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Als ob es immer so beabsichtigt war

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· 7 Min. Lesezeit
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Als ob es immer so beabsichtigt war

Einige Recital-CDs beeindrucken durch Virtuosität, andere bleiben dir im Gedächtnis, weil sie eine vertraute Musikwelt in neuem Licht zeigen. Cantar del Alma gehört ohne Zweifel zur zweiten Kategorie. Saxophonist Carlos Gimenez und Pianist José Alberto del Cerro präsentieren ein Programm, das nirgends die Möglichkeiten ihrer Instrumente zur Schau stellen will, sondern vielmehr durch seine natürliche Musikalität, verfeinerte Zusammenspiel und durchdachte Struktur überzeugt.

Ein Arrangeur, der seine eigenen Transkriptionen einlösen muss

Der Schlüssel zu dieser Aufnahme liegt nicht so sehr in der Wahl des Repertoires als vielmehr in der Art, wie es zustande kam. Carlos Gimenez zeichnete nämlich selbst für nahezu alle Transkriptionen auf dieser CD verantwortlich: von Cantar del alma von Federico Mompou (1893–1987) über die Sechs Romanzen op. 38 von Sergei Rachmaninow (1873–1943), die Cinco canciones negras von Xavier Montsalvatge (1912–2002) und die Auszüge aus „Tristan und Isolde" von Richard Wagner (1813–1883) bis zu den Canciones clásicas españolas von Fernando Obradors (1897–1945).

Das ist viel mehr als ein praktischer Handgriff. Wer seine eigenen Transkriptionen spielt, kann sich nicht hinter den Entscheidungen eines anderen Arrangeurs verstecken. Jeder Atemzug, jeder Übergang, jeder Moment, in dem das Klavier die Führung übernimmt, weil die ursprüngliche Gesanglinie buchstäblich keine Luft mehr hat, ist eine Interpretationsentscheidung, die Gimenez zunächst als Arrangeur treffen musste und dann als Ausführender erneut einlösen muss. Genau deshalb klingt nichts auf dieser Aufnahme wie eine Notlösung oder ein Versuch, die menschliche Stimme einfach zu ersetzen. Die Transkriptionen gehen vom Idiom des Saxophons selbst aus und lassen das Instrument mit einer eigenen Stimme sprechen. Gimenez kennt die Möglichkeiten und die Grenzen seines Instruments und sucht nirgends nach gratuitöser Wirkung, sondern immer nach musikalischer Überzeugungskraft.

Gimenez ist übrigens kein Außenseiter in diesem Repertoire. Sein valencianischer Hintergrund – er wurde in der Nähe von Benimodo geboren – hilft vielleicht zu erklären, warum besonders die spanischen und katalanischen Seiten so natürlich zu atmen scheinen. Das Rubato klingt nirgends antrainiert, sondern fühlt sich wie eine musikalische Muttersprache an.

Stück für Stück

Das Titelnummer, Mompous Cantar del alma, eröffnet die Platte bewusst als Motto: kaum drei Minuten, aber Gimenez lässt die erste Phrase fast ohne Vibrato entstehen, fast sprachlich, um erst nach und nach vorsichtig Farbe hinzuzufügen. Sofort entsteht jene besondere Klangwelt, die die ganze CD prägen wird: der kontemplative Klavierklang von del Cerro gegenüber einem Saxophon, das nicht deklamiert, sondern nachzudenken scheint. Die Aufmerksamkeit des Hörers wird dadurch von Anfang an unweigerlich nach innen gezogen. Bei Mompou, wo Stille oft genauso wichtig ist wie Klang, erweist sich diese Zurückhaltung nicht als Mangel an Ausdruck, sondern als eine Form der Intensität. Das Saxophon wird hier nicht zum Ersatz der menschlichen Stimme, sondern zu einem Instrument, das ihre innere Stille zu nähern versucht.

Die Sechs Romanzen op. 38 von Sergei Rachmaninow bilden den intimsten Teil des Programms und offenbaren in dieser Besetzung eine unerwartete Verletzlichkeit. del Cerro erhält hier viel Raum, um seine pianistischen Qualitäten zu zeigen, ohne je den Dialog mit dem Saxophon aus den Augen zu verlieren. Die vielen versunkenen Momente werden mit beeindruckender Selbstverständlichkeit aufgebaut, während Der Rattenfänger als willkommenes Ventil all die Dramatik kurz an die Oberfläche bringt. Das folgende Der Traum wirkt umso versunkener und bekommt etwas fast Zeitloses. Gegen das abschließende A-oo! scheint Gimenez alle Zügel loszulassen: Das Saxophon darf endlich vollständig singen, ohne dass die musikalische Linie je aus den Augen verloren wird. Gerade dieses fortwährende Gleichgewicht zwischen Beherrschung und Hingabe macht diesen Zyklus so überzeugend.

Die Cinco canciones negras von Xavier Montsalvatge gehören ohne Zweifel zu den größten Überraschungen der Platte. Es sind durchweg Miniaturen, kleine musikalische Perlen, in denen Gimenez und del Cerro ihre stilistische Flexibilität voll unter Beweis stellen. Besonders Canción de cuna para dormir a un negrito zeugt von einem unwiderstehlichen Sinn für Farbe und rhythmische Geschmeidigkeit; kurz bekommst du als Hörer fast Lust mitzuwippen, aber Montsalvatge schafft sofort danach wieder Raum für Versenkung. So entfaltet sich eine Palette dessen, was beide Musiker zu bieten haben. Wenn Canto negro letztendlich losbricht, geschieht das nicht aus Effekthascherei, sondern aus einer sorgfältig aufgebauten Spannung, die unwiderstehlich mitreißend wirkt.

