Was ist klassisch? Und wo liegt die Grenze zu Jazz oder Weltmusik? Es ist schwierig geworden, diese Begriffe abzugrenzen. Die Grenzen sind manchmal so verschwommen. Deshalb 2 neue Alben, in denen Marius Gjersø und Stephan Micus mit verschiedenen Musikrichtungen flirten und die traditionelle Einteilung in Frage stellen.
Auf seinem ersten Soloalbum Yūgen bringt der norwegische Trompeter Marius Gjersø Akustik und Elektronik zusammen. Auffallend ist, dass diese CD sowohl in der Verteilungsliste von Jazz als auch von Klassik aufgeführt wird. Dies beweist bereits, wie schwierig es ist, dieses Album nur in eine Kategorie einzuordnen. Wenn ich diese Musik in einem Wort beschreiben müsste, wäre es „stimmungsvoll". Die Elektronik entfaltet eine atmosphärische Klangwelt. Mit diesem geschichteten Kosmos als Hintergrund improvisiert Gjersø auf seiner Trompete. Durch Textur und Klangfarbe bringt er eine Art musikalische Meditation. Frei von Zeit und Raum wirst du von den Klängen umarmt.
Auch Jazzmusiker Stephan Micus experimentiert mit Textur und Klangfarbe als Ausgangspunkt. Auf seinem neuesten Album Thunder bringt er erneut verschiedene Musikrichtungen aus der ganzen Welt zusammen. Jedes Werk ist nach einem anderen Donnergott benannt. Von dem mesopotamischen Ishkur bis zum antiken griechischen Zeus und vom slawischen Perun bis zum chinesischen Leigong. Was sie auf diesem Album verbindet, ist nicht nur der Donner, sondern auch ein vier Meter langer Dungchen (ein tibetisches Blechblasinstrument). Es war das Timbre dieses Instruments, das Micus inspirierte, dieses Album zu erschaffen und es dem Donner zu widmen. Er erforscht die musikalischen Möglichkeiten dieses enormen Blasinstruments und platziert sie in eine meditative Klanglandschaft. Wiederum lässt du dich als Hörer mitreißen und tauchst in ein ungewöhnliches Klangbad ein.
Die Klangwelten dieser beiden Künstler äußern sich in völlig verschiedenen Sonoritäten. Dennoch haben sie einen ähnlichen Ausgangspunkt: mit Klangfarbe spielen und verschiedene Texturen verflechten. Sie suchen die Grenzen des Möglichen auf und schaffen auf Basis von Klangexperimenten ein Soundpanorama, das einzigartig ist.
Zurück auf die Frage: ist das klassisch, Jazz oder Weltmusik? Keine Ahnung. Aber vielleicht ist die Antwort darauf irrelevant. Was mit Klarheit bestätigt werden kann, ist die Qualität ihrer Musik. Mit feinen Klang-Nuancen wissen sie auf ihre je eigene Weise die Grenzen zu verschieben.
- WER: Marius Gjersø [Trompete & Live-Elektronik]
- WAS: Yūgen
- VERLAG: NXN Recordings NXN4006
- BESTELLEN: JPC
4/5
- WER: Stephan Micus
- WAS: Thunder
- VERLAG: ECM ECM2757
- BESTELLEN: JPC