Alles, was nicht alltäglich ist, ist gefundenes Fressen für das Musikensemble ISKARIOT, das sich der Entwicklung origineller Produktionen widmet. Der künstlerische Kern besteht aus demselben Team, das für die Entwicklung der musikalischen Kreationen im Rahmen von Judas Producties verantwortlich war, entstanden aus einer tiefverwurzelten Liebe zum Genre. Leider gab es im subventionierten flämischen Kunstfeld keinen Platz mehr für das Musicalgenre, und Judas Producties, immer noch ein Pfeiler von Qualitätsvorstellungen, ging leer aus. Notgedrungen mussten Zugeständnisse gemacht werden. Aber... wo ein Wille ist, ist ein Weg, und ISKARIOT erblickte das Licht der Welt. Menschen mit einer Leidenschaft für ihr Handwerk, die berechnete Risiken zu nehmen wagen. Sam Verhoeven und Allard Blom, die Autoren von unter anderem den eigenwilligen und erfolgreichen Musicalproduktionen 'Lelies', 'Josephine B.' und 'Goodbye, Norma Jane', machen sich nun an einen Klassiker des französischen Autors Flaubert heran. Als der Roman erstmals als Fortsetzungsroman in der La Revue de Paris im Herbst 1856 veröffentlicht wurde, wurde Flaubert von der Staatsanwaltschaft wegen Obszönität verfolgt. Dies führte im Januar 1857 zu einem aufsehenerregenden Gerichtsverfahren. Der Roman war bahnbrechend für die realistische Strömung in der Literatur. Sensationslüsterne sind hier an der falschen Adresse. 'Madame Bovary' resultiert in einem geschichteten Porträt einer warmblütigen, gequälten Frau auf der Suche nach Liebe, die mit einer fast kindlichen Sehnsucht zur beau monde gehören möchte. Eine künstlerische Herausforderung, dies sowohl visuell als auch akustisch zu verwirklichen.
Schaffungsprozess und Besetzung
Diese Produktion wurde vollständig von Grund auf von Drehbuchautor Allard Blom und Produzent-Komponist Sam Verhoeven entwickelt, der für einen kontrastreichen musikalischen Stil mit dem Künstler/Songwriter Gustaph zusammenarbeitete. Alles wurde aus dem Vollen geschöpft. Es gibt Live-Begleitung von sechs Instrumentalisten: drei Violinen, ein Cello, Kontrabass und Klavier. Sie zaubern neue Klangfülle hervor und sorgen für eine stimmungsvolle Soundscape. In Gesprächen gelingt es der Musik, oft mit feinen Nuancen in Tempi, Farbe und Dynamik, Atmosphäre zu schaffen. Dann erfasst sie die Trägheit und Stille des Lebens in einem Dorf oder einen zarten Moment zwischen Traurigkeit und Hoffnung. In anderen Momenten werden Fragmente elektronischer Geräusche eingesetzt, um Verwirrung und Chaos zu betonen. Für die Regie wurde Jaak Lema hinzugezogen. Mit bescheidenen Mitteln gelingt es ihm, ganz unterschiedliche Welten zu schaffen. Es wird auch etwas Vorstellungskraft vom Publikum erwartet. In der Hauptrolle Sandrine Van Handenhoven, die einen großartigen Eindruck als warmblütige, desillusionierte Frau macht. Eine Performerin mit natürlicher Anmut, ihrem strahlenden Selbst, elegant und kokett. Sie geht unauffällig durchs Leben, aber auf der Bühne ist sie eine Tigerin und offenbart ihre Seele dem Publikum. Ihre Karriere bekam in den letzten Jahren Input aus verschiedenen Quellen. Eine Performerin mit einer einzigartigen Stimme und breitem musikalischem Interesse. Neben ihr Michiel De Meyer und Thomas Cammaert. Beide Schauspieler/Sänger spielen verschiedene Rollen, eine Hommage an die Vielseitigkeit eines Künstlers. Eine überzeugende Besetzung.
