l'entropia
Lina Tur Bonet, Jadran Duncumb
In der Physik misst Entropie das Ausmaß der Unordnung in einem System und die damit verbundenen Ordnungsmöglichkeiten. Lina Tur Bonet wählte diesen Begriff als Titel für ihre neue CD auf GLOSSA, auf der sie - zusammen mit dem Theorbenisten Jadran Duncumb - italienische Violinmusik des sogenannten stylus phantasticus interpretiert. Dieser Stil entwickelte sich am Ende des 16. Jahrhunderts in Italien aus der Improvisationspraxis. Er zeichnet sich durch sehr ausdrucksvolles Spiel aus, in dem kurze, manchmal dissonante und bizarre Figuren, manchmal extreme Chromatik, schnelle virtuose Läufe und Sektionen mit Ostinato-Bässen kombiniert werden wie in einer freien Improvisation. Johann Mattheson bestätigte diesen Eindruck in seinem Buch Der vollkommene Kapellmeister 1739: „Denn dieser Stil ist die freieste und ungebundenste Art des Tonsetzens, Singens und Spielens, die man sich vorstellen kann, weil man bald diese und bald jene Gedanken antrifft, als allerhand sonst ungewöhnliche Passagen, verborgene Verzierungen, bedeutungsvolle Wendungen und Ausschmückungen hervorgebracht werden, ohne eigentliche Beobachtung der Tonart und des Taktes; manchmal eilig, manchmal zögernd; manchmal einstimmig, manchmal mehrstimmig; manchmal eine kurze Zeit nach dem Takt: ohne Klangmasse; aber nicht ohne die Absicht zu gefallen, zu beeilen und zu verwundern."
Für Lina Tur Bonet symbolisiert die Entropie des stylus phantasticus die unerwarteten Wendungen, denen sich die beiden Musiker gegenseitig aussetzen. Sie steht für den unvorhersehbaren Charakter eines Stückes in einer freien, quasi-improvisierten Interpretation. Die Spontaneität der Reaktionen der beiden Spieler lässt die Kreativität des stylus phantasticus auf ganz neue Weise erblühen und führt den Hörer in einen ungezähmten und fantastischen Kosmos voller Überraschungen.