Der chinesische Komponist Xiaogang Ye ist einer der führenden Komponisten Chinas. Dennoch ist er außerhalb seiner Landesgrenzen nur mäßig bekannt. Das scheint sich zu ändern. In den letzten zwei Jahren erschienen nicht weniger als sieben CDs unter vier verschiedenen Labels mit seiner Musik. Es wird Zeit, diesen Komponisten besser kennenzulernen.
Xiaogang Ye (°1955, Shanghai) entwickelte sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten zu einem der wichtigsten zeitgenössischen Komponisten Chinas. Seine musikalische Geschichte begann bereits in jungen Jahren. Als Sohn des Komponisten Chunzhi Ye wuchs Xiaogang von Musik umgeben auf. Über seine frühe musikalische Ausbildung ist wenig bis nichts bekannt. Der früheste Hinweis auf musikalisches Training stammt aus dem Jahr 1978, als sich Ye am Zentralen Konservatorium für Musik in Peking einschrieb. Dort komponierte er unter anderem Kammermusikwerke wie Poem of China für Cello und Klavier, op. 15 (1981) sowie ein erstes Violinkonzert The brilliance of Western Liang, op. 16 (1983).
Nach seiner Diplomerklärung 1983 erlebte Ye bereits seinen ersten Erfolg, als er zum Hauskomponisten und Dozenten des Konservatoriums ernannt wurde. Als Hauskomponist schrieb er unter anderem seine zweite Symphonie: Symfonie Nr.2 "Horizon" für Sopran, Bariton und Orchester, op. 20 (1984/85). 1987 nahm Ye seine Studien wieder auf und absolvierte eine Ausbildung an der Eastmen School of Music, einem Konservatorium in Rochester, New York. Ye studierte unter anderem bei Mingxin Du, Samuel Adler, Louis Andriessen und Alexander Goehr.
Nach seinem Aufenthalt in den Vereinigten Staaten kehrte Ye 1994 nach China zurück. Er wurde sofort zum Kompositionsprofessor am Konservatorium für Musik ernannt. Als Verfechter der Entwicklung Chinas moderner Musik und des Austauschs zwischen chinesischer und ausländischer Musikkultur gewann Ye im eigenen Land zunehmend an Bedeutung. Sein eigener reifer musikalischer Stil bestand aus westlichen Gattungen bereichert durch chinesische Klänge, Instrumente und Melodien.
In Macau Bride (Ballet-Suite) op. 34 (2001, Track 1-10 auf The Macau Bride NAXOS 8.573131) präsentiert Ye eine Suite basierend auf seinem zuvor komponierten Drama-Tanz. In der Geschichte verlieben sich ein Seemann Chon Kou und die Portugiesin Maria do Mar ineinander. Die beiden Charaktere werden musikalisch durch zwei unterschiedliche Klangwelten dargestellt. "Gentle Moments" (Track 6) verklanglicht dies vielleicht am subtilsten. Dieses Stück ist eine Widerspiegelung der Liebe zwischen den beiden Protagonisten. Es spielt sich in Portugal ab, weshalb die Grundlage des Satzes von westlicher Romantik durchdrungen ist. Darüber erklingt eine chinesische Melodie, gespielt von der Flöte, eine Verklanglichtung von Chon Kou. Ein etwas weniger subtiles, aber klares Beispiel ist "Blessings and Devotion" (Track 2). Dieser Satz spielt sich in Macau ab und hat daher eine chinesische Grundlage (allerdings in tonaler Setzung) vermischt mit westlichen Einflüssen. In dieser Suite zeigt Ye, dass er die Farben des symphonischen Orchesters perfekt beherrscht.
Auch in Twilight in Tibet für Tenor, Horn und Orchester, op. 41 (2002, Track 1 auf 7 Episodes for Lin'an Naxos 8.579088) weiß Ye das Orchester farbenreich zu nutzen. Aber sein musikalischer Stil ist völlig anders. In diesem Orchesterwerk ist der Ton jedoch weniger romantisch und modernistischer. Mit Hilfe polytonaler und dissonanter Passagen baut Ye ständig Spannung auf. Diese löst sich nicht auf, sondern wird durch eine neue, tonale friedliche Passage unterbrochen, die allmählich wieder Spannung aufzubauen beginnt. Dieses 19 Minuten lange Werk hat etwas von einem symphonischen Gedicht. Das programmatische Thema ist die Natur. Ye malt das Himalaya-Gebirge mit Noten. Auch Vögel und Pferde sind während des Werks zu hören.
Diesen modernistischen Stil handhabt Ye auch in The Song Of The Earth für Sopran, Bariton und Orchester, op. 47 (Track 9-14 auf Mahler & Ye: The Song Of The Earth Deutsche Grammophon 00028948374526). Wiederum zeigt Ye hier eine beeindruckende Orchestrierungsleistung. Sechs chinesische Gedichte aus der Tang-Dynastie werden von Sopran und Bariton gesungen. Ye's Zugang zu den Vokallinien ist ausdrucksvoll, extrovertiert und enthält viele dramatische Glissandi. Andrew Clements beschreibt diese stilistische Wahl als übertrieben; ich beschreibe sie als eine Verschmelzung des westlichen Gesangsstils mit Jing-Oper (auch bekannt als Peking-Oper). Auf der DG-CD wird Ye's The Song Of The Earth mit Mahlers Das Lied von der Erde zusammengebracht, das eine deutsche Übersetzung dieser sechs Lieder vertonte. Die Konfrontation dieser zwei unterschiedlichen Musikstile mit denselben Gedichten als Grundlage ist sicherlich eine interessante Idee, aber die Mahler-Aufführung fehlte es an Überzeugung.
