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Sol Gabettas 20-jähriges Festival in Schweizer Olsberg, kurz Solsberg

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Sol Gabettas 20-jähriges Festival in Schweizer Olsberg, kurz Solsberg

'Klassiek Centraal sendet seine Söhne aus', wie das Sprichwort sagen würde, und sie gehen über die Grenzen unseres flächenmäßig kleinen Landes hinaus, doch kulturell gehört es zu den Großen. Es gibt sehr viel zu tun im Inland, wo wir nicht anwesend sein können, warum also Konzerte im Ausland verfolgen?

Das ist die Folge von Presseeinladungen durch Organisationen, die unsere Website kennengelernt haben und uns unbedingt einmal dabei haben wollen. Wenn dann jemand kann – das klappt nicht immer – gehen wir gerne auf solch eine Anfrage ein. So war der Unterzeichner auf dem Weltkongress der Glockenspieler in Mafra, Portugal und unmittelbar danach in der Schweizer historischen Grenzstadt am Rhein, Rheinfelden.

[caption id="attachment_57300" align="alignleft" width="300"] Kloster Olsberg während des Festivals Solsberg[/caption]

Solsberg findest du auf der Karte nicht, Olsberg mit etwas Glück doch. Es ist eigentlich ein altes Kloster, hoch genug gelegen, um nie zu überfluten, wenn der Rhein Launen hat. In der Gegend wohnt und arbeitet die bekannte Cellistin Sol Gabetta. Sie richtete dort ein Kammermusikfestival ein und es bekam als Namen die Zusammenziehung von Sol und Olsberg zu Solsberg. Das Schweizer Rheinfelden ist klein und besonders schön mit viel Geschichte. Die Brücke über den Rhein ist nicht nur eine Grenzbrücke zwischen zwei Ländern, sie ist auch die Grenze des schiffbaren Flusses. Das Deutsche Rheinfelden ist eine jüngere Stadt aus dem 19. / 20. Jahrhundert, die dank der Industrie, die dort kam, größer wurde als die Nachbarschaft, aber nicht so viele malerische Ecken und Kanten kennt und sicher nicht reich an historischen Gebäuden ist. Die Grenze ist kulturell, und ja, teilweise auch sprachlich. Das Schweizer Deutsch und das Schwäbische (das Deutsch vom Schwarzwald bis zum Westen Bayerns sozusagen der Einfachheit halber) ist anders in der Lautbildung, anderer Wortschatz, andere Ausdrücke und das Schwäbische an sich ist bereits auffallend anders als das schulische Hochdeutsch, das ich lernte. Damit endet unsere sprachliche und touristische Einleitung.

Solsberg Festival ist ein Volltreffer

Wir können euch dringend empfehlen, falls sich die Gelegenheit bietet, sowohl das Schweizer Rheinfelden und die Umgebung zu besuchen und zu entdecken und dies mit dem Besuch des ganzen oder von Teilen des Solsberg Festivals zu verbinden. Es lohnt sich in jeder Hinsicht mehr als die Mühe. Schöne Musik auf ihre beste Art gebracht in einer von Geschichte und Natur inspirierten und beruhigenden Umgebung, wo du auch den inneren Menschen schön verwöhnen kannst, ist doch ideal?

Vsevolod Zavidov: ein Phänomen

Am ersten Abend meines Aufenthalts spielte der mir noch unbekannte 20-jährige russische Pianist Vsevolod Zavidov ein Rezital in der Klosterkirche Olsberg. Zavidov ist eine ungewöhnliche, bemerkenswerte Gestalt mit der Haltung eines erfahrenen schon etwas älteren Pianisten. Seine Finger sind blitzschnell und sehr stark, Fehler spielt er nicht oder höchstens einen sehr kleinen, alle Noten stehen voneinander getrennt, gebundenes Spiel darf man nicht erwarten. Es ist eher sensationell und merkwürdig als rein musikalisch, ihn dabei zu hören, wie er arbeitet.

Von Rachmaninov (1873-1943) spielte er eine Bearbeitung von Bachs Partita Nr. 3 für Violine BWV 1006. Stürmisch, überwältigend, donnerkeilhaft und dann wieder extrem leise, kaum hörbar, von meinem Gefühl viel zu schnell zu stark verlangsamt. Unkenntlich fand ich sein Schubert (1797-1828), die vier Impromptus Opus 90 (D 899). Bei dieser Aufführung fühlte ich mich verloren, nicht genau wissend, was ich davon zu halten und wie ich es zu beschreiben habe. Theatralisch ist nicht das richtige Wort, obwohl es das doch war. Romantisch war es nicht und doch … Meisterhaft, besonders geschickt klang das Werk, das ich nie zuvor geliebt habe und jetzt absolut: die Trois Mouvements de Pétrouchka von Stravinsky (1882-1970). Wie Zavidov das hier interpretierte, so hörst du es kein zweites Mal. Das war aufnahmewürdig. So endete das Rezital eines Pianisten, der mich an Volondat erinnert …

Erstes Abschlusskonzert Solsberg Academy

Das Festival hat mehr zu bieten als nur Konzerte, bei denen das Cello im Mittelpunkt steht. Jüngere Musiker, alle Teenager voller Talent, bekamen die Chance, einen Meisterkurs bei Ivan Monighetti zu besuchen. Von den sechs, die auftraten, erinnern wir uns sicher an drei, die auf sehr hohem Niveau musiziert haben. Zwei andere werden sicher eine gesunde Karriere machen können und einer ruft Fragezeichen hervor. Lassen Sie uns diese sechs jungen Menschen im Alter von 12 bis 19 Jahren kurz durchgehen.

