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Die stille Flamme – drei Gestalten der Inspiration

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Die stille Flamme – drei Gestalten der Inspiration
© Alex Schröder

In Amare, Den Haag, voltrok zich op vrijdag 10 oktober ein Konzert, das mehr war als ein Programm: Flame of Genius – eine Einladung zur Selbstbesinnung, Hingabe und zum Hören mit offenen Sinnen.

Unter der beseelten Leitung von Jac van Steen brachte das Sinfonieorchester des Königlichen Konservatoriums Den Haag in der warmen, herzlichen Atmosphäre des Konservatoriumssaals ein Programm dar, das Kühnheit und dramaturgische Intelligenz bezeugte. Keine Verführung durch Virtuosität oder orchestrale Klassiker, sondern eine Einladung zum Hören – tiefes Hören.

Die Einfachheit des Herzens


Das Konzert eröffnete mit dem beliebten Klarinettenkonzert von Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791) – ein Werk, in dem Melodie keine Verzierung ist, sondern Offenbarung. In dieser letzten vollendeten Komposition von Mozart scheint die Musik alles zu umfassen: Freude und Verlust, Hingabe und Trost.

José Montero Mora, Klarinettist und Student am Königlichen Konservatorium, betrat die Bühne ohne Bravur, aber mit einer natürlichen Präsenz, die sofort Vertrauen weckte. Ab den ersten Takten wurde deutlich: dies sollte keine virtuose Demonstration werden, sondern eine Lesung von innen heraus.
Sein Ton war warm und hell, seine Phrasengestaltung sanft, ohne zu verschwimmen. Im langsamen Mittelteil – dem mitreißenden Adagio – schwebte seine Klarinette wie eine Stimme zwischen Himmel und Erde: kein Pathos, kein Effekt, nur musikalische Wahrheit. Mora zeigte sich hier als ein Musiker, der versteht, dass Mozart Einfachheit verlangt, aber niemals Naivität. Auch im Schlussteil mit seiner tanzenden Rondoform blieb er leichtfüßig und lyrisch – ein Tanz, der kaum den Boden berührte.

Das Orchester umfasste den Solisten mit verfeinert transparenter Textur. Bläser und Streicher atmeten mit der Klarinette in einem Dialog, der natürlich und zerbrechlich wirkte. So entstand ein Mozart, der nicht glänzte, um zu glänzen, sondern flüsterte, um zu berühren.

Ritual des Atems


Nach Mozarts menschlicher Einfachheit folgte Spiri I: Stained Ritual – das erste Kapitel einer Trilogie, in der Klang, Atem und Spiritualität ineinander übergehen. Die südkoreanische Komponistin Seung-Won Oh (°1969) geht vom uraltesten Begriff spiritus aus – Latein für Atem, Lebensatem. Aus dieser Wurzel entspringen Wörter wie Spiritualität, Inspiration und Respiration – alle Ausdrücke von Leben, das sich zwischen Ein- und Ausatmung bewegt, zwischen Anfang und Ende.

Dieses Prinzip bildet den Kern ihrer Trilogie Spiri: drei Orchesterwerke, die zusammen einen atmenden Zyklus bilden, aber auch eigenständig klingen können. Die Musik will nicht nur klingen, sondern atmen – wie ein lebender Organismus, der sich ständig verändert, auflöst und neu entsteht.

Eine Chaconne aus fünf Tönen bildet den Schwerpunkt der gesamten Trilogie: ein einfaches Motiv, das sich endlos transformiert, jedes Mal aus einer anderen Perspektive. In Stained Ritual wird diese Klangwelt noch aufgebaut: die Grundtöne dessen, was später zusammenfließen wird. Das Werk ist weniger eine Geschichte als ein Prozess – ein Ritual aus Klang, Zeit und Transformation.

Der Titel bezieht sich auf ein Ritual, das nicht rein oder unberührt ist, sondern stained – gekennzeichnet durch menschliche Erfahrung, Atem und Zerbrechlichkeit. Diese Idee gestaltete sich im Glockenmotiv, das wie ein Herzschlag durch die Partitur klingt. Die Glocke mit ihrer natürlichen Resonanz und ihrem langsam ausklingenden Klang wurde zur Metapher für den Lebensbogen: Geburt, Reife, Verfall – und Wiedergeburt. Jeder Glockenschlag erinnerte an die Vergänglichkeit des Menschen und zugleich an den ewigen Kreislauf der Existenz. Die Glocke wanderte von Instrument zu Instrument, wie ein rituelles Echo von Frage und Antwort: manchmal verankert, manchmal verunsichernd, manchmal zerbrechlich und lyrisch, dann wieder aufgeschreckt durch massive, dissonante Ausbrüche.

Nach diesem verstillten, nahezu meditativen Raum brach plötzlich ein kontrastierender Teil auf: kupfern, pulsierend, fast tanzend. Hier schöpfte die Musik aus der Natur selbst – aus den Obertönen der Resonanz, aus Energie, die in Vibration übergeht. van Steen leitete das Ganze mit behältener Intensität: die Musik durfte frei atmen, verlor aber nirgends ihre Spannung.