Szenografie
Die Bühne wird von einem schlichten Rohrleitungssystem eingenommen, das senkrecht zur Bühne steht. Hinten sind hinter einer Art Gaze die drei Geigerinnen und Cellistin zu sehen. Bühnenseite rechts vorne befindet sich der Flügel und daneben tiefer der Kontrabass. Die Aufführung beginnt mit einem sonoren Beat, einer Art Herzschlag. Was auch immer geschieht, das Leben, die Uhr tickt ungestört weiter. Emma betritt in einem wunderschönen Kleid die Bühne. Sie lässt sofort in einem Lied ihre Karten offen sehen. Ihre Stimme ist warm und gelebt. Sie sitzt völlig am Boden: nicht nur finanziell, sondern auch psychisch. Für sie gibt es nur noch einen Ausweg: den Tod. Sie schreibt einen Abschiedsbrief und sieht Rettung nur in einem Fläschchen mit grünem Pulver und Arsen. Ein langer und schmerzhafter Tod, bei dem sie in ausführlichen Rückblenden ihr Leben wieder sieht.
Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins
Leere und Langeweile ist ihr Los. Aufgewachsen in einem landwirtschaftlichen Umfeld sehnt sie sich nach mehr vom Leben. Als ein Arzt ihren Vater pflegen kommt, versucht sie, ihn mit ihren Reizen zu verführen, um so aus der kleinbürgerlichen Engstirnigkeit zu entkommen. Eine Ehe mit Doktor Bovary soll es ihr ermöglichen, ihre Träume von einem Leben wie die Reichen zu verwirklichen: mit Dinner, Opernaufführungen, Ausflügen nach Paris. Sie lassen sich nieder. Sofort beginnt sie, mit Geld um sich zu werfen. Bilder erscheinen im Hintergrund, verschwinden wieder und transformieren sich. Werden sie hier und dort eingeladen, bleibt sie dennoch eine Außenseiterin. Die Ehe erweist sich auch als Desillusionierung. Ihr Mann ist nur ein einfacher Landdoktor. Immer mehr verfällt sie in die provinzielle Existenz. Sie bewegt sich über die Bühne wie ein eingesperrtes Tier und klammert sich an ein illusionäres und unerreichbares Glück, flieht in außereheliche Beziehungen mit Léon und Rudolphe. In der Oper schauen sie sich Lucia di Lammermoor von Donizetti an, ein Libretto über Liebeskummer! Sie erkauft sich die Liebe eines jungen Liebhabers mit einer Fülle von Geschenken... Ihr Liebhaber macht am Ende einen Schlussstrich. Liebe kann man nicht erkaufen. Ihre Ersatzliebe stößt ihn ab. Sandrine Van Handenhoven gelingt es, die Faszinationen und Leidenschaften des Menschen, die dunklen Regungen der Seele an das Publikum zu vermitteln. Thomas Cammaert verkörpert den Landdoktor aus guter Absicht und Naivität. Er möchte seiner wunderschönen Frau in allem entgegenkommen. In der Liebe ist er selbst ziemlich ungeschickt und fantasielos. Den Modedetaillisten spielt er dagegen mit Schwung und Verve. Auch er bekommt ein paar schöne Songs zu singen. Beim Tod seiner Frau und mehrfach betrogen bleibt er als gebrochener Mann zurück.
Michiel De Meyer spielt dagegen den Diener, Apotheker und jungen Liebhaber in überzeugenden Charakterisierungen. Singen ist seine zweite Natur. Die Regie ist mit durchdachten Wellenbewegungen aufgebaut mit Höhepunkten, in denen sich Emma Bovary auf einem Ball besäuft und völlig aus der Rolle fällt, ein wenig weiter gibt es auch eine schöne Choreografie eines Walzers zu sehen und der junge Student kann ordentlich swingen. Die Sexszenen sind diskret und suggestiv. Sowohl bei der Beleuchtung als auch bei den Kostümen wurde viel Sorgfalt aufgewendet.
Welche Rolle du auch spielst, ist egal, solange sich nur die mythische Identifikation vollzieht, und darin sind die drei Protagonisten vollkommen erfolgreich.
Sam Verhoeven und Allard Blom haben ihre künstlerischen Ambitionen erneut mit Verve verwirklicht. Ein Musical, in dem Energie und emotionale Geladenheit sich ständig kreuzen. Die Erwartungen wurden mühelos erfüllt. Was sage ich: übertroffen! Das Publikum sprang spontan auf zu einer ausgelassenen stehenden Ovation.