Satie s'amuse: Ein ganzer Tag mit Konzerten mit Erik Satie als zentralem Komponisten, das ist ein besonderes Erlebnis. An Abwechslung und Vielfalt fehlte es jedenfalls nicht.
Es begann mit Sacré Satie, ein Titel, der genauso mehrdeutig klingt wie die Musik, die zu hören war. Komponierte Satie mit seinem bizarren Werk Uspud geweihte oder verfluchte Musik? Aus der Erläuterung im Programmheft erfahren wir, dass er das Werk in einer Phase komponierte, in der er einer Art religiöser Berufung folgte und sogar eine eigene Gesellschaft gründete, von der er allerdings das einzige Mitglied blieb… Die Figur Uspud, um die sich das Werk von 1892 dreht, ist einerseits ekstatisch religiös, andererseits aber von Dämonen besessen, die dem Werk einen apokalyptischen Charakter verleihen. Das Stück ist in drei Akte unterteilt und hat einen sehr fragmentarischen Charakter. Es wirken wie seltsame Hirngespinste, die Saties Geist beherrschen und denen er in Klängen Ausdruck verleiht. Es gibt keine echten Melodielinien, die Musik klingt sehr fragmentarisch, ohne echten Zusammenhang oder Entwicklung. Für den Hörer ist es anspruchsvoll, konzentriert zuzuhören, aber für Jan Michiels ist es nicht weniger als ein Kunststück, dieses Werk als hörenswerte Klaviermusik zu interpretieren. Er tut dies in seiner eigenen beherrschten und ruhigen Art und hält auf diese Weise (unterstützt durch die geschickt eingestellte Beleuchtung) den Hörer in seinen Bann. Hier auch gleich ein Wort des Lobes für Lise Bruyneel, die für einen einfachen, fließenden Hintergrund sorgt, nirgends aufdringlich, auf dem regelmäßig Textstücke erscheinen, die verdeutlichen, was Satie beschäftigt.
Die Kombination mit der etwa fünfzehn Jahre früher entstandenen Via Crucis von Franz Liszt passte wunderbar, nicht nur wegen der religiösen Konnotation, sondern auch wegen des – für Liszt fast untypischen – schlichten Stils und des asketischen Tons. Die Bezeichnung auf Video der einzelnen Stationen des Kreuzwegs half auch in diesem Fall, die Musik zu verstehen.
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© Malou Van den Heuvel[/caption]
Salon Satie
Das erste Nachmittagskonzert war – für mich jedenfalls – der Höhepunkt des Tages. Wir haben Inge Spinette und Lore Binon bereits früher bei Liederabenden zusammen arbeiten hören und sie haben zusammen mehrere geschätzte CDs veröffentlicht. Lore Binon erhielt übrigens 2018 das Gouden Label von Klassiek Centraal für die Aufnahme von Poètes Maudits. Das hier gewählte Programm war einfach eine Bonbonniere für alle, die die französische Mélodie um die Jahrhundertwende lieben. Lieder über zerbrechliche Liebe, träumerische Traurigkeit und melancholisches Flanieren, mit einem Hauch von joie de vivre: Lore Binon und Inge Spinette finden den richtigen Ton. Mit hauchdünnen Fäden ihres weichen Timbres nimmt dich Lore Binon in die magische Poesie. Zart und schwindelerregend verfeinert singt sie die subtilen Melodien, fließend und sinnlich ohne an Ausdruckskraft einzubüßen. Im Gegenteil, ihre Stimme scheint mit den Jahren noch an Aussagekraft zu gewinnen, ihre Präsenz an Überzeugungskraft. Mit ihrer Zugabe Mon homme von Mistinguette war die Atmosphäre doppelt bestätigt! Inge Spinette ist ausgezeichnet mit der Stimme vertraut. Sie ist eine besonders einfühlsame und textbewusste Pianistin und begleitet die Sängerin mit samtenen Fingern und unablässiger Aufmerksamkeit. Ihre einzelnen Solostücke von Satie – nahtlos in das Recital verwoben – sorgten für die spielerische Note. Ein Pluspunkt war, dass auch hier die Texte auf unaufdringliche Weise projiziert wurden.
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© Malou Van den Heuvel[/caption]
Satire Satie
Das letzte Konzert drehte sich um mehr humorvolle Stücke von Satie, flankiert von Kammermusik von Poulenc und Stravinsky. Für die Aufführung füllten die Musiker von I Solisti das Podium. Neben den obligaten Holz- und Blechbläsern und dem Percussionisten wurde auch mit Augenzwinkern auf die Dada-Aspekte angespielt, die in der frühen zwanzigsten Jahrhundert aufkamen, mit Schreibmaschinen, Rasseln und nassen Wischmöppeln. Das Ganze wurde zu einer wirbelnden Art instrumentalem Kabarett, bei dem als Zentralwerk Parade von Erik Satie in einem geschickten Arrangement von Tim Mulleman gespielt wurde, das die verschiedenen Stile und Ragtimes zu einem atmosphärischen Ganzen transformierte. Auch hier sorgte Lise Bruyneel für bald einen karnevalesken Hintergrund als Dekor oder ließ sie clowneske Figuren inspiriert von Chinoiseries aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert über die Musiker flattern. Im Laufe des ganzen Tages entpuppte sie sich als visuelle Künstlerin mit einem richtigen Gespür für und vor allem Respekt vor dem, was in der Musik passiert. Ein einzigartiges Gleichgewicht, wie ich es bei Konzerten noch nicht erlebt habe.
Festival 20·21 kann auf jeden Fall zufrieden und erfüllt auf den Themagesamttag dieser Ausgabe zurückblicken, eine Produktion, bei der vor allem künstlerischer Leiter Pieter Bergé seine Schultern darunter setzte. Das Festival läuft in Leuven noch bis 29. Oktober 2023.
WAS: Satie s'amuse, Festival 20·21 WER: Jan Michiels [Klavier], Inge Spinette [Klavier], Lore Binon [Sopran], I Solisti, Lise Bruyneel (Video) WO: Leuven, Stadsschouwburg WANN: Sonntag 8-10-2023