Am 29. März um 16 Uhr brachte das Vokalensemble Dionysos Now! in der Kapuzinerkirche in Oostende eine Aufführung der Johannespassion von Adriaen Willaert.
Ein Ensemble mit ausgeprägtem Profil
Dionysos Now!, gegründet von Tore Tom Denys, hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Ensemble mit einer sehr erkennbaren eigenen Handschrift entwickelt. Ihren Klang zeichnen Transparenz, Präzision und eine ausgesprochene Aufmerksamkeit für Text und Aussprache aus, wodurch die Musik nicht nur hörbar, sondern auch inhaltlich spürbar wird. Die Sänger, jeder mit einem soliden internationalen Ruf im polyphonen Repertoire, bilden zusammen ein enges Ganzes, in dem individuelle Qualitäten vollständig im Dienst des kollektiven Ergebnisses stehen.
Eine zentrale Säule ihrer Arbeit ist die Neubewertung des Œuvres von Willaert, dem in Roeselare geborenen Komponisten, der eine Schlüsselrolle in der Entwicklung der Renaissancepolyphonie spielte. Mit dieser Johannespassion schließt sich das Ensemble nahtlos an diese Mission an: Es ist Musik, die selten aufgeführt wird, aber einen überzeugenden Platz im Repertoire verdient.
Eine Passion zwischen Tradition und Erneuerung
Die Johannespassion von Willaert zeigt auf beeindruckende Weise, wie sich der Renaissancestil von der einstimmigen gregorianischen Tradition befreit. Der Komponist wählt eine polyphonale Setzung, die gleichzeitig bemerkenswert klar bleibt durch die Verwendung von Homophonie: Alle Stimmen bewegen sich gemeinsam auf denselben Text, wodurch die Geschichte verständlich und unmittelbar bleibt.
Der Evangelist wird vierstimmig gesungen und trägt das Narrativ. Christus erhält einen dreistimmigen Klang, während Figuren wie Pilatus, Petrus und Ancilla zweistimmig erscheinen. Das Volk war ursprünglich sechsstimmig komponiert, wurde aber in dieser Aufführung mit fünf Stimmen realisiert, ohne dabei an Wirkung zu verlieren.
Was diese Passion besonders macht, ist, wie die Stimmen ständig ineinandergreifen, sich gegenseitig stützen und ergänzen und so eine dichte musikalische Webstruktur bilden, in der sich die Leidensgeschichte mit nüchterner, aber eindringlicher Ausdruckskraft entfaltet. Dass das Werk in der Vergangenheit Cypriano de Rore zugeschrieben wurde, kann aus der starken stilistischen Verwandtschaft zwischen Meister und Schüler verstanden werden. Heute sind sich Musikwissenschaftler jedoch fast einstimmig einig, dass die Passion von Willaert selbst stammt.
Eine überzeugende Aufführung
In dieser Aufführung kam die aufgebaute Erfahrung von Dionysos Now! vollständig zur Geltung. Die Stimmen schlossen nahtlos aneinander an und bildeten ein klares und ausgewogenes Klangbild, in dem jede Linie ihren Platz erhielt, ohne sich aufzudrängen. Die Sorgfalt für Text und Aussprache sorgte dafür, dass die Geschichte ihren Weg zu den Zuhörern fand, ohne Nachdruck oder Effekthascherei.
Franz Vitzthum, Bernd Oliver Fröhlich, Tim Scott Whiteley, Simon Whiteley und Tore Tom Denys sangen mit beeindruckender Kohärenz, als ob sich die Musik in einem gemeinsamen Atemzug entfaltete. Die Kraft der Aufführung lag nicht in großen Kontrasten, sondern in der konstanten Spannung und dem Vertrauen in die Musik selbst, die nirgends überlastet wurde und gerade deshalb ihre Intensität bewahrte.
Eine Erquickung in der Passionstradition
In einer Zeit, in der jährlich erneut die Johannespassion und in geringerem Maße auch die Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach im Mittelpunkt stehen, bildet eine Aufführung von Willaerts älterer Johannespassion eine erfrischende und wertvolle Alternative. Dionysos Now! zeigt mit dieser Wahl nicht nur Mut, sondern auch Visión und verdient dafür aufrichtige Anerkennung.