Es gibt Platten, die man nicht einfach abspielt, sondern betritt, wie man eine Kirche betritt, in der das Licht gerade erlischt. Franz Liszt: Piano Music Vol. 1 der Pianistin Eunhee Baek ist ein solches Rezital: kein Programm, das auf virtuose Verblüffung abzielt, sondern eine sorgfältig aufgebaute Reise durch vierzig Jahre des Komponierens. Sie spannt einen Bogen von den Trois Apparitions aus 1834, in denen der junge Franz Liszt (1811-1886) sich zum ersten Mal eine ganz eigene poetische Sprache aneignet, bis zum Dritten Jahr der Années de pèlerinage, vollendet im Schatten von Wagners Tod und kaum drei Jahre vor dem eigenen. Zwischen diesen beiden Polen liegt nicht nur ein Komponistenleben, sondern auch eine Liebe: die zu Marie d'Agoult, die 1832 als „eine fremde Erscheinung" in die Existenz des dreiundzwanzigjährigen Liszt Einzug hielt, und deren Tod 1876 eine Epoche endgültig abschloss.
Baek, geboren in Seoul und ausgebildet an der Berliner Universität der Künste, dem Mozarteum in Salzburg und der Accademia in Imola bei Boris Petrushansky, widmet sich seit Jahren dem gesamten Klavierwerk von Liszt. Diese Hingabe hört man. Während viele Liszt-Interpretationen in äußerem Glanz steckenbleiben – dem virtuosen Glitter, das das Instrument zu einem Spektakelstück degradiert – wählt Baek konsequent das Innere der Partitur. Ihr Anschlag ist niemals aufdringlich; sie lässt die Musik lieber atmen als glänzen. Ihr Anschlag ist außergewöhnlich verfeinert; von den ersten Takten an spürt man, dass hier eine Pianistin am Werk ist, die den Hörer nicht beeindrucken, sondern in eine sorgfältig erzählte musikalische Geschichte mitnehmen will. Bemerkenswert ist auch, wie mühelos sie die berüchtigten technischen Schwierigkeiten überwindet. Die Virtuosität ist ständig präsent, wird aber völlig dem musikalischen Gedanken untergeordnet.
Dieser Ansatz ist sofort in den eröffnenden Apparitions zu hören. Die erste, eigentlich nicht mehr als eine festgehaltene Improvisation, entfaltet sich in dieser Lesart als ein Traum, der sich selbst noch erfindet: vage umrissen, fast impressionistisch, bis eine italienisch getönte Barkarolen-Melodie plötzlich hell hervortritt, um sich dann wieder im harmonischen Nebel aufzulösen. Die zweite Apparition, eine flüchtige musikalische Fantasie von kaum wenigen Minuten, taumelt vorbei wie ein Aufwallen, das sich nicht festhalten lässt. Erst in der abschließenden Schubert-Fantasie lässt Baek die Finger wirklich los, ohne je den wankelmütigen, improvisierenden Geist des Ganzen zu verraten.
Vierzig Jahre später – und das ist die eigentliche Reise, die diese CD unternimmt – ist von dieser sinnlichen Hingabe wenig übrig. Der Glaube, geteilt mit Carolyne von Sayn-Wittgenstein, durchdringt den späten Liszt, und Baek spürt das fehlerfrei, ohne es je dick aufzutragen. In Sunt lacrymae rerum und der Marche funèbre – zwei Todesameditation, die eine den gefallenen ungarischen Patrioten von 1848-49 gewidmet, die andere dem ermordeten Kaiser Maximilian von Mexiko – klingt ihr Spiel nüchtern, fast asketisch, als würde jede überflüssige Note den Trauer darunter verraten. Es ist Liszt auf seinem düstersten, und Baek widersteht der Versuchung, diese Düsternis schöner zu machen, als sie ist.
Zwischen dieser Dunkelheit stehen die beiden Cyprès-Stücke und die Jeux d'eaux à la Villa d'Este, und genau dort zeigt diese Aufnahme ihr Herz. Die Cyprès-Stücke, inspiriert durch die jahrhundertealten Zypressen der Villa d'Este, klingen hier wie verwitterte, singende Stämme – die Akkorde liegen offen und wund, als würden sie bereits auf Wagners Tristan hinweisen. Gerade auf diesen Seiten zeigt sich Liszt am modernsten. Die harmonische Kühnheit, die offenen Akkorde und die ungelösten Spannungen öffnen bereits ein Fenster zur musikalischen Welt von Debussy, Skrjabin und sogar Bartók, ohne dass Baek diese Modernität ausdrücklich zur Schau stellen möchte. Dem gegenüber steht die Jeux d'eaux à la Villa d'Este, einer der späten, monumentalen Höhepunkte aus Liszts pianistischem Oeuvre. In Baeks Händen wird es zu einem absoluten Lichtfleck: Das Wasser plätschert, glitzert und spritzt auseinander, während die berühmte Anspielung auf Johannes 4:14 – über das lebende Wasser, das zu ewigem Leben entspringt – fast hörbar wird. Selten klingt Erlösung so natürlich, so wenig gewollt oder gesucht.
L'Angelus und das abschließende Sursum Corda, die das Album umrahmen, zeigen einen Liszt, der sich aller Überflüssigkeit entledigt hat. Baek lässt die fernen Glocken von L'Angelus mit einer verhaltenen Ergriffenheit verklingen, die nicht ins Sentimentale abgleitet, und in Sursum Corda findet sie genau das richtige Gleichgewicht zwischen Posaunenschmetterer und innerer Überzeugung – kein triumphales Feuerwerk, sondern ein stilles, fast scheues Glauben, das sich dennoch zu erheben weiß.
Auch die Aufnahmequalität trägt wesentlich zur Überzeugungskraft dieses Rezitals bei. Da Vinci Classics wählt einen warmen, natürlichen Klavierklang, in dem kein Detail verloren geht. Die dynamischen Schattierungen von Baeks Spiel bleiben vollständig erhalten, während auch die verhalteneren Passagen den ganzen Raum bekommen, um ihre Spannungskraft zu bewahren.
Das programmatische Konzept ist vielleicht die größte Verdienste dieser CD: Die gewählten Werke bilden keine Blütensammlung bekannter Liszt-Seiten, sondern eine sorgfältig aufgebaute geistige Biographie, in der der Hörer Schritt für Schritt Zeuge eines Komponisten wird, der seinen Blick immer weiter nach innen richtet – von der unbefangenen Ekstase des jungen Liebenden bis zur ergebenen Introspektif des alten Meisters. Es ist eine Reise, die Aufmerksamkeit erfordert, um Stille im Raum, um das Ausschalten von allem, das ablenkt – aber wer sich diese Mühe nimmt, wird reichlich belohnt. Eine intensive, durchdachte und ehrlich ergreifende Hommage an einen Komponisten, für den das Klavier, wie Jean-Yves Clément treffend schreibt, bis zum Ende ein Beichtvater blieb.