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Amerikanische Geschichte mit einer Botschaft

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· 8 Min. Lesezeit
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Amerikanische Geschichte mit einer Botschaft

Der amerikanische Komponist John Adams schreibt niemals eine Oper mit einer beliebigen Geschichte. Oper muss bei ihm nicht nur emotional ergreifen, sondern vor allem Unrecht anprangern; nicht nur das Herz, sondern vor allem das Gewissen treffen. Das ist in Girls of the Golden West nicht anders. Zusammen mit seinem langjährigen Regisseur Peter Sellars, der auch das Libretto schrieb, gelingt es ihm, dies zu erreichen, allerdings verzögert sich die Wirkung etwas.

Die Idee zur Oper stammte eigentlich vom Regisseur Peter Sellars, als er Puccinis La Fanciulla del West inszenierte. Er spürte, dass die Oper eine Episode behandelt, die als eine dunkle Seite in der Geschichte Kaliforniens angesehen werden kann. Er wollte weiter erforschen, was sich während des Goldrausches in den 1850er Jahren ereignet hatte, mit dem Ziel, die brutalen Misshandlungen der „native Americans" durch die Einwanderer (vor allem Schwarze und Mexikaner) anzuprangern. Sein Vorschlag an John Adams, eine Oper zu diesem Thema zu komponieren, fand sofort Anklang, zumal der Komponist in der wunderschönen Natur der kalifornischen Sierra Nevada lebt. Als Bewohner der Region wollte er die Botschaft über die Missetaten verbreiten, die dort stattgefunden haben. Dass die Problematik der mexikanischen Einwanderer in den USA inzwischen aktuell geworden war, war ein zusätzlicher Anreiz. Sellars schreibt denn auch im Magazin der Nationale Opera: „Diese Oper trägt auch die DNA unserer Zeit in sich". Die Quelle für das Libretto sind hauptsächlich die Briefe von Louise Amelia Clappe an ihre Schwester. Sie lebte als Ehefrau eines Goldgräbers in der Gegend und schrieb über das harte und brutale Leben unter den Goldgräbern, einem Haufen von Abenteurern, getrieben von Habgier. Sie ist als Dame Shirley die Hauptfigur in Girls of the Golden West. In der Oper ist sie mit Fayette, einem dusseligen Arzt (keine Sängerstimme), in die Sierra gekommen, mit dem sie nur verheiratet ist, um zu dieser Zeit als Frau reisen zu können. Sie lebt in der harten Männerwelt, wo ausgebeutete Einwanderer verprügelt werden – manchmal bis zum Tod –, wo Männer trinken, Frauen sich prostituieren und Indianer wie Wilde getötet werden.

Schlichte Erscheinung

Das Bühnenbild der Oper ist sehr schlicht. Auf der großen leeren Bühne gibt es hohe rostige Streifen, die wie Stoff aussehen, sich aber als Mauerteile entpuppen, in denen manchmal Türen eingebaut sind. Auch ein großes altes Schwarzweiß-Foto der kalifornischen Sierra Nevada wird manchmal gezeigt. Vor diesem Hintergrund werden wechselnde Bühnenstücke und Requisiten verschoben: Stühle, ein Koffer, aber genauso gut eine Bar im ersten Akt und im zweiten Akt ein schwarzer Felsblock, der als eine Art Podium dient. Ein zweiter Felsbrocken ragt steil in die Höhe. Diese Felsbrocken halte ich für ein hässliches Bühnenbild. Dennoch liefern sie am Ende des Stücks, als die äußerste Tragik zugeschlagen hat und Dame Shirley trotz allem den Mut hat, die kalifornische Berglandschaft zu bewundern, das schönste Bild der Oper: mit einem Verweis auf den „Goldrush" werden sie in einen wunderschönen goldenen Glanz gehüllt. Die Kostüme sind getreu der Zeit gestaltet, mit dem Männerensemble in Goldschürzenkleidung und den Damen manchmal in schönen Couture-Kleidern.

Aufgeschobene Spannung

Die Oper hat sicherlich eine Geschichte, die ergreifen kann – und je weiter sie voranschreitet, geschieht das auch. Was ich schade finde, ist, dass es keine durchlaufende Handlung gibt und man daher keine Figur in ihrer Entwicklung zur Tragik hin begleitet. Die Oper ist in kurze Episoden unterteilt, die fast wie eine „Nummernoper" aufeinanderfolgen. Sie beginnt mit der Ankunft von Dame Shirley und ihrem Begleiter Fayette, was überhaupt kein spannendes Stück ist und mit dem aufgestopften Maultier, das auf die Bühne geritten wird, sogar ins Lächerliche grenzt. Wir treffen das chinesische Mädchen Ah Sing kennen. In einer nächsten Szene wird Josefa, eine hübsche mexikanische Frau, von dem betrunkenen Joe beinahe vergewaltigt. Ned, ein afroamerikanischer Kerl, diskutiert über die zunehmende Brutalität in der Gemeinde und verwöhnt Shirley mit einem fiktiven Dinner, einer Szene, die man besser als lustig auffassen sollte, um sie nicht auch als lächerlich zu empfinden. So haben wir im ersten Akt bereits alle wichtigen Figuren kennengelernt und ein wenig von der Atmosphäre aufgeschnappt, aber nichts erlebt, das ergreift. Im zweiten Akt gibt es Schwung, und dort ereignen sich auch die Vorkommnisse, die für Tragik und zunehmend für Spannung sorgen. Zumindest nach dem Fourth-of-July-Fest, und also nach den verrückten Tanzschritten der Majoretten (vielleicht als Ironie auf den amerikanischen Chauvinismus zu interpretieren?) und dem Stück mit Dame Shirley als Lady Macbeth, die szenisch kurz die Fäden in der Hand hält und prophetisch auf einen Mord anspielt. Die Feierlichkeiten des Fourth of July werden von den amerikanischen Goldgräbern besonders genutzt, um zu trinken, ausschweifend zu singen und diejenigen, die nicht weiß sind, besonders zu demütigen. In diesem zweiten Akt eskaliert die Grausamkeit. Zuerst gibt es die Verhaftung des Afroamerikaners Ned, Shirleys Freund. Dann gibt es den Tod von Joe, der Josefa vergewaltigen wollte, aber in ihrer Gegenwehr gegen ihn hat sie ihn erstochen. Shirley tritt für sie ein in einem schönen Duett. Josefa hat dann eine wunderbare Szene – die schönste der ganzen Oper – in der sie sich verteidigt, aber sie wird trotzdem hingerichtet. Dann folgt der Epilog von Dame Shirley.

