Nach dem Gespräch, das ich mit Alberto Reguera (Violine) und Marc Piqué (Klavier) für Klassiek Centraal führte (https://klassiek-centraal.be/niet-zomaar-een-ansichtkaart-uit-spanje-alberto-reguera-en-marc-pique-over-hun-cd-sonata-espanola), habe ich ihre Aufnahme Sonata Española wiederholt gehört. Was zunächst wie eine solide Bekanntschaft wirkte, entwickelte sich dabei recht schnell zu einer CD, die mit jedem neuen Hören an Aussagekraft gewinnt. Das war für mich Grund genug, doch noch ausführlicher darauf zurückzukommen.
Das Programm bringt eine Reihe durchdachter Werke von Gaspar Cassadó (1897–1966), Joaquín Turina (1882–1949), Manuel de Falla (1876–1946), Xavier Montsalvatge (1912–2002), Pablo de Sarasate (1844–1908) und Eduard Toldrà (1895–1962), ein Repertoire, das in unseren Gegenden kaum je zur Sprache kommt, aber in dieser Lesart besonders selbstverständlich zusammenfällt. Es wird nicht nach Kontrastwirkung um des Kontrastes willen gesucht, sondern nach einer eher gleichmäßigen, stilistisch kohärenten Annäherung an das spanische Idiom. Reguera und Piqué gehen dabei von einer klaren gemeinsamen Vision aus, die in allem hörbar bleibt: Klarheit der Struktur, sorgfältige Phrasierung und ein sorgfältig bewahrtes Gleichgewicht zwischen beiden Instrumenten – etwas, das auch bereits während unseres Gesprächs deutlich wurde, als beide Musiker die Bedeutung dieses intensiven Zuhörens füreinander betonten, für sie das Wesen der Kammermusik.
Das ergibt ein Recital, das sich von Anfang bis Ende natürlich anfühlt. In Cassadós Sonate erhält besonders der lyrische Mittelteil eine verhaltene Wärme, während Turinas Sonate etwas mehr Raum für eine tänzerische, rhythmische Geladenheit lässt. Der Spannungsaufbau wird dort mit großer Selbstverständlichkeit entfaltet, ohne dass je Druck aufgebaut wird. Alles bleibt in Proportion, aber das bedeutet hier keineswegs, dass die Musik gebremst wird. Im Gegenteil, gerade diese Beherrschung sorgt für eine ruhige, aber konstante Spannung, die das Ganze glaubwürdig trägt. Das Klavier steht dabei nicht im Hintergrund, sondern fungiert als gleichberechtigter Partner, was dem Dialog einen klaren Mehrwert verleiht.
Die Suite populaire espagnole von Manuel de Falla bildet einen besonders starken Moment innerhalb dieser CD. Die Wahl für eine verhaltene und kontrollierte Herangehensweise wird konsequent durchgehalten und wirkt intrigierend in Nana und Asturiana. Dort erhält die Musik gerade die richtige Schlichtheit, wodurch die Linien noch klarer hervortreten. Das Ergebnis ist eine Lesart, die nicht nach Effekt sucht, sondern nach innerer Ausdruckskraft, und wird gerade dadurch stärker, je mehr sie sich entwickelt.
In Montsalvatges Paráfrasis concertante kommt ein verspielter und rhythmischer Charakter zum Vorschein, mit Momenten, in denen die Virtuosität deutlicher angesprochen wird. Doch auch hier bleibt alles in einem schönen Gleichgewicht, wodurch die Architektur klar und übersichtlich bleibt. Die kurzen Werke von Sarasate und Toldrà beschließen das Programm in einer ausgesprochenen lyrischen Atmosphäre, mit viel Aufmerksamkeit für Linie und Klang. Es sind Miniaturen, die hier bemerkenswert gut funktionieren und die in diesem Kontext mehr Gewicht erhalten, als man vorher erwarten würde.
Was diese Aufnahme so stark macht, ist die Selbstverständlichkeit, mit der sie sich entfaltet. Während des Interviews mit den Musikern blieb bereits ein starker Eindruck haften, besonders von ihrer Leidenschaft, diesem weniger bekannten Repertoire ein zeitgenössisches, aber respektvolles Klangbild zu geben, aber erst bei wiederholtem Hören öffnet sich die Aufnahme vollständig und legt ihre innere Logik offen. Die Balance zwischen beiden Ausführenden, die minutiöse Aufmerksamkeit für Detail und die konsequente Stilwahl machen, dass sich diese CD im Laufe der Zeit als ein besonders ausgewogenes und vollendetes Ganzes entpuppt, das seine Qualitäten nicht zur Schau stellt, sondern ruhig entfaltet.
Sonata Española ist ein besonders gelungenes und stilvolles Recital, in dem Reguera und Piqué sich für Klarheit, Ausgewogenheit und Subtilität vor Effekt entscheiden. Das Ergebnis ist eine durchdachte, reife CD, die auf natürliche Weise überzeugt und im Laufe der Zeit an Kraft gewinnt. Keine Ansichtskarte aus Spanien, sondern ein musikalischer Raum, in dem sich Licht und Schatten ständig begegnen – und der mit Recht einen schönen Platz in jedem CD-Regal verdient.