***** Diese neue Aufnahme von Julian Prégardien bietet eine ungewöhnliche Interpretation von Schuberts Winterreise, diesem absoluten Meisterwerk der Liedliteratur. Wiedererkennbar, aber gleichzeitig befremdlich. Und vor allem beißend faszinierend. Beißend und gleichzeitig faszinierend, meine ich. Die Deutsche Radio Philharmonie unter der Leitung von Robert Reimer ist die perfekte partner in crime.
Hans Zender (°1936) ist zweifellos einer der wichtigsten zeitgenössischen Komponisten. Er schreibt in verschiedenen Genres (Klavier, Kammermusik, Orchester, Lied, die Oper Stephen Climax, usw.) und lässt sich gelegentlich von Werken seiner Vorgänger inspirieren (Haydn, Schumann). Seine „komponierte Interpretation" von Schuberts Winterreise stammt aus dem Jahr 1993. Es wird also höchste Zeit, dass ein talentierter Sänger sich daran wagt, eine Aufnahme zu erstellen, und sich dabei von einem ausgezeichneten Kammerensemble begleiten lässt.
Der Anfang der CD schafft sofort Spannung. Die Musik beginnt so extrem leise, dass man warten muss, bis man überhaupt etwas hört. Dann folgt ein barsches Schrittrhythmus in gezupften Saiten. Das „Wandern" versetzt uns sofort in eine trockene, harte Atmosphäre. Der Ton für die trostlose Wanderung durch die winterliche Landschaft ist gesetzt. Nach etwa vier Minuten kommt der „wiedererkennbare" Klang von Schuberts Winterreise, der Untergrund, auf dem der Sänger einsetzt: Gute Nacht, mit der aussagekräftigen Phrase „Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus." Danach überwiegt die Rauheit und die Wut in der Stimme, verbunden mit der Orchestrierung, die mit Glissandi in den Streichern und brutalen Perkussionseffekten in die Hysterie mitgeht. Die Bitterkeit dieses ersten Liedes durchzieht die ganze „Interpretation" des Liederzyklus. Selbst der hoffnungsvolle Beginn von Die Post verzerrt sich im Echo zu Bitternis.
Schuberts Intensität in einer neuen Gestaltung
Die Texte im CD-Begleitheft helfen, die „Neuinterpretation" zu verstehen. Zender versucht in dieser „komponierte Interpretation" eine solche Identifikation mit dem Komponisten Schubert, dass seine eigene schöpferische Kraft mit demselben Atemzug verläuft. Er erlebt das Werk Schuberts mit gleich großer Intensität, aber auf ganz neue Weise. Seine Komposition ist ein Versuch, die Einsamkeit ebenso intensiv zu erfassen, aber modern artikuliert, Ausdruck der Leiden unserer Zeit gebend. Er komponiert magische Klänge, nicht direkt als die Stimme Schuberts, sondern als Ausdruck eines tiefen Bewusstseins unserer menschlichen Existenz. Die Stimme des „komponierenden Interpreten" ist eine spontane Reaktion auf die Stilmittel Schuberts. Die Musik zeigt, wie der Komponist Zender Schuberts Winterreise empfindet.
Zenders Version verändert überhaupt nicht den Charakter der ursprünglichen Musik und ist auch keine Variation mit Verzierungen. Sie nimmt Abstand von der früheren Periode durch eine Ausdrucksweise unserer Zeit. Das Original darf nicht beschädigt oder verfälscht werden. Zender gelingt es dann auch perfekt, hörbar anschaulich zu machen, worum es in Schuberts Zyklus geht: die Einsamkeit und die Härte der Existenz. Die Klavierbegleitung wird dabei auf ein Instrumentalensemble übertragen, das in den verschiedenen Instrumenten die Emotionen wiedergibt. Es gibt harte Effekte (Der stürmische Morgen) neben schönem Streichersound und sanften Holzbläsern am Anfang von Auf dem Flusse, wobei im Schluss das Bild durch schmetternde Blechbläser buchstäblich zerrissen wird. Durch die ganze Komposition hindurch erhalten wir Klänge, die die Geschichte anschaulich machen. Mit einem Ende, das schrill vor Schmerz klingt.
Julian Prégardien hat eine ideale biegsame Tenorstimme für diese Interpretation. Er passt sich ganz dem neuen Ton an, mit Respekt vor der inhaltlichen Tragkraft von Schubert und Zender. Sehr glaubwürdig ist seine Aussage „Ich fühle und singe". Es scheint das Wesentliche seines Zugangs zu sein.
Zender macht seine „komponierte Interpretation" von Schuberts Winterreise zu einer fesselnden Wanderung, die das Verständnis dieses ewig bedeutungsvollen Zyklus nur vertiefen kann. Mit Interpreten wie Julian Prégardien und der Deutsche Radio Philharmonie ist die Wanderung eine Empfehlung und eine Entdeckung für jeden Liedliebhaber. Zumindest wenn dieser bereit ist, mit der Befremding der Klänge umzugehen, auch wenn das etwas Mühe kostet.
- WAS: Schuberts Winterreise, a composed interpretation für Tenor und kleines Orchester von Hans Zender
- WER: Julian Prégardien (Tenor) – Deutsche Radio Philharmonie u.L.v. Robert Reimer
- AUSGABE: Alpha Classics 425
- URHEBERRECHT FOTO: © Marco Borggreve