**** Mit ihrer CD mit dem Titel Miroirs stellt sich Elsa Dreisig sofort in den Vordergrund der jungen hohen Soprane. Sie hat einen interessanten Ansatzpunkt für das Thema der CD: Arien rund um das Bild im Spiegel. Zwar sollten wir das nicht zu wörtlich nehmen, doch ergibt sich eine schöne Sammlung bekannter und weniger bekannter Arien, als Duette zusammengestellt rund um neben Juliette und Thaïs vier Opernfiguren: Manon, Juliette, Rosina und Salomé.
In ihrer Einleitung zur CD erklärt Elsa Dreisig, wie sie auf die Idee kam: Sie fand es als Kind seltsam, dass die Stimme nicht sichtbar war … Inzwischen bemerkt sie, dass ein Bild nicht immer echt ist, aber die Stimme schon, ein Unterschied zwischen Sein und Schein. Andererseits hilft der Spiegel der Stimme, sich selbst zu erkennen, also ist die Konfrontation beim Singen nützlich. So betrachtet sie auf der CD das Bild zweier Figuren von zwei Komponisten und wird jede Arie eine Interpretation, die mit der anderen Figur konfrontiert wird.
Ihr erster "Spiegel" ist natürlich die berühmte Arie der Juliette, die sich im Spiegel bewundert mit den Juwelen, die sie gerade von ihrem vermeintlichen und betrügerischen Geliebten erhalten hat. Als Konfrontation folgt das erbarmungslose Bild von Massenets Thaïs, die in den Spiegel schaut. Schon bei diesen Arien hören wir eine Sängerin, die eine schöne Sopranstimme hat: mit Volumen und sehr wendungsreich in den anspruchsvollen Arien. Ihr Pianissimo ist perfekt. Hören Sie nur die Arie der Manon von Massenet Adieu notre petite table. Sie kann eiskalt hoch singen (Pardonne Roméo) in der Arie aus der unbekannten Operaversion von Roméo et Juliette von Daniel Steibelt (1765-1823). Aber die Stimme bleibt "Stimme" und wird nicht dünn. Bei den beiden Rosinas (die von Rossini und die von Mozart) stellt sie ein ergreifendes Porgi amor neben ein kontrastreich spielerisches Una voce poco fa. In den beiden Salome-Arien beweist sie, dass sie mühelos von einer träumerischen Salomé aus dem Romantischen Repertoire zur Expressivität der harten Strauss-Sprache wechselt. Auch in der Strauss-Salomé verblüfft sie durch ihre Flexibilität und Stimmhaftigkeit und setzt ein kontrolliertes Vibrato ein, das zur Authentizität des Salomé-Bildes beiträgt. Sie singt die Arie auf Französisch: eine bewusste Entscheidung, in der Sprache ihres Geburtslands zu singen. Auch zeitgenössisches Repertoire schreckt sie nicht ab. So singt sie momentan in Berlin die Uraufführung der Oper Violetter Schnee von Beat Furrer. Das Orchester von Montpellier begleitet stilvoll und mit Präzision. In Dirigent Michael Schønwandt trifft Dreisig einen halben Landsmann, denn ihre Mutter ist eine Dänin (und ebenfalls Opernsängerin).
Diese angesagte Sängerin – Ensemblemitglied der Staatsoper Berlin, des Hauses von Daniel Barenboim – gewann unter anderem den Operalia-Preis, einen Wettbewerb, ins Leben gerufen von Placido Domingo. Mit dieser Debut-CD beweist sie sich sofort als eine fesselnde künstlerische Persönlichkeit.
- WAS: Miroir(s). Opera Arias
- WER: Elsa Dreisig (Sopran), Orchestre National de Montpellier Occitanie u.L.v. Michael Schønwandt
- AUSGABE: Erato 0190295634131[embed]https://www.youtube.com/watch?v=1Z00Ymwcl10[/embed]