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Vom Halbgott zum Obdachlosen und zurück: Julius Eastman wiederentdeckt

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· 5 Min. Lesezeit
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Vom Halbgott zum Obdachlosen und zurück: Julius Eastman wiederentdeckt

Die klassische Musik kennt zahlreiche Außenseiter, aber der amerikanische Komponist, Pianist, Sänger und Choreograf Julius Eastman ist bis heute Inhaber des Weltrekords. Mit einer neuen Aufnahme seines Werks Femenine macht er einen entscheidenden Schritt zur endgültigen Anerkennung.

Julius Eastman (1940-1990) war dazu bestimmt, die klassischen Pfade mit Eleganz und Würde zu betreten. Eastman erhielt seine Ausbildung am Curtis Institute of Music in Philadelphia. Bald darauf trat er als Bariton unter den Dirigenten Zubin Mehta und Pierre Boulez auf. Anschließend wurde er Dozent an der Universität von Buffalo im Staat New York und fand dort seinen Biotop in minimalistischen Kompositionen. 1966 debütierte er als Pianist in New York mit eigenem Werk. Sein soziales und künstlerisches Leben spielte sich mit Avantgardisten und Persönlichkeiten wie John Cage, Meredith Monk, Arthur Russell und dem S.E.M. Ensemble ab.

"To the fullest"

Langsam, zurückgezogen und schüchtern werkelte er an den Grundlagen der Avantgarde, die üblicherweise als weiß und eurozentrisch angesehen wurde. Ab den 1970er Jahren wuchs sein Charisma mit seiner Persönlichkeit. In einem Interview mit der Zeitung Buffalo Evening News beschrieb er 1976 sein persönliches Adagio: „…to be what I am to the fullest: Black to the fullest, a musician to the fullest, and a homosexual to the fullest." Damit gab Eastman den Startschuss für die umstrittenen Titel, die er einigen seiner Werke gab: Crazy Nigger, Dirty Nigger, Evil Nigger, Nigger Faggot, Gay Guerilla. Seinen eigenen Aussagen zufolge nutzte er diese Titel, um sich selbst in Stereotypen zu „verpacken" und dadurch eine Diskussion über Rassismus und Homophobie auszulösen. Was Themen betrifft, die heute in aller Munde sind, wie Black Lives Matter, Geschlechtsneutralität, Einkommensungleichheit und Drogenpolitik, war er seiner Zeit weit voraus, vielleicht zu weit. Ende der 1970er Jahre zog sich Eastman immer mehr von seiner Umgebung zurück. Alkohol und Drogen taten ihre entfremdende Wirkung und bestätigten, dass er ein Außenseiter sein und bleiben wollte. „Er lebte wie die Titel seiner Kompositionen", sagte ein Freund. Auch wählte er ein besitzloses Leben. Seine Wohnung war nie abgesperrt, regelmäßig hatte er Diebe zu Besuch. Schließlich wurde er wegen Mietschulden aus seiner Wohnung in New York geworfen. Der ganze Hausrat, einschließlich Partituren, landete auf der Straße. Eastman landete in einem Obdachlosenheim und lebte eine Zeit lang unter freiem Himmel im Tompkins Square Park, Manhattan. Er starb 1990 in einem Krankenhaus in Buffalo, völlig vergessen. Es dauerte sieben Monate, bis ein Stück über seinen Tod in The Village Voice erschien.

Organische Entwicklung

Femenine ist in einem repetitiven Stil komponiert und wird in seiner Originalversion von Bläsern, Marimbas, Vibraphone, Schlittenglocken, Klavier und Bass aufgeführt. Das Stück, etwas über eine Stunde, basiert auf einem musikalischen Block, der aus einem Thema von zwei Noten auf dem Vibraphone gegen einen Schneevorhang von Schlittenglocken besteht. Das Referenzmaterial ist äußerst begrenzt. Es gibt nur fünf Seiten Partituren, mit denen die Musiker auskommen müssen. Und es gibt eine Aufnahme des S.E.M. Ensemble, dem Eastman angehörte, aus dem Jahr 1974. Das sind die einzigen vorhandenen Quellen. Das Kollektiv der Neuen Musik Wild Up aus Los Angeles hat sich trotzdem daran gemacht, mit einer neuen überarbeiteten Version, veröffentlicht auf dem Label New Amsterdam. Das Ergebnis ist ein schwindelerregendes Gewebe, das sich organisch in einer geschichteten Tonlandschaft entwickelt, die nie langweilig wird, aber ständig überrascht. Die Grundmelodie wird wie in Terry Riley's In C als Ostinato wiederholt. Dieses Ostinato packt den Hörer, aber das Risiko von Irritation wird durch das abwechselnde Aufkommen und Gleiten von Glocken, Drohnen und anderen Instrumenten aufgehoben. Der Effekt ist dadurch eher organisch als minimalistisch. Aber eigentlich besteht die einzige Norm des Stücks in durchgeführter Normlosigkeit. Und für Wild Up kam dabei eine Herausforderung hinzu: Wie das begrenzte notierte Material verwenden, um eine Aufführung zu ermöglichen, die unverkennbar Julius Eastman ist? Die Antwort lautete: Improvisation. Wild Up hat zwölf Soli für Klavier, Cello, Bariton-Saxophon, Horn und Stimme hinzugefügt. Das Ensemble konnte das realisieren, weil die Musiker selbst komponieren und improvisieren. Das bedeutet, dass sie Instrumente (Glocken, Pfeifen) hinzuholten und selbst Farbe und Dynamik einbrachten. Auf diese Weise fungiert der Komponist eher als Vermittler, dessen Musik nichts vorschreiben will, sondern vielmehr dazu anregen will, die Grenzen zu verschieben und neue Möglichkeiten auszuprobieren. Wenige Komponisten trauen sich das. Die Stärke von Femenine liegt unter anderem in der Freiheit, die den Musikern gegeben wird, um die Instrumentation anzupassen und mit der Formgestaltung zu experimentieren. Die Ausführenden haben dadurch maximalen Einfluss auf das Endergebnis. Das ist auch der Grund, warum diese Aufnahme von Wild Up von früheren Aufnahmen wie denen des britischen Apartement House (2019) und des belgischen Sub Rosa (2020) unterscheidet.

Eastmania

Eastmania, so heißt die erneuerte, trendige Bewunderung für Julius Eastman. Das Tüpfelchen auf dem i kommt von der New York Philharmonic, die Symphony No. II - The Faithful Friend: The Lover Friend's Love for the Beloved für Februar 2022 programmiert hat, sogar in einer Serie für Abonnenten. Die Partitur wurde in einer Schublade gefunden und überarbeitet. Der Dirigent ist Jaap van Zweden.


  • WAS: Julius Eastman – Femenine
  • WER: Wild Up
  • FOTOS: Chris Rusiniak, Wild Up
  • VERÖFFENTLICHUNG: New Amsterdam Records
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