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Märchenhaft gewagtes Konzert

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· 5 Min. Lesezeit
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Märchenhaft gewagtes Konzert

Die Accademia Nazionale di Santa Cecilia kam auf seiner Tournee mit Chefdirigent Antonio Pappano in die Philharmonie des deutschen Essen. Nicht zu weit entfernt und vor allem fasziniert von Pappanos stets dramatischem Ansatz gingen wir das originelle Programm anhören, bei dem auch die Stargeigerin Lisa Batiashvili auftrat. Es war erwartungsgemäß die Umlage wert.

Das Programm eröffnete mit Modest Moessorgskis Nacht auf dem kahlen Berg. Die symphonische Schilderung des Hexensabbats in der Nacht des Heiligen Johannes, vom 23. auf den 24. Juni, gab dem Orchester sofort die Gelegenheit, den wilden Hexentanz in aller Heftigkeit darzustellen. Schrill klingende Bläser nehmen es mit hellen Streichern auf. Beschwörende Akkorde und harte Klangfarben sorgen für einen dämonischen Effekt, der deutlich mit viel Energie und Überzeugung vom Orchester gebracht wurde. Ein gelungener Auftakt.

Béla Bartóks erstes Violinkonzert trifft einen empfindsameren Ton. Bartók komponierte es zwischen Juli 1907 und Februar 1908, als er sich als sechsundzwanzigjähriger Komponist hals über Kopf in die sieben Jahre jüngere Stefi Geyer verliebt hatte. Das Konzert ist ihr gewidmet und ist gleichzeitig ein idealisiertes Porträt der Violinistin. Den ersten Satz (Andante sostenuto) betrachtete er als ein intimes Porträt, den zweiten (Allegro giocoso) als ein Ausdruck ihres selbstbewussten und extravertierten Charakterzugs, während ein dritter Satz die kühle, distanzierte Stefi Geyer hätte suggerieren sollen. Zu diesem dritten Satz kam es jedoch nie, nicht zuletzt weil Bartók die Musik als sehr direkt erlebte, während Stefi inzwischen die Bindung zu Bartók unterbrochen hatte. Dies hatte zur Folge, dass das Manuskript erst nach ihrem Tod freigegeben wurde und das zweisätzige Konzert erst 1958 nach dem Tod beider uraufgeführt wurde.

Beeindruckende Einfachheit

In diesem reinen Bekenntnis-Konzert schimmert Bartóks Interesse für Harmonie und Rhythmus basierend auf Volksmusik bereits sanft durch. Aber der Hauptton wird sicherlich immer noch von der Empfindsamkeit und der lyrischen Sehnsucht der Liebesthematik gesetzt. Lisa Batiashvili war eine perfekte und durchlebte Verteidigerin dafür. Die Solistin eröffnet das Konzert allein, mit einem sehnsuchtsvollem Leitmotiv, das dann peu à peu von den Streichern umrahmt wird, die Pappano mit seinen sublimen Präzisionsgesten zu einem zarten Gesang ermutigt und zu einem Höhepunkt aufwachsen lässt. Am Ende des Satzes verblüfft Batiashvili im höchsten Register mit der ausdrucksstarken Wiederholung des Stefi-Motivs. Nach der Wärme und Lyrik des ersten Satzes ist der fröhlichere und joviale zweite Satz eine Hommage an Stefis Virtuosität. Batiashvili überzeugt mit einer gefestigten und selbstbewussten Herangehensweise, wobei hier und da im Dialog mit dem Orchester auch die Volksmusikelemente deutlich zum Erklingen kommen. Orchester und Solistin waren deutlich auf der gleichen emotionalen Wellenlänge. Die Präsenz von Batiashvili – in stilvollem schwarzsilbergrauem Kleid – war von einer Einfachheit, die eben beeindruckte. Ein Konzert, das offensichtlich ausgezeichnete Interpreten wie diesen erfordert, um in seiner ganzen Intensität zu seinem Recht zu kommen.

Mit Scheherazade, der Symphonischen Suite aus Tausendundeine Nacht von Nikolai Rimski-Korsakov betreten wir eine märchenhafte Welt, in der das Orchester Szene um Szene erzählt. Scheherazade ist die Prinzessin, die es schafft, durch ihren Charme und besonders durch ihre Erzählkunst den Sultan von seiner bösen Gewohnheit abzubringen, jede Nacht seine Braut zu töten, um am nächsten Tag eine neue zu wählen. Ihr Geschichte fesselt den Sultan so sehr, dass er ihr weiter zuhören muss, tausendundeine Nächte also. So bleibt sie am Leben und heilt ihn von seinem Wahnsinn. Die farbenfrohe Orchesterwelt dieses symphonischen Werkes inspiriert Pappano, sein Orchester erzählend erklingen zu lassen. Das Märchen aus Tausendundeine Nacht, auf das Korsakov sein Werk basierte, wird herrlich eingeleitet durch das Motiv von Scheherazade im Violinsolo. Schrittweise übernimmt jede Orchestergruppe das Thema, bis es im vollständigen Orchester erklingt. Dies geschieht so nahtlos, dass es zu einem spannenden Effekt führt und den Hörer in die Geschichte miteinbezieht. Jeder Satz schildert mit charakteristischen Instrumenten (Klarinette, Flöte, Harfe) und Motiven die Episode, über die erzählt wird: der Sturm auf dem Meer, die Begegnung mit Prinz Kalender, die lyrische Andantino-Passage des Prinzen und der Prinzessin, das Fest in Bagdad und der Schiffbruch. Die Accademia bringt die Magie und die orientalische Atmosphäre des Werkes perfekt rüber und die Wiederholung des herrlichen Scheherazade-Motivs in Violine und Harfen am Ende bringt alle rhapsodischen Elemente zu einem herrlichen Abschluss.

Der Saal des Theater und Philharmonie Essen war nicht bis oben hin gefüllt. Aber das Feinschmecker-Publikum, das anwesend war, dankte der Passage der Accademia Nazionale di Santa Cecilia und seinem Chefdirigenten Antonio Pappano mit stürmischem Applaus.


  • WAS: Modest Moessorgski (1839-1881) – Nacht auf dem kahlen Berg | Béla Bartók - Violinkonzert Nr. 1 (Sz 36) | Nikolai Rimski-Korsakov (1844-1908) - Scheherazade (opus 35)
  • WER: Lisa Batiashvili (Violine), Orchestra dell'Accademia Nazionale di Santa Cecilia u.L.v. Antonio Pappano
  • WO: Theater und Philharmonie, Essen
  • WANN: Freitag, 24. Mai 2019
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