Als Lehrer habe ich schon immer eine besondere Zuneigung zum Young Euro Classic Festival in Berlin gehabt. Vielleicht liegt das daran, dass ich in meiner täglichen Arbeit ständig mit jungen Menschen zu tun habe, die noch ihren Weg suchen, ihre Talente entdecken und sich auf eine Zukunft vorbereiten, die sie selbst noch nicht genau kennen. Young Euro Classic tut etwas Ähnliches, aber dann mit jungen Musikern aus der ganzen Welt: Es gibt ihnen nicht nur die Gelegenheit, Musik zu machen, sondern stellt sie auch auf eine internationale Bühne, vor ein Publikum, das ihnen als vollwertigen Musikern gegenübertritt.
Seit 27 Jahren bringt das Festival während der Sommermonate internationale Jugenorchester nach Berlin. Soweit mir bekannt ist, gibt es kein anderes Festival, das dies bereits so lange und so konsequent in diesem internationalen Maßstab tut. In einer klassischen Musikwelt, in der die Aufmerksamkeit so – vielleicht sogar zu – oft auf etablierte Namen und Solisten mit einer langen Karriere hinter sich gerichtet ist, entscheidet sich Young Euro Classic seit mehr als einem Vierteljahrhundert dafür, Platz für diejenigen zu schaffen, die gerade am Anfang ihrer Karriere stehen. Das ist es, was dieses Festival meiner Meinung nach einzigartig macht: nicht nur, dass es junges Talent zeigt, sondern dass es das bereits so lange, so systematisch und in so großem Maßstab tut.
Was mir jedes Mal wieder auffällt, ist wie zugänglich diese jungen Musiker bleiben. Nach einem Konzert stehst du plötzlich neben einer neunzehnjährigen Bratschistin, die dir begeistert von der Reise erzählt, die ihr Orchester unternommen hat, um hier zu stehen, oder du kommst ins Gespräch mit einem Dirigenten, der kaum älter ist als einige meiner Schüler am Ende ihres humanistischen Gymnasiums. Es gibt keine Kluft, keine Entourage, keine Distanz, die ich bei etablierten Namen manchmal erlebe. Du sprichst dort einfach mit jungen Menschen, die zufällig fantastisch musizieren – und die genauso viel Vergnügen an dem Gespräch danach zu haben scheinen wie am Konzert selbst.
Natürlich ist das Niveau dabei nicht unwichtig, und es ist auch nicht so, dass jedes Orchester oder jeder Solist gleichermaßen überzeugend ist. Manchmal hört man eine Aufführung, die noch suchend ist, ein Tempo, das gerade nicht überzeugt, oder einen Klang, der noch reifen muss. Das gehört zum Konzept dazu: Dies sind Musiker, die sich noch voll in der Entwicklung befinden, keine fertigen Produkte. Aber genau das macht es interessant, als Kritiker diese Konzerte zu hören: nicht mit der Frage „ist das fehlerfrei?", sondern mit der Frage „wo steht dieser Musiker, dieses Orchester in fünf Jahren?" Das ist ein anderer Maßstab als bei einem etablierten Orchester, und ich denke, das Festival trifft da die richtige Entscheidung.
Denn wer diesen jungen Orchestern zuhört, merkt auch, wie lebendig klassische Musik sein kann, wenn junge Menschen ihre Energie, ihren Ehrgeiz und ihre Persönlichkeit hineinlegen. Du hörst, wie sie versuchen, sich als Individuum zu entfalten, und gleichzeitig erfahrst, dass ein Orchester etwas anderes verlangt als individuelle Virtuosität. Aufeinander hören, reagieren, sich anpassen, Verantwortung für das Ganze übernehmen: Das ist auch Musizieren. Niemand kann allein glänzen. Eine wunderbare Solopartie hat erst dann Bedeutung, wenn sie Teil eines größeren musikalischen Ganzen wird.
Was dieses Zusammenspiel noch besonderer macht, ist der Maßstab, in dem es hier stattfindet. Während des Festivals laufen zu jeder Zeit Hunderte junger Musiker gleichzeitig durch die gleichen Straßen, Foyers und Probensäle. Begegnungen entstehen zufällig, auf einer Terrasse oder bei einem Instrument, und enden bei einer Sprache, einem Land oder einer musikalischen Tradition. Vorübergehend wird Berlin zum Treffpunkt einer jungen Musikergeneration, die sich über ganz Europa – und weit darüber hinaus – erstreckt. Diese Energie würde man in einem Saal mit nur erfahrenen Profis niemals auf die gleiche Weise finden.
Diese Offenheit liegt auch in der Programmgestaltung. Young Euro Classic scheut zeitgenössisches Repertoire nicht: Regelmäßig stehen Uraufführungen oder europäische Erstaufführungen auf dem Programm, Werke, die die jungen Orchester genauso erobern müssen wie eine Symphonie von Brahms oder Schostakovitch – ohne den Halt einer langen Aufführungstradition. Dieses Engagement für neue Musik wird auch belohnt: Jährlich vergibt das Festival einen Komponistenpreis. Für mich ist das eines der deutlichsten Signale, dass dieses Festival nicht nur den zukünftigen Ausführenden der klassischen Musik eine Bühne geben will, sondern ebenso den zukünftigen Stimmen, die ihr Repertoire schreiben werden.
Was mir dabei ebenfalls auffällt, ist wer im Saal sitzt. Klassische Musik wird noch zu oft mit einem ergrauten Publikum assoziiert, und auf vielen Konzerten stimmt dieses Bild auch. Bei Young Euro Classic ist das anders. Neben den Abonnenten sitzen hier auffallend viele junge Menschen: Mitstudenten der Musiker auf der Bühne, Altersgenossen, die selbst ein Instrument spielen, Jugendliche, die gerade deshalb – „er ist genauso alt wie ich" – zum ersten Mal ein klassisches Konzert besuchen. Dieser junge Blick im Saal verstärkt das, was geschieht: Es fühlt sich nicht an wie eine Generation, die für eine ältere Generation spielt, sondern wie eine Generation, die sich selbst erkennt, sowohl bei den Musikern als auch im Saal.
Und genau deshalb ärgert es mich, dass dieses Konzept so wenig Nachahmer gefunden hat. Warum gibt es nicht ähnliche Initiativen in Belgien? Wir haben ausgezeichnete Konservatorien, junge Orchester von hohem Niveau und Säle, die sich dafür hervorragend eignen würden. Was fehlt denn dann? Ich vermute nicht das Talent, aber eher eine Institution, die bereit ist, ein solches Projekt jahrelang zu tragen – mit struktureller Finanzierung, einem festen Saal und der Geduld, es, genauso wie das Konzerthaus in Berlin, zu einer Tradition zu machen.
Das ist letztlich auch der Grund, warum Young Euro Classic für mich so wichtig bleibt. Das Festival zeigt nicht nur, was junge Musiker heute können. Es gibt uns – vielleicht noch wichtiger – die Gelegenheit, zuzuhören, was die klassische Musik morgen sein könnte.
Dieses Jahr nehme ich zum siebten Mal am Festival teil, aber zum ersten Mal plane ich einen großen Teil meines Sommerurlaubs (2. bis 10. August) rund um das Festival: tagelang zuhören, beobachten, schreiben und Gespräche mit Musikern und Organisatoren führen. Auf Klassiek Centraal folgen in der kommenden Zeit Rezensionen der Konzerte, die ich besuche, ergänzt durch Gespräche über den Platz junger Musiker in der klassischen Musikwelt von heute – und was wir von ihnen erwarten können, und sie von uns.