Wer in Flandern den Namen Julian Weigend hört, runzelt wahrscheinlich kurz die Stirn. Aber sobald man hinzufügt, dass er den Chirurgen in der beliebten ARD-Serie "In aller Freundschaft" verkörpert, erscheint gewöhnlich ein Hauch von Erkenntnis. Doch der wahre Kern von Weigends künstlerischem Schaffen liegt nicht im Fernsehstudio, sondern auf der Bühne – vorzugsweise unter freiem Himmel, wo Wort, Raum und Vergänglichkeit sich begegnen.
Geboren am 27. August 1971 in Graz und ausgebildet an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst dort, gehört Weigend zu jener seltenen Gattung von Schauspielern, für die das Theater keine Sprungbrett, sondern Ursprung ist. Sein künstlerischer Weg führte ihn über zahlreiche deutschsprachige Bühnen – von Klagenfurt bis Schleswig-Holstein und die Berliner Kammerspiele – wo er sich früh auszeichnete. 1995 wurde er als erster Preisträger mit dem Publikumspreis der Bad Hersfelder Festspiele ausgezeichnet, kurz darauf folgte der prestigeträchtige Großer Hersfeld-Preis der Kritik. Die Fernseharbeit kam später, als Erweiterung eines bereits fest verankerten Theaterlebens.
Diese fundamentale Verbundenheit mit dem Theater erklärt vielleicht, warum Weigend die Titelrolle in Jedermann von der allerersten Aufführung an verkörpert – eine Rolle, die sich nicht einfach ablegen lässt, eher scheint sie sich allmählich an ihren Darsteller zu heften. Werner De Smet sprach für Klassiek Centraal mit dem Schauspieler über dieses besondere Verhältnis und über den Ort, wo er sie dieses Jahr erneut Gestalt annehmen lässt: der Marktplatz von Weimar, beladen mit kulturhistorischem Gewicht und existenzieller Resonanz.
Jedermann Theater, Tegelers Wanderproduktion, ist inzwischen über 20.000 Zuschauer wert seit dem Start in Beelitz im Jahr 2022, mit Spielorten wie Berlin, Bayreuth und Regensburg und bald auch Bremen, Coburg und Graz. Die Produktion kehrte bereits früher in die Thüringer Kulturstadt zurück – und jedes Mal erweist sich diese Rückkehr als mehr als logistisch. "Weimar bedeutet für mich als Schauspieler viel mehr als ein Ort," sagt Weigend. "Es ist ein geistiger und kultureller Raum, der mich mein ganzes Leben lang fasziniert."
Diese Faszination hat alles mit dem zu tun, was Weimar als Ort repräsentiert: das Erbe von Goethe und Schiller, die Sprache als Instrument der Wahrheit, die Bauhaus-Tradition als Motor der Erneuerung. Weigend spürt dieses Gewicht während der Proben nicht als Last, sondern als Bereicherung. "Man kann sich der Geschichte dieses Ortes nicht entziehen. Es gibt eine gewisse Verdichtung – eine Verbindung mit all den Künstlern, Denkern und Visionären, die hier gearbeitet haben." Und diese Verbindung ist, wie er betont, nicht ausschließlich nostalgisch. "Weimar steht durch die Bauhaus-Tradition auch für Mut und für den Gedanken, Kunst immer wieder neu zu überdenken. Diese Mischung aus Tradition und Erneuerung finde ich sehr inspirierend."
Die Parallele zu Jedermann ist dabei überraschend selbstverständlich. Hugo von Hofmannsthals Stück – das in Salzburg seine bekannteste Heimat gefunden hat, aber in Tegelers Version ausdrücklich aus dieser spezifischen Tradition herausgelöst wird – stellt Fragen, die in Weimar besonders laut resonieren: über Vergänglichkeit, Verantwortung, darüber, was am Ende zählt. "Du spielst hier nicht nur einen Text," sagt Weigend, "sondern du trittst in Dialog mit einem Kulturerbe, das über Jahrhunderte gewachsen ist."
Gefragt, ob dieselbe Rolle anderswo anders wirken würde, antwortet er nuanciert. Salzburg verbindet er mit der schweren Last einer jahrzehntelangen Aufführungsgeschichte und der unmittelbaren Verbindung zu Hofmannsthal selbst. Berlin hat eine andere Dynamik – herausfordernder, mehr reibend, mehr in Bewegung. "Weimar erlebe ich dagegen als einen Ort der Tiefe und Reflexion. Die Konfrontation mit dem Menschen, mit der Sprache, mit dem, was bleibt – das ist hier besonders spürbar." Und genau das macht die Rolle an diesem Ort anders, fügt er hinzu: "Man spielt Jedermann nicht nur vor einem historischen Hintergrund, sondern an einem Ort, an dem Jahrhunderte lang über das Menschsein, die Kunst und die großen Lebensfragen nachgedacht wurde."
Dass Weigend persönlich durch die Rolle verändert wurde, ist deutlich: "Jede intensive Auseinandersetzung mit einer Figur hinterlässt Spuren – und Jedermann ganz besonders," sagt er. Die Figur durchläuft eine Entwicklung: von jemandem, der in der Illusion des Machbaren lebt, zu jemandem, der mit der absoluten Grenze konfrontiert wird. Jahr für Jahr in diesen Prozess einzugehen, so erzählt Weigend, verändert den eigenen Blick auf Zeit, auf Beziehungen, auf Erfolg. "Jedermann ist nicht als fertig ausgebildeter Mensch auf die Welt gekommen – er durchläuft eine Entwicklung. Es geht um Einsicht, um Verantwortung und um die Möglichkeit, sich zu verändern." Was ihn dabei am meisten trifft, ist, dass die Figur nie "fertig" ist, sondern sich ständig in Bewegung bleibt. "Du spielst nicht nur einen Menschen, der dem Tod begegnet – du begegnest dabei auch immer wieder dir selbst."
Das Publikum scheint das zu spüren. Weigend ist jedes Mal wieder überrascht von der Unmittelbarkeit der Reaktionen. Nicht die Bewunderung für eine technische Leistung, sondern etwas Persönlicheres: sich selbst in einer Figur wiederzuerkennen, die zunächst alles andere als sympathisch ist. "Menschen sehen nicht nur die Geschichte eines reichen Mannes, der mit Endlichkeit konfrontiert wird – sie erkennen sich selbst in bestimmten Momenten." Nach den Aufführungen erlebt er oft eine große Stille unter dem Publikum, eine tiefe emotionale Präsenz. "Das zeigt mir, dass Theater immer noch die Kraft hat, Menschen wirklich zu berühren."
Für die Aufführungen auf dem Marktplatz von Weimar diesen Sommer hofft er, dass das Publikum mehr als Theater mit nach Hause nimmt. "Ich hoffe, dass sie einen Moment der Begegnung erleben – mit der Geschichte, mit der Figur und vielleicht auch mit sich selbst." Große Antworten gibt Jedermann nicht, das weiß er. Aber die Fragen, die das Stück stellt, sind von der hartnäckigen Sorte. "Wenn Zuschauer mit einem Gedanken, einem Gefühl oder einer Frage nach Hause gehen, dann hat Theater etwas erreicht."
Auf diesem Marktplatz, vor dem Rathaus, unter dem freien Himmel einer Stadt, die einst Goethe und Schiller beherbergte und die jetzt erneut ein mittelalterliches Moralspiel zum Leben erweckt – das fühlt sich wie der richtige Ort an.