Bruckner: Streichquartett in c, WAB 111 - Rondo in c, WAB 208 - Thema & Variationen in Es, WAB 210
Klose: Streichquartett in Es
Quatuor Diotima: Yun-Peng Zhao, Léo Marillier, Franck Chevalier, Alexis Descharmes
Pentatone PTC 5187 217 • 86' •
Aufnahme: Feb. 2024, Mittlerer Saal, Brucknerhaus Linz
Bruckner schrieb sein (einziges) Streichquartett relativ früh in seiner Laufbahn als Komponist: 1862, als er erst 38 Jahre alt war und am Anfang seiner Karriere als Symphoniker stand. Es ist vor allem eine Studienarbeit, aufgenommen in das Kitzler-Studienbuch, stammend aus der Zeit, als Bruckner noch bei Otto Kitzler studierte. Darin nicht nur dieses Streichquartett, sondern auch sechs unvollendete Scherzi neben dem auf diesem Album ebenfalls festgehaltenen Thema & Variationen in Es und ein Rondo ('in größerer Form'), das als alternative Finale (ebenfalls ein Rondo) des Streichquartetts dienen sollte.
Thema & Variationen in Es, ebenfalls 1862 entstanden, ist eine der ersten Kompositionen, die sich in Form und Inhalt relativ weit von den bis dahin im Kitzler-Studienbuch festgehaltenen Studienwerken entfernt, obwohl die gewählte Variationsform keusch nach den klassischen Regeln verfährt, im Dreivierteltakt und bestehend aus zwei Gruppen zu je acht Takten, die konsequent wiederholt werden sollen (in diesem Jahr sollten noch weitere im Genre folgen).
Bruckner war 1862 noch weit entfernt von dem, was noch kommen sollte, einschließlich der ausgedehnten Klangpanoramen und der thematisch expandierenden Architektur in seinen Symphonien und Messen, wovon auch in seiner Kammermusik noch ein treffendes Beispiel entstehen wird: 1879 im Streichquintett in F. Kein Wunder also, dass es damals Kritiker gab, die das Stück nicht ohne Spott als 'Symphonie für fünf Streicher' bezeichneten. Wer sich damals, als die Tinte des vierteiligen, fast dreiviertelsündigen Werkes noch fast nass war, enthusiastisch dafür begeisterte, war der Herzog von Bayern, dem Bruckner das Opus gewidmet hatte. Der Auftraggeber dachte jedoch ganz anders darüber: ein bekannter Geiger, der es für ein unspielbar Ungeheuer hielt.
Das Streichquartett von Friedrich Klose (1862-1942) ist innerhalb der gegebenen Albumrahmen sicherlich ein angemessener Beitrag, da er seinerseits bei Bruckner studierte. Es ist auch Kloses einziger substantieller Beitrag zur Kammermusik, komponiert zwischen 1908 und 1911, ein Werk, in dem die motivische und kontrapunktische Technik mit einer hohen Dosis Virtuosität zusammenfällt. Als hätte Klose alles aus seinem kreativen Werkzeugkasten herausholen wollen. Dass Klose wie sein großer Lehrmeister auf theoretischem Gebiet keine Einschränkung kannte, wird auf fast jeder Seite dieses Streichquartetts haarscharf deutlich. Der Untertitel, den der Komponist dem Stück gab, weist auch in diese Richtung: 'Ein Tribut in vier Raten entrichtet an seine Gestrengen den deutschen Schulmeister'.
Heinrich Knappe (1887-1980), ein Musikdozent und Dirigent aus München, notierte in seiner Monographie über Klose:
'Mit sieben Jahren erhält er ersten Violinunterricht, doch „empfand er den monodischen Charakter der Violine als einen Mangel". Wagners ‚Lohengrin' und Bachs ‚Matthäus-Passion' hinterlassen unauslöschliche Eindrücke, und er schreibt ohne Unterweisung erste Kompositionen: Es „werden im Laufe der nächsten Jahre symphonische Dichtungen, Szenen, ja ganze Akte von Opern, zu denen er sich selbst den Text schrieb, fertiggestellt; sie sind der Niederschlag des Studiums der Klavierauszüge zum ‚Lohengrin' und zur ‚Matthäuspassion' und der Eindrücke, die Berlioz' ‚Fee Mab' und Liszts ‚Les Préludes' im Konzertsaal auf ihn machen." Vinzenz Lachner (1811-93), der jüngere Bruder Franz Lachners und konservative Lehrmeister am Großherzoglich Badischen Konservatorium in Karlsruhe, wird sein erster Theorie- und Kompositionslehrer…'
Klose ist nicht zu Weltberühmtheit gelangt. Er wurde am 29. November 1862 in Karlsruhe geboren und starb am 24. Dezember 1942 in dem Schweizer Ort Ruvigliana. Seine Musik atmet bereits relativ früh die Spätromantik, mit im Vordergrund die Figur, die einen enormen Stempel auf besonders das deutsche Musikleben drückte: Richard Strauss, obwohl es auch deutliche Einflüsse von Wagner, Berlioz und Liszt gibt (allein Kloses symphonische Dichtungen sprechen Bände). Die Messe in d (1889) komponierte Klose als Hommage an Franz Liszt. 1911 vollendete er Die Wallfahrt nach Kevlaar, eine reichlich ausgestattete Ballade (der Text stammt von Heinrich Heine) für Rezitator, drei Chöre, großes Orchester und Orgel. Die melodische und harmonische Textur ist ziemlich dichtgewoben und es gibt Momente, an denen die Theorie alle Aufmerksamkeit auf sich zu lenken scheint.
Ähnliches hören wir in Ilsebill, das Märchen vom Fischer und seiner Frau, auf Text von Hugo Hoffmann, von Klose 1902 konzipiert in der Form einer 'dramatischen Symphonie', obwohl es alle Merkmale einer Oper in fünf Akten hat. Das deutsche Musiklabel CPO hat davon eine CD-Aufnahme herausgegeben.
Für Klose galten drei Elemente für sein Komponieren als ausschlaggebend: 'inneres Erlebnis, seine künstlerische Gestalt-Annahme und die musikalische Inspiration'.
Weder das Streichquartett von Bruckner als auch das von Klose ist kein echtes Repertoirestück geworden. Allerdings lässt sich das vielleicht nicht so sehr an diesen Interpretationen ablesen, die voller Ausdruckskraft und technischer Raffinesse sind und vom berühmten französischen Quatuor Diotima stammen. Dieses Ensemble brilliert nicht nur in der Musik des zwanzigsten Jahrhunderts durch unvergleichliches Spiel, sondern darf sich auch auf dem Gebiet des deutsch-österreichischen Expressionismus zur Weltspitze rechnen. Dank dieses neuen Albums wird Friedrich Klose zudem wieder einmal in den Rampenlicht gesetzt. Der Großteil seines Werks ist diskografisch stark unterversorgt geblieben, aber auch auf unserem Konzertpodium begegnet man dem Namen Klose selten (oder nie). Bei unseren östlichen Nachbarn gibt es mehr Interesse, aber das ist auch naheliegend, denn Klose war ja Deutscher von Geburt.