In seinem Heimatland wuchs Xiaogang Ye zu einem der führenden Komponisten heran. Sein internationaler Durchbruch fand jedoch erst 2008 statt. Ye wurde während der Olympischen Sommerspiele 2008 in Peking als offizieller Vertreter der chinesischen Musik ausgewählt. Für diesen Anlass komponierte er ein Klavierkonzert. Lang Lang, begleitet vom Chinese Philharmonic Orchestra, spielte während der Eröffnungszeremonie der Spiele die Uraufführung von Starry sky, op. 56. Seit 2021 ist dieses Werk für Klavier, Chor und Orchester (ohne die Tanz- und Lichtshow) erstmals in einer Aufnahme verfügbar. Die Ehre der Weltpremierenaufnahmen lag bei Noriko Ogawa (Track 8 auf Winter BIS records BIS-2113). Diese Pianistin ist mit dem Œuvre des Komponisten vertraut und war bereits früher in Aufnahmen von Ye's Klavierwerken zu hören. Das Klavierkonzert ist kurz (7'30) und besteht aus nur einem Satz. Dennoch ist sein vertrauter Osten-trifft-Westen-Stil genial präsent. Ein romantisches und chinesisches Klangbild verschmelzen zu einem triumphalen Ganzen.
Ye ist ein Mann vieler Genres. Konzerte, Ballette, Filmmusik, Symphonien,… und trotz der gegenwärtig geringen Popularität des Genres auch Kantaten. The Road to the Republic (2011, Track 1-8 auf The Road to the Republic Naxos 8.579089) ist hier ein Beispiel. In diesem Werk kommt besonders seine patriotische Seite als Komponist des Volkes zum Vorschein. Zum hundertsten Jahrestag der Revolution von 1911 gewidmet, erzählt diese Kantate die Geschichte der Republik. Anhand von Gedichten und Erzählungen klingt die Geschichte von Anfang bis heute. Seinem Stil treu bleibt Ye chinesische musikalische Sprache mit westlicher Romantik des 19. Jahrhunderts. Aufgrund des textlichen Inhalts ist das Ganze fröhlich und triumphierend.
2013 startete Ye die Konzertreihe China Story. Er reiste in verschiedene Städte auf dem europäischen und amerikanischen Kontinent. So stärkte er seine internationale Position. Ein immer größeres Publikum wurde mit Ye's Stil vertraut und lernte seine Werke kennen. Auch Plattenlabels zeigten zunehmend Interesse.
Sichuan Image (BIS records BIS-2303) ist die neueste CD mit Musik von Xiaogang Ye. Auf dieser CD steht Ye's Filmmusik im Mittelpunkt. Sichuan Image op. 70 wurde für einen Reisebericht einer Provinz in Westchina komponiert. Von Ye's Werken ist dies für mich bei weitem das Subtilste. Das Werk besteht aus 29 kleinen Fragmenten, die alle gleich beeindruckend sind. In Sichuan Image ergänzt er das Symphonieorchester mit traditionellen chinesischen Instrumenten wie der Erhu und der Pipa. Seine Orchestrierung ist sublime. Die Timbres sind farbenreich, charmant und warm. Von den ersten Noten an wirst du in die Geschichte hineingezogen und siehst die malerische Landschaft vor dir. Schwebend zwischen den Klängen träumst du weg.
Xiaogang Ye zeigt große musikalische Flexibilität. Er erkundet verschiedene Genres und unterschiedliche Stile. Dennoch bleibt die Essenz seiner musikalischen Sprache deutlich präsent. Seine Musik ist eindeutig Ye. Da ich ungewiss bin, was sein nächstes Projekt sein wird, lasse ich mich gerne davon überraschen.
The Macau Bride
WER: Yijie Shi [Tenor], Mingyan Liu [Mezzosopran], Macau Youth Choir & Macau Orchestra unter der Leitung von Jia Lu
WAS: The Macau Bride (Ballett-Suite) op.34 (2001)
VERLAG: NAXOS 8.573131
BESTELLEN: JPC
Winter
WER: Noriko Ogawa [Klavier], Royal Scottish National Chorus & Royal Scottish National Orchestra unter der Leitung von Jose Serebrier
WAS: Starry sky für Klavier und Orchester, op. 56 (2008)
VERLAG: BIS records BIS-2113
BESTELLEN: JPC
Mahler & Ye: The Song Of The Earth
WER: Zhang Liping [Sopran], Michelle DeYoung [Mezzo], Brian Jagde [Tenor], Shenyang [Bariton], Shanghai Symphony Orchestra u.L.v. Long Yu
WAS: The Song of the Earth für Sopran, Bariton und Orchester, op. 47
AUSGABEN: Deutsche Grammophon 00028948374526
The Road to the Republic
WER: Liping Zhang [Sopran], Guang Yang [Mezzo], Yijie Shi [Tenor], Chemie Yuan [Bariton], China National Symphony Orchestra Chorus & China National Symphony Orchestra u.L.v. Jia Lu, Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz u.L.v. Franck Ollu
WAS: The Road to the Republic (2011)
AUSGABEN: Naxos 8.579089
BESTELLEN: JPC
7 Episodes for Lin'an
WER: Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz u.L.v. Stefan Malzew
WAS: Twilight in Tibet für Tenor, Horn und Orchester, op. 41 (2002)
AUSGABEN: Naxos 8.579088
BESTELLEN: JPC
Sichuan Image
WER: Noriko Ogawa [Klavier], Xue Yang [Erhu & Zhonghu], Yue Li [Di & Xiao], Yang Jiang [Pipa], Royal Scottish National Orchestra u.L.v. Jose Serebrier
WAS: Sichuan Image op. 70
AUSGABEN: BIS records BIS-2303
BESTELLEN: JPC