Mit dem Titel „Endlich 2021" präsentierte Opera Ballet Vlaanderen am Samstag, 23. Januar 2021, ein Konzert, das vom Opernhaus in Gent aus „gestreamt" wurde (ja, auch unser Wortschatz hat Konsequenzen aus Corona!). Es war trotzdem wirklich ein Erlebnis, auch wenn es nur online zu sehen und zu hören war. Zum ersten Mal seit dem Lockdown im März 2020 brachten das Symphonische Orchester und der Chor von Opera Ballet Vlaanderen ein vollwertiges Konzertprogramm unter der Leitung ihres Generalmusikdirektors Alejo Pérez. Es war zwar noch keine Opernaufführung, aber die Arien wurden mit höchstmöglichem Engagement vom Ensemble und den Solisten interpretiert. Definitiv ein gelungener Ersatz in dieser düsteren Theaterzeit.
Jan Vandenhouwe, künstlerischer Direktor von Opera Ballet Vlaanderen, stellte das Motto für das Programm Ihr werdet froh euch wiedersehn, einen Satz von Sarastro aus dem zweiten Akt von Mozarts Die Zauberflöte. Der Sinn des Konzerts war, Hoffnung auf eine Befreiung von zwingenden Einschränkungen zu geben. Dieser Inhalt bestimmte größtenteils die Zusammensetzung des Programms, mit Beethovens Fidelio als rotem Faden, zugleich auch noch anknüpfend an den 250. Geburtstag des Komponisten, der im Vorjahr gefeiert wurde. Das Programm begann daher mit der Ouvertüre zu dieser Oper und endete mit dem Schlusschor Heil sei dem Tag, dem Tag der endgültigen Freiheit nach der grausamen Unterdrückung von Florestan. Auch andere Fragmente des Programms waren aufgrund ihrer inhaltlichen Verbindung mit humanistischer und ideologischer Befreiung ausgewählt, wie Patria oppressa aus Verdis Macbeth oder das utopische In fernem Land aus Wagners Lohengrin. Abgesehen von diesem roten Faden schien das Programm manchmal auch einen Zusammenhang zu vermissen und wirkte nur zusammengetragen, um etwas aus dem französischen, deutschen und italienischen Repertoire zu hören. Aber das ist eine Detailkritik an dem, was schlicht ein fantastisches Konzert war.
Es war deutlich, dass sowohl Orchester als auch Chor diese Gelegenheit, endlich ein Programm zu präsentieren, mit enormer Überzeugung und Engagement ergriffen haben. Unter der Leitung ihres Generalmusikdirektors Alejo Pérez spielten sie mit Präzision und Konzentration und vermittelten nie den Eindruck, dass die lästigen Masken sie behinderten … Selbst der Chor sang mit Maske und das muss sicherlich zusätzliche Anstrengung und Übung erfordert haben. Man schaute und lauschte mit Verwunderung! Ein großes Kompliment!
Ausdrucksstarke Solisten in schöner Umgebung
Es gab auch eine schöne Schar von Solisten, mit besonders bemerkenswerten Beiträgen der amerikanischen Mezzosopranistin Raehan Bryce-Davis und des Basses Goran Jurić. Raehan Bryce-Davis sang zuvor bereits Eboli in Opera Vlaanderen und sprach in dem kurzen Interview mit Katelijne Boon in der Pause ihre Freude über den großzügigen Empfang aus, den sie bei Opera Ballet Vlaanderen erfahren hat. Sie sang nun eine sehr ausdrucksstarke Lady Macbeth in La luce langue mit nicht nur kraftvoller Stimme und dosiertem Vibrato, sondern auch mit einer Mimik, die alle Facetten der bösen und entschlossenen Lady Macbeth widergab. Für ihre Arie als Marguerite in Berlioz' La Damnation de Faust hatte sie sich in ein passendes Kostüm mit kunstvollem Hut gekleidet. Goran Jurić sang mit beeindruckender Bassstimme die Arie von Banco Come dal ciel precipita aus Macbeth und In diesen heil'gen Hallen von Sarastro aus Mozarts Die Zauberflöte. Die argentinische Sopranistin Carla Filipcic Holm gelang vocal eine feinsinnigere Interpretation der Sieglinde (Die Walküre) als in der Arie der Leonore (Fidelio). Auch Ich bin der Welt abhanden gekommen aus Mahlers Rückertlieder interpretierte sie sehr sensibel. Jedes Mal fiel ihre mangelhafte Aussprache des Deutschen auf. Tenor Michael Weinius sang trotz seines schönen Timbres leider mit einer etwas geknebelten Stimme.
Das Konzert war darüber hinaus sehr sorgfältig und schön in Szene gesetzt. Zunächst der Blick auf den wunderschönen Saal der Genter Oper mit der schönen Hufeisenfrom und dem roten Plüsch. Es wirkt zunächst etwas merkwürdig, das ganze Orchester einschließlich des Dirigenten mit schwarzen Masken auf der Bühne sitzen zu sehen (außer den Bläsern – nur wenn sie an der Reihe sind!). Der Chor war auf dem Parterre, den Balkonen und den Logen verteilt, so dass die absolute „Leere" des Saals auch etwas aufgebrochen wurde. Der Chor sorgte auch für den Applaus nach den Solisten-Arien und das wirkte sicher echt und wie ein bisschen „echtes Publikum". Die Kameras zoomten regelmäßig auf Solo-Instrumente, was für die Orchestermusiker ein dankbarer Aspekt in so einem Online-Konzert sein muss. So bekamen wir schöne Soli von Klarinette, Englischhorn, Oboe, Flöte, Fagott, Bratsche und Harfe zu sehen, wodurch die jeweiligen musikalischen Passagen geschickt akzentuiert wurden.
Man möchte natürlich nicht sagen: wiederholbar, aber die Leistung aller Musiker und des gesamten Teams war so beeindruckend, dass man es gerne noch erleben möchte. Und es gibt doch irgendwie das Gefühl von gemeinsamen Musizieren in Freude. Herzlichen Glückwunsch und vielen Dank an alle OBV-Mitarbeiter dieses Konzerts.
P.S. Ich möchte auch gerne auf das Interview meines Kollegen von Klassiek Centraal mit Jan Raes hinweisen, das in diesen Tagen auf diesen Seiten zu lesen ist.
WAS: Endlich 2021, Konzert OBV
WER: Solisten und Symphonisches Orchester und Chor Opera Ballet Vlaanderen
WO: online Samstag 23-1-2021 vom Opernhaus Gent
FOTO: Tom Cornille