Luftfahrtstarts. Die Virtuosität erreicht kurz vor dem Ende einen Höhepunkt, woraufhin die Musik in noch heftigeren Basstönen zerfällt. Danach löst sich alles in ein hohes, mysteriöses Echo auf. An diesem Wendepunkt erscheint eine bizarr wirkende Aufnahme eines gescheiterten Raketenstarts — angstvoll schön anzuschauen.

Teil 2 — Queen Bess, in memoriam Bessie Coleman

Dieser Teil ehrt Bessie Coleman, die im Alter von 34 Jahren während eines Trainingsflugs ums Leben kam. Coleman war die erste schwarze, indigene amerikanische Frau mit einer Fluglizenz, die sie in Frankreich erwarb, weil sie in den USA an Flugschulen abgelehnt wurde.

Der Teil eröffnet mit dem Bild einer fallenden Person (Coleman?). Musikalisch bildet er ein Kontinuum mit dem vorherigen Teil, entwickelt sich aber zu einer straffen romantischen Begleitungsfigur mit viel Pedal. Die Melodie bleibt in Verzweiflung stecken, auf der Suche nach Richtung. Das Ganze ist viel verhaltener als der explosive erste Teil und bildet einen willkommenen Kontrast nach einem heftigen Eröffnungsquartett. Erst am Ende durchbricht ein Basissignal die verhaltene Atmosphäre und kündigt den nächsten Teil an.

Teil 3 — Sky King, in memoriam Richard Russell

2018 entführte Richard Russell, 28 Jahre alt, ein Flugzeug am amerikanischen Flughafen Seattle-Tacoma. Unerfahren — außer über Videospiele und Simulatoren — gelang es ihm zu starten und sogar einige Stunts auszuführen. Danach beging er Selbstmord, indem er das Flugzeug auf einer kleinen Insel zum Absturz brachte. Es ist eine seltsame und tragische Geschichte, besonders wenn man seine Kommunikation mit den F-15-Piloten hört, die ihn abfangen mussten.

Die Musik klingt depressiv und steht in schroffem Kontrast zu der fast leichten Art, wie Russell mit den Piloten spricht. Letztendlich verstummt seine Stimme und wir sehen Bilder des abgestürzten Flugzeugs.

Teil 4 — Kamikaze, in memoriam Yukio Seki

Die Thematik wird in diesem vierten Teil noch düsterer. Das Stück schwillt allmählich an und bildet einen großen Spannungsbogen von zehn Minuten. Während sich die unheilvolle Musik entfaltet, sehen wir Bilder von japanischen Kamikaze-Flugzeugen, deren Piloten sich bewusst auf amerikanische Schiffe stürzten. Yukio Seki war der erste japanische Pilot, dem dies gelang — angsterregend und bizarr anzuschauen, aber damals in Japan als höchste militärische Ehre angesehen.

Im August 2025 reiste Croene nach Tokio, um die leeren Albumpappen von Sans Retour von möglichst vielen verschiedenen Postämtern zurück nach Belgien zu schicken. Am 15. August, genau 80 Jahre nach der japanischen Erklärung zum Ende des Krieges, brachte er auf alle Packungen eine zusätzliche Briefmarke des Kriegsdenkmalmuseums in Tokio an.

[caption id="attachment_51300" align="alignnone" width="551"](c) Karl Van Welden (c) Karl Van Welden[/caption]

Teil 5 — Vol de nuit, in memoriam Antoine de Saint-Exupéry

Der fünfte und vorletzte Teil ist eine Hommage an Antoine de Saint-Exupéry. Es kann als Nocturne verstanden werden und ist nach dem Roman benannt, den er über seine Erfahrungen als Postpilot und Direktor des argentinischen Postdienstes schrieb. Der Roman war auch die Inspiration für die Umwandlung der Albumpapppe in Mail Art.

Die Musik kriecht allmählich in das hohe Register des Klaviers und bleibt konsequent geheimnisvoll und einprägsam. Das Stück endet erneut mit dem Baßsignal, das wir zuvor im zweiten Teil hörten.

Teil 6 — C'est Kiki, in memoriam Daniel Kinet

Der Schlussteil bringt ein Genter Volksliedchen als Hommage an Daniel Kinet. 1910, im Alter von 26 Jahren, kam er während des Genter Festivals ums Leben, als er unbeabsichtigt in ein Kartoffelfeld stürzte. Er war das erste belgische Opfer eines Flugzeugunglücks. Das spielerische, aber düstere Volksliedchen über „Kiki" ist vollständig von Klavierklängen befreit.

Als Beethovensche Komposition konzipiert, zeigt Croene erneut den enormen Reichtum an Klangfarben, den ein Klavier hervorbringen kann. Der rote Faden ist eine Melodie, die auf dem Dies Irae basiert und in sechs verschiedenen Gestalten auftritt, um das in memoriam-Konzept zu verkörpern.

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