Der spanische 19-jährige Cellist Luis Aracama ist der junge Mann mit den Fragezeichen. Er spielt sehr laut, aggressiv, mit sehr viel forte und fortissimo, sehr technisch aber unmusikalisch. Sehr störend ist sein ununterbrochenes heftiges Schnaufen und Ausatmen während des ganzen Auftritts. Ganz anders war das Spiel der 12-jährigen Chinesin Keruixi Ma. Wie zart und klein sie auch sein mag, sie spielt bezaubernd romantisch, voller Liebe zur Musik, zum Instrument und zum Publikum. Bemerkenswert war, dass sie von der flämischen Komponistin Adrien-François Servais (1807+-1866) die Fantaise sur deux Airs Russes Op. 13 spielte. Viel Gefühl, warme und reine Bögen in einem breiten gebundenen Spiel, mit voller Kraft, singend und phrasierend. Bravo!

Emilie Richter (Schweiz) interpretierte die Cellosonate von Zoltán Kodály (1882-1967) auf eine zu schneidende Weise mit manchmal kratzenden Einsätzen des Bogens. Es ist ein besonders schwieriges Werk, voller Tricks, um überhaupt etwas zu bedeuten. Schwierig, jemanden auf diesem Werk zu beurteilen. Wobei man jemanden beurteilen kann, ist auf Johannes Brahms (1833-1897) zum Beispiel.

Der 14-jährige Rey Gergov aus Wien interpretierte von Brahms die Sonate Nr. 2 für Cello und Klavier. Der Begleiter war Pianist Alessandro Tardino, der sich bescheiden aufstellte und dienend mit den jungen Cellisten musizierte. Die Brahms-Sonate verlangt Energie und die hatte Gergov in Überfluss, stark nuancierend gespielt mit vollständiger Beherrschung. Das wurde in seiner Interpretation des ersten Teils von Dmitri Schostakovitsj (1906-1975) seinem Cellokkonzert Nr. 1 bestätigt. Ich übertreibe nicht, indem ich sage, dass er auf dem Niveau spielte, das wir eineinhalb Monate zuvor im Finale des KEW Cello hörten. Wenn dieser junge Mann nicht als Cellist Karriere macht, wer dann?

Yiqi Chen aus China spielte genau dieselben Werke wie Luis Aracama. Nie zuvor hörte ich so einen himmelweiten Unterschied in Musikalität, in Interpretation, in Einsicht in die Partitur und den Komponisten. Dieser 19-jährige Cellist ist bereit für die großen Bühnen und wird sein Publikum immer mit den schönsten Cellotönen bezaubern wissen. Die Bach – Entschuldigung, aber die Cellsuiten sind eigentlich verfeinerte Fingerübungen – hob er zu einer selten so aufgeführten ausgezeichneten Schönheit. Das zweite Werk von Alfredo Carlo Piatti (1822-1901) klang nun statt einer Komposition zu sehr wie ein zerbrechliches, sensibles Werk, reich an Gesang und Nuancierungen wie es nur in der Romantik existiert. Sogar die Cellosonate von György Ligeti (1923-2006) wurde ein Dialog voller Phrasierung und Chen wusste den Wert des Werkes auf ein höheres Niveau zu heben.

Der Luxemburger Matis Griso, ebenfalls 19, rundete mit allgemein gut ausgeführten Variationen über ein Rokoko-Thema von Tschaikowsky (1840-1893) ab. Man hätte mehr davon genießen können, zumal auch dieser junge Cellist deutlich gemacht wurde, dass schnauchendes Atmen störend ist und wirklich nicht dazugehört.

[caption id="attachment_57301" align="alignleft" width="200"] Sol Gabetta[/caption]

Sol geht los!

Der Abschlussabend bot ein Trio aus Violine, Cello und Klavier mit Werken von Karol Szymanovski (1882-1937), Schostakovitsj und Mieczyslav Weinberg (1919-1996). Vom letzteren Komponisten war es ein Werk voller schmerzhafter Gewalt, ein Gefühl von Einsamkeit und absoluter Unsicherheit. Kein erfreulicher Schlusssatz, er kann Hörer depressiv machen. Die Interpretation durch Sol Gabetta am Cello, Bomsori Kim an der Violine und die ausgezeichnete Pianistin Yulianna Avdeeva war auf sehr hohem Niveau, obwohl dies die Dunkelheit dieses Stücks nicht mildern konnte. Vorher war es ein Vergnügen, eine Violinsonate von Szymanovski zu hören, ein eher intellektuelles Werk, in dem die Leidenschaft von der Violinistin nicht hervorgehoben wurde. Die Pianistin tat das durchaus und so einladend sie auch war, folgte die Violinistin nicht. Die Sonate für Cello und Klavier von Schostakovitsj war dann auf allen Ebenen viel besser, sagen wir ausgezeichnet. Gabetta und Avdeeva spielen sehr fließend zusammen, das Gleichgewicht könnte nicht besser sein. Innige Wärme erklingt in einem breit angelegten, mitreißenden Spiel, reich an Emotionen, äußerst feinfühlig, Geheimnis erfüllt den Kirchenraum und auch Rätselhaftigkeit. Beten, das ist das passendste Wort für dieses Werk.

Das Konzert und damit das Festival endete mit der Zugabe des ersten Satzes aus einem Klaviertrio von Mendelssohn. Überraschend schöne Musik, unendlich wunderbar.

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