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Aus dem Schatten der Oper: Gullì wiederentdeckt

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· 4 Min. Lesezeit
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Aus dem Schatten der Oper: Gullì wiederentdeckt

Es gibt Komponisten, die nicht vergessen werden, weil ihre Musik schwach war, sondern weil die Geschichte nun einmal andere Geschichten bevorzugt. Wer an Musik des neunzehnten Jahrhunderts aus Italien denkt, denkt unweigerlich an die Oper: an Verdi, an den bel canto, an das Risorgimento, das sich so dankbar von Melodrama begleiten ließ. Dies ist jedoch ein Bild, das die Musikhistoriographie in den vergangenen Jahrzehnten gründlich differenziert hat. Neben den Theatern florierte eine reichhaltige Instrumentalkultur, die sich in Rom, Neapel, Bologna, Mailand, Turin und Florenz jeweils anders manifestierte, getragen von Konservatorien, Konzertvereinigungen und einem zunehmend dichteren europäischen Netzwerk. Giovanni Sgambati und Giuseppe Martucci bleiben dabei die festen Ankerpunkte, mit Busoni als die Figur, die die italienische Pianistenkultur danach noch weiter in die Welt trug. Aber um sie herum bewegte sich ein viel dichteres Sternbild als die Handbücher lange anerkennen wollten.

Luigi Gaetano Gullì (1859 – gestorben auf dem Meer, 1918) gehört unbestreitbar zu dieser Gesellschaft. Als jüngster von neun Kindern studierte er am Conservatorio di San Pietro a Majella in Neapel, bei Beniamino Cesi für Klavier und Lauro Rossi für Komposition, um anschließend über Paris nach Rom zu kommen, in den Kreis von Tosti, Sgambati und Mancinelli. Bemerkenswert in den Zeugnissen über ihn ist nicht die Bravour, sondern gerade deren Fehlen. Gabriele D'Annunzio, der ihn 1888 in einem Programm mit Bach, Mozart und Reinecke hörte, pries genau diese Weigerung, den Applaus durch gratuitöse Effekthascherei zu suchen, und ließ ihn später sogar als Komparse in Il piacere zurückkehren. Ein Pianist, der dem Romanschriftsteller sein römisches Klangdekor liefert: das sagt etwas über das Ansehen aus, das Gullì damals genoss. Sein späteres Leben – das Quintetto Gullì, die Freundschaft mit Grieg, die Direktorenposition in Texas und Chicago, und schließlich jene ergreifende Rückreise nach Italien, die er nicht mehr vollenden würde – hat etwas von einem Roman, aber letztendlich muss die Musik selbst überzeugen.

Und das tut sie auf dieser CD, überraschend und mit Hingabe. Die vier Klavierstücke, 1894 bei Breitkopf & Härtel in Leipzig erschienen, zeigen einen Komponisten, der sich stärker zu Konzentration als zu Rhetorik hingezogen fühlt. Große Gesten bleiben aus; was bleibt, ist eine präzise, manchmal fast verhaltene Aussagekraft, in der sich die italienische cantabile-Tradition mühelos mit einer mitteleuropäischen Formdisziplin verbindet. A te! – Valzer da concerto (Chicago, 1915) schließt an die Tradition des Konzertwalzers an, übersteigt aber mühelos die Unverbindlichkeit des Salonsentiments dank einer glänzenden pianistischen Schreibweise, in der Virtuosität immer im Dienste der Melodie bleibt. Der betörendste Moment der Aufnahme ist für mich jedoch Sfumature – fogli d'album. Hier behandelt Gullì den Flügel als Instrument subtiler Schattierungen: Farben verschieben sich fast unmerklich, Phrasen scheinen organisch auseinander hervorzugehen und die Musik atmet eine poetische Intimität, die lange nachwirkt.

Giosuè De Vincenti, der seine Dissertation in Évora genau diesem Komponisten widmete, spielt mit der Autorität jemandes, der sein Handwerk vollständig kennt, aber niemals mit der Distanz des Wissenschaftlers. Sein Anschlag ist klar, seine Phrasengestaltung natürlich und sein Anschlag bemerkenswert verfeinert. In Sfumature bewahrt er die zarte Intimität ohne sentimental zu werden; in A te! lässt er die Virtuosität funkeln, ohne jemals die musikalische Linie preiszugeben. Dieses Gleichgewicht – technische Beherrschung vollständig im Dienste von Stil und Ausdruck – entspricht wunderbar der Ästhetik von Gullì selbst. De Vincenti ist daher viel mehr als ein Ausführender: er ist der ideale Anwalt für diese Musik und lässt sie mit einer Selbstverständlichkeit sprechen, als wäre sie nie aus dem Repertoire verschwunden.

Diese Aufnahme wirft einen überraschend erfrischenden Blick auf die Klaviermusik des italienischen neunzehnten Jahrhunderts. Dies ist melodienreiche Musik, mit einer selbstverständlichen Eleganz vorgetragen von Giosuè De Vincenti, der sich als überzeugender Führer durch Gullìs verfeinerte Klavierwelt erweist. Wer meint, dass es nach Martucci und Sgambati wenig mehr zu entdecken gibt, wird hier nicht nur freundlich, sondern vor allem überzeugend widersprochen. Man kann sich höchstens fragen, warum diese Musik so lange auf eine Interpretation dieses Niveaus hat warten müssen.

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