Langsam kehrte alles zum Anfang zurück: die Glocke, der Atem, das Ritual. Zwei Akkorde fanden zueinander, Harfe, Schlagwerk und Klavier gaben ihre letzte Energie frei, und das Blech ließ einen sanften, melancholischen Choral auf eine G-Dur-Kadenz herabsinken – wie ein Moment der Erleuchtung. Was haften blieb, war ein Echo, ein Nachklang, der sowohl Abschluss als auch Fortsetzung andeutete: der Atem stockte einen Moment, aber hörte nicht auf.

Louis Andriessen, ihr Lehrer in Den Haag, sagte einmal zu ihr: "Du weißt nicht, warum du komponierst." Das war damals ein Problem, das sie lösen musste. Jetzt scheint die Antwort gefunden: Oh komponiert, um zu hören, was zwischen Klang und Stille lebt – auf den Atem selbst.

Ihre Musik schlägt eine seltene Brücke zwischen östlicher Stille und westlicher Architektur, zwischen Ritual und Struktur, zwischen Kontemplation und Kontrolle. Spiri I: Stained Ritual erwies sich als ein fascinierender erster Schritt in ein größeres Klangiuniversum.

Eine Komponistin, die man weiterhin verfolgen sollte – mit wachsendem Interesse.

Erde, die atmet


Zum Abschluss: Anton Bruckner (1824-1896). Die Erste Sinfonie in ihrer Linzer Fassung (1866) – die ursprüngliche und unverhüllteste Version – ist vielleicht der reinste Ausdruck von Bruckners frühem Geist. Keine glatte Überarbeitung, kein späterer Selbstzweifel, sondern ein robustes, aufrichtiges Werk. Die Linzer Fassung zeigt den Komponisten als einen Mann tiefer Überzeugung, der nach Struktur, nach Richtung sucht – und doch bereits in Kontakt mit etwas steht, das größer ist als er selbst.

Jac van Steen verstand diese Sinfonie als einen wachsenden Organismus. Seine Wahl für fließende Tempi und atmende Phrasengestaltung gab der Musik eine natürliche Spannung, ohne dass die Architektur verschwamm. In seiner Lesart war die Sinfonie kein Bauwerk, sondern eine Landschaft – mit Wolkenschwaden, Bedrohungen, Lichtbrechungen.

Die Eröffnung setzte sofort den Ton: c-Moll klingt bei Bruckner nicht als Kampf, sondern als Grundton. Es gibt etwas Erdiges in dieser Bewegung, etwas das langsam aufsteigt, getragen von den Blechbläsern, die in dieser Aufführung warm und majestätisch klangen. Die Streicher – leicht angespannt, aber hell – gaben dem inneren Konflikt Gewicht, der diesen frühen Bruckner durchzieht.

Im Adagio entfaltete sich eine Art musikalischer Gebetszustand – das Orchester spielte nicht für das Publikum, sondern mit dem Werk. Eine sanfte Violinlinie konnte sich zu einem Choral ausweiten, ein einsames Horn konnte plötzlich einen ganzen Raum erfüllen. Im Scherzo erklang zum ersten Mal etwas von Sturm, von Nervosität – aber van Steen zähmte die Rhythmen ohne sie zu verkleinern. Und dann das Finale: kein Triumph, sondern ein langsamer Aufstieg zu Klarheit.

Darin lag vielleicht das Ergreifendste dieser Aufführung: dass junge Musiker Bruckner spielten ohne Bombast, aber mit Ehrfurcht. Dass sie, geleitet von einem Dirigenten, der versteht, was es bedeutet, mit Klang zu bauen, es wagten zu verlangsamen, zu warten, zuzuhören. In dieser Aufführung der Linzer Fassung kam nicht der Meister späterer Zeiten zum Leben, sondern der Mensch Bruckner – zart, schwankend, großartig in seinem Streben nach Bedeutung.

Nachglanz einer Flamme


Flame of Genius war kein Spektakel, kein Flammenfeuer, das den Saal in Aufruhr versetzte, sondern eine Flamme – genährt durch Konzentration, Sensibilität und Neugier. Eine Flamme, die nicht ausgelassen brannte, sondern glühte: unterschwellig, still, unvermeidlich.

Ob es nun um die kristalline Einfachheit von Mozart, den spirituellen Atem von Seung-Won Oh oder den sakralen Atem von Bruckner ging – dieses Konzert bewies, dass Genialität nicht laut sein muss. Manchmal ist sie ein Zittern im Raum, eine Stille zwischen zwei Phrasen, ein Blick nach oben.

Nicht jeder Orchesterteil spielte fehlerfrei – so durften die Streicher bei Mozart noch wachsen – aber die Spielfreude und die Hingabe, mit der jedes Orchestermitglied spielte, machten dies zu einer außergewöhnlichen Konzerterfahrung.

So zeigte sich das Koninklijk Conservatorium Den Haag nicht nur als Talentschmiede, sondern als Laboratorium des Geistes. Und das ist vielleicht das höchste Ziel der Kunstausbildung: nicht nur Noten spielen lernen, sondern Musik tragen lernen.

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