Suggestive Aussagekraft

Ist die Geschichte etwas mager und schleppend, so hat die Einfachheit in der Regie von Sellars eine positive Gegenseite, nämlich den suggestiven Wert. So ruft er mehr hervor, als er direkt zeigt. Um nur ein paar Beispiele zu nennen: Sellars vermeidet in seiner Regie Nacktheit, um Sexualität zu zeigen, wenn jemand verprügelt wird, sieht man nur Armbewegungen, keine Stöcke oder Peitschen. Die Hinrichtung von Josefa durch die Schlinge wird eher suggeriert als dargestellt. Auch in der Konfrontation zwischen Dame Shirley und Ned oder Ah Sing steckt mehr Suggestion als Wirklichkeit. Es nährt nicht nur die Vorstellungskraft des Zuschauers, sondern schließt auch nahtlos an die suggestive Musik von John Adams an, der mit einer wundersamen Palette von Instrumentalklängen akustisch unglaublich viel bewirkt und tief eindringt. Während man der Geschichte regelmäßig entkommt, entkommt man der Musik nie, sie hält dich ständig mit allerlei rhythmischen Pulsen bei der Sache. Gewiss keine „gewöhnliche" repetitive Musik, aber weit weniger eintönig und von faszinierender Komplexität. Dirigent Grant Gershon wirkt Wunder mit dem erneut fantastischen Roterdammer Philharmonischen Orchester, das nicht nur super-dynamische Momente, sondern hier und da auch lyrische Passagen spielt. Man hört Töne in den Bläsern, Bässen oder Schlagwerk, die man nie zuvor gehört hat und die wunderbar zur Emotion passen und sie akzentuieren.

Die Sänger sind ausgezeichnet besetzt. Julia Bullock ist eine warme und charismatische Dame Shirley mit Kraft und Sanftheit in der Stimme. Schlechthin glänzend ist die Leistung von J'Nai Bridges als Josefa. Sie spielte ihre Partie der empörten und selbstbewussten Josefa nicht nur mit Stolz, sondern singt sie auch mit unglaublicher Überzeugungskraft. Ihre letzte Szene kurz vor ihrer Hinrichtung ist geradezu ergreifend und gleichwertig mit der stärksten Belcanto-Arie. Ned Peters (Davóne Tinnes) hat ein paar schöne überzeugende Solostellen und auch im Duett mit Julia Bullock ist er warm und engagiert. Ah Sing bekommt mit Hye Jung Lee eine echte Koloratursopranistin und Joe Cannon wird stark dargestellt von Lucas van Lierop, einem Sänger der De Nationale Opera Studio, der in dieser Vorstellung Paul Appleby ersetzt – und mit Glanz! Der Chor der De Nationale Opera hat seinen vollen Anteil mit den Liedern der Goldgräber, für die der Librettist auf die authentischen Lieder aus 1850 zurückgreift. In ihren Goldgräberkluftén und mit Spitzhacke und Beil verkörpert der Chor sie mit Verve. Zu guter Letzt erwähnen wir noch, dass Soundeffekte realisiert wurden von Mark Grey, der Komponist, dessen Oper Frankenstein derzeit in der Munt läuft.

Dank des stärkeren zweiten Teils ist diese Girls of the Golden West letztendlich doch eine fesselnde Vorstellung, die für mich jedoch nicht die starke Wirkung von The Death of Klinghoffer erreicht, der Oper von John Adams, die 1991 in der Muntschouwburg in Brüssel uraufgeführt wurde. Ich musste auch kurz an Gershwins Porgy and Bess denken, so unterschiedlich auch: zufällig, dass ich genau wie bei meinem letzten Besuch in der De Nationale Opera in Amsterdam eine Oper sah mit einer starken Verbundenheit mit der amerikanischen Gesellschaft und eine kritische Haltung zur Diskriminierung.


  • WAS: Girls of the Golden West | John Adams (°1947)
  • REGIE: Peter Sellars
  • STIMMEN: Julia Bullock, Davóne Tines, Lucas van Lierop, Hye Jung Lee, J'Nai Bridges, Elliott Madore
  • ORCHESTER: Roterdammer Philharmonisches Orchester & Chor der De Nationale Opera u.L.v. Grant Gershon
  • WO: De Nationale Opera, Amsterdam
  • WANN: Sonntag, 17. März 2019
  • FOTOS: © Petrovsky & Ramone

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