Die Mittagspause mit Mini-Rezitals verschiedener Künstler aufheitern, deren Bekanntheit entweder bereits etabliert ist (man denke an Marie Hallynck, das Taurus Quartet, das Barock-Ensemble Les Folies françoises, Flötistin Juliette Hurel) oder gerade erst erblüht. Und das zu Mini-Eintrittspreisen. Man würde für weniger Brüssel besuchen. Allerdings sind die Locations „maxi". Da umfangreiche Renovierungsarbeiten in den kommenden Jahren den vertrauten Konzertsaal des Conservatoriums völlig unzugänglich machen werden, öffneten die Kirche O.-L.-V. Ter Zee auf der Zavel (28.07 bis 29.08), der Cercle Gaulois (02.07 bis 18.07) und der Egmontpalast (22.07 bis 25.07) ihre Türen. Dies führte uns in das beeindruckende Ambiente des Cercle Gaulois. Dort schufen Pierre Fontenelle und Ninon Hannecart-Ségal die Musikszene des frühen 20. Jahrhunderts neu.
Pierre Fontenelle ist ein dynamischer vielseitiger Cellist. Das Leben dieses 26-jährigen „Namurois" spielt sich zwischen seinem autodidaktischen Start in Seattle (U.S.A.) und seinen belgischen Wurzeln ab. Zwischen seiner Ausbildung an den Conservatorien von Mons, Luxemburg, Paris und dem Naamser IMEP (Institut Supérieur de Musique et de Pédagogie) und dem französischen Conservatoire Jaroussky, wo er die Pianistin Ninon Hannecart-Ségal traf. Zwischen Spezialisierung bei Han Bin Yoon und Anne Gastinel und zahlreichen nationalen und internationalen Preisen. Zwischen der Sicherheit der großen Klassiker und den Herausforderungen populärer und zeitgenössischer Musik.
Und tatsächlich, mit den progressiven Klängen ihrer ersten CD „Roots" noch in den Ohren, wurden wir nun in das Gold, das Stuck, die Spiegel, die Kronleuchter des Ortes und die elegante postromantisch-impressionistische Ästhetik der zwanziger Jahre versenkt. Typisch für „les années folles" wurde getanzt. Es gab einen raffinierten „Danse lente" von Joseph Jongen. Und es gab eine fesselnde „Pastourelle" von Albert Huybrechts, Schüler von Jongen und Großneffe des illustren Cellisten Adrien-François Servais. Es wurde auch getrauert. Um den Krieg, der Debussy 1919 zu seiner Sonate für Cello und Klavier inspirierte, um, wie er selbst sagte, „zu beweisen, dass dreißig Millionen Deutsche das französische Gedankengut nicht zerstören können". In der Interpretation von Fontenelle steckten eine Fülle von Gefühlen und Emotionen, die von Poesie und Melancholie über Sarkasmus, Exotismus bis zur mediterranen Lebensfreude reichten. Nicht nur hier, auch in den anderen Werken fiel auf, wie passend der Beitrag der vielseitigen französischen Pianistin und Cembalistin Ninon Hannecart-Ségal war. Sie lieferte den klingenden Beweis für Debussys Aussage „der Pianist darf niemals aus den Augen verlieren, dass er nicht gegen das Cello kämpfen darf, sondern es begleiten muss". Das tat Ninon vorbildlich effizient während des ganzen Rezitals. In elegantem Schwarz und Weiß, wie das Klavier, war sie in Präsenz und Leistung ein Vergnügen für Auge und Ohr.
Eine feine Programmwahl war „Vieux Quais" von Georges Lonque. Als Fontenelle fragte, wer diesen Genter Komponisten kannte, hoben sich von den etwa 250 Anwesenden keine Handvoll Hände. Seltsam, denn dieses Opus 9 ist voller Charme und Melancholie, wie das zugrunde liegende Gedicht von Georges Rodenbach. Wer „Fontenelle" sagt, sagt nicht nur „Cello, Originalität, Spielfreude, Einfühlung", sondern auch „Poesie". In dem Gedicht, das Fontenelle, der sich selbst gelegentlich an Gedichtschreiben versucht, vortrug, forderten Begriffe wie „heure exquise, parfums, lueurs, deuil, morne, agonise, catafalque, tristesse du soir" danach, so nostalgisch in Musik gesetzt zu werden, wie Lonque das tat.
Eine Zugabe drängte sich auf: die Gelegenheit für die Musiker, auf die China-Tournee hinzuweisen, die Pierre kürzlich und Ninon 2023 unternahmen. Es schien, als wäre die wohlklingende Nicolas-François Vuillaume aus 1860 für „Bifū" (Breeze) von Somei Satoh (geb. 1947) gemacht, in der die lang ausgesponnen, lüsternen Melodie wie eine Brise über die plätschernden Wellen des Klaviers dahinweht.