Zum Inhalt springen
Automatisch übersetzt · Original
Rezensionen

Wenn der Hase nur eine Schildkröte wäre

R
· 4 Min. Lesezeit
Diesen Artikel teilen
Wenn der Hase nur eine Schildkröte wäre

Seit meiner ersten Bekanntschaft mit dem Pavel Haas Quartet vor zwei Jahren beim Novecentofestival in Leuven stehen sie mit Stern verzeichnet als eine meiner Lieblingskünstler. Fügt man dann noch Pianist Boris Giltburg hinzu, erhält man mit diesen fünf fantastischen Musikern fast eine Garantie auf ein großartiges Konzert. Allerdings bewies das Quintett durch die Wahl seiner Werke, dass das Ganze nicht immer besser ist als die Summe seiner Teile.

Mit einem vollständigen Shostakovich-Programm wählte Giltburg eigenen Aussagen zufolge „zeitlose Musik". Eine seltsame Aussage, denn Shostakovichs Musik ist gerade unlösbar mit der sowjetischen Periode verbunden. In seinem Oeuvre bemerkt man daher sofort, wie der Russe sich von einem unter Druck stehenden Staatskomponisten zu einem musikalischen Rebellen entwickelt, der in seiner Musik versteckte Kritik an der Sowjetunion übt. Durch den umgekehrt chronologischen Aufbau des Programms machen wir also zunächst Bekanntschaft mit diesem Querdenker.

Musik nach dem Geschmack des Pavel Haas Quartet. Das tschechische Quartett macht vor allem Furore, wenn es sich in der Osteuropäischen Musik austobt: Bartók, Dvořák, Smetana und selbstverständlich Pavel Haas himself. Nun, gerade den ausdrucksstarken Charakter, der diese Komponisten so kennzeichnet, finden wir auch im Streichquartett fis-Moll von Dimitri Shostakovich wieder. Veronika Jarůšková und ihre Mitstreiter fesseln die Aufmerksamkeit sofort. Die vielen Staccati im ersten Teil, die die quälende Harmonie hervorheben, werden on point ausgeführt. Auch wenn Shostakovichs Werk im lento-Teil ruhiger wird und das Quartett weniger von seinem typischen feurigen Spiel profitieren kann, glänzen sie durch eine wunderbare melancholische, stellenweise fast schrille Ausführung der minimalistischen Melodielinie. Der letzte Teil, allegro, ist ein Schulbeispiel dafür, was dieses Quartett so unglaublich gut macht: blitzschnell, ausdrucksvoll, laut und leidenschaftlich sausen sie durch den dritten Teil des Streichquartetts. Das war das Pavel Haas Quartet von seiner besten Seite.

Leider war das auch gleich das Konzert von seiner besten Seite. In Shostakovichs Trio e-Moll wechseln sich Klavier, Cello und Violine ständig ab, sodass letztendlich nicht einer der drei Musiker, sondern die gemeinsame Kraft des Trios den Applaus verdient. Im Prinzip ein perfektes Stück, um solche hochkarätigen Musiker ohne gegenseitige Überschattung zusammen auf die Bühne zu bringen. Dennoch führte dies eher zu einem zu zahmen Wechsel zwischen dem Trio. Niemand traute sich, sich vollständig in seiner Rolle als Vorreiter einzubringen, wenn dies nötig war. Bei den Streichern vermisste ich besonders die Energie, die sie im Schlussteil des ersten Werks gezeigt hatten. Boris Giltburg glänzte kurzzeitig: im zweiten Teil, dem allegro con brio, gibt es eine virtuose Passage, in der der Pianist seine Qualitäten vollendet unter Beweis stellte. Doch gleich danach konnte er mit dem Anfang des largo nicht wirklich überzeugen. Diese Akkorde müssen Gewicht ausstrahlen, und sie wurden viel zu leichtfüßig gespielt.

Mit dem Quintett g-Moll gingen wir noch einen Schritt zeitlich zurück, und das größte Problem des Programms wurde klar. Nicht die Musiker sind schuld an der abfallenden Linie dieses Konzerts, sondern die Wahl der Werke. Sowohl das ausdrucksstarke Pavel Haas Quartet als auch der flinke Boris Giltburg kommen mit diesen relativ klassischen Stücken nicht optimal zur Geltung. Indem man zu einer zunehmend braver werdenden Shostakovich zurückgeht, bekommen die Musiker nicht mehr die volle Chance, alle ihre Qualitäten zu zeigen. Nicht, dass es danach schlecht wird, ganz und gar nicht. Es bleiben fünf großartige Musiker. Schade nur, dass das Highlight bereits nach einer knappen Viertelstunde erreicht war.


  • WAS: Klara-festival
  • WER: Boris Giltburg & das Pavel Haas Quartet
  • WANN: 10. März 2018
  • WO: Brüssel, Flagey
  • Foto: m.t.
Diesen Artikel teilen

Kommentare

Noch keine Kommentare. Sei der Erste, der kommentiert.

Kommentar hinterlassen

Kommentare werden vor der Veröffentlichung geprüft.

DE