Und dann Wagner. Die Auszüge aus „Tristan und Isolde" bilden den künstlerischen Schwerpunkt der CD. Puristen mögen sich fragen, ob sich gerade diese Musik vom Orchester und der Gesangsstimme ablösen lässt, aber Gimenez beweist, wie fruchtbar eine gelungene Transkription sein kann. Das Saxophon erweist sich als überraschend nah bei der menschlichen Stimme und vermag die Sehnsucht, die Verzweiflung und letztendlich den Wahnsinn von Wagners Liebesdrama auf eindringliche Weise spürbar zu machen.

Besonders das Vorspiel gehört zu den Highlights der ganzen Aufnahme. Gimenez wählt nirgends Effekthascherei, sondern lässt die Spannung aus einer fast zerbrechlichen Einfachheit wachsen. Sein Ton ist warm, intensiv und gleichzeitig auffallend verhalten, wodurch die berühmten Harmonien ihre unwiderstehliche Anziehungskraft bewahren. Der folgende Liebestod erreicht vielleicht nicht ganz die gleiche Konzentration wie das Vorspiel, bleibt aber eine Interpretation, die durch ihre Ehrlichkeit und musikalische Integrität ergreift.

Die abschließenden Canciones clásicas españolas von Fernando Obradors sind vielleicht die schönste Entdeckung dieser CD. Seine Lieder erweisen sich wunderbar geeignet für diese Besetzung und zeigen noch einmal, wie mühelos Gimenez zwischen düsterer Melancholie, lyrischer Sanglichkeit und fast volkstümlicher Leichtigkeit wechselt. Der dunkle, fast samtige Ton in Con amores, la mi madre kontrastiert wunderbar mit dem lyrischen Charakter von Del cabello más sutil, zwei Höhepunkte innerhalb eines Zyklus, der fortwährend Sanglichkeit ausstrahlt. Klavier und Saxophon scheinen hier völlig miteinander verwachsen zu sein, wodurch diese Lieder eine Selbstverständlichkeit bekommen, die jeden Gedanken an eine Transkription vergessen lässt.

Balance, nicht Bravour

Was über die ganze Spieldauer von knapp einer Stunde auffällt: Dies ist ein Programm, das bewusst keine Klimax nach Klimax aufbaut. Wagner sitzt nicht zufällig in der Mitte – alles davor führt darauf hin, alles danach lässt es abklingen. Das ist eine dramaturgische Wahl, die sich nicht jede Recital-Platte traut, wo oft das Spektakulärste als letzte Apotheose fungiert. Hier entscheidet man sich für Nachdenken statt Applaus.

Auch die Balance zwischen den beiden Musikern verdient ein Wort. del Cerro wird oft – zu Recht – für seine Kammermusik-Sensibilität gelobt, aber das darf nicht verbergen, wie sehr er hier gleichberechtigt über Tempo und Klang mitentscheidet. Er ist kein Begleiter, der sich anpasst, sondern ein gleichberechtigter Gesprächspartner, der die Architektur jedes Werks mitbestimmt. Jeder Zyklus beleuchtet eine andere Facette des Instruments, ohne dass das Programm je wie eine Demonstrationsplatte wirkt. Im Gegenteil: Die durchdachte Programmierung zeigt, wie vielseitig das Saxophon sich in der Kammermusik bewegen kann, von fast vokaler Introspection bis zu ausgelassener Rhythmik.

Die Hybrid-SACD-Aufnahme von MDG tut das, was MDG immer tut: keine künstliche Nähe, keinen Studio-Glanz, sondern eine Akustik, in der das Instrument Atemraum erhält, ohne verschwommen zu werden. Gerade in den leisesten Passagen von Vorspiel und Liebestod, wo das Instrument zu fast nichts zusammenschrumpft, hörst du, wie sehr dieser Raum mitspielt. Der Klang löst sich nicht in Vagheit auf, sondern gewinnt gerade durch die Stille um ihn herum an Bedeutung.

Die Aufnahme unterstützt darüber hinaus die authentische Musikalität beider Interpreten. Gimenez verfügt über einen außergewöhnlich verfeinerten Ton, warm ohne sentimental zu werden und immer durchlebt. del Cerro schließt sich vorbildlich an, nicht nur als Begleiter, sondern als Musiker, der kontinuierlich neue Farbschattierungen hinzufügt und die melodischen Linien mitgestaltet.

Das Echo einer gelungenen Aufnahme

Dies ist kein Album für jemanden, der das Saxophon noch immer als Kuriosum neben den „echten" Kammermusik-Instrumenten betrachtet. Sie ist auch keine Demonstration dessen, was das Instrument alles kann. Carlos Gimenez und José Alberto del Cerro zeigen vor allem, wie gute Transkriptionen bekannte Musik in eine neue Perspektive setzen können. Nach dem Hören horchst du fast unweigerlich auch anders auf die ursprünglichen Lieder und Orchesterwerke hin: mit mehr Aufmerksamkeit für ihren melodischen Kern und ihre Intimität.

Cantar del Alma ist außerdem ein Recital, das keine Minute langweilt. Der Wechsel zwischen den verschiedenen Stilwelten, der intelligente programmatische Aufbau und das hohe künstlerische Niveau beider Musiker machen diese Aufnahme zu einem Recital, zu dem du immer wieder gerne zurückkehrst. Nicht weil es imponieren will, sondern weil es dir bei jedem Hören neue Nuancen enthüllt und immer wieder zu berühren weiß. Ein schöneres Kompliment kannst du einer Aufnahme kaum machen.

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