Zum Inhalt springen
Automatisch übersetzt · Original
Rezensionen

Der Triumph der Zeit — und Händels

J
· 4 Min. Lesezeit
Diesen Artikel teilen
Der Triumph der Zeit — und Händels
© Alberto Panzani

Il Trionfo del Tempo e del Disinganno ist ein frühes Oratorium von Georg Friedrich Händel, komponiert 1707 während seines Aufenthalts in Rom, auf ein italienisches Libretto von Kardinal Benedetto Pamphilj. Das Werk ist als moralische und philosophische Debatte zwischen vier allegorischen Figuren konzipiert: Bellezza (Schönheit), Piacere (Vergnügen), Tempo (Zeit) und Disinganno (Desillusionierung). Schönheit wird hin und her gerissen zwischen der unmittelbaren Anziehungskraft des Vergnügens und der konfrontierenden Stimme von Zeit und Einsicht, bis sie sich schließlich für eine andere Form der Wahrheit entscheidet. Es ist keine Geschichte im dramatischen Sinne, sondern ein Zusammenprall von Ideen, in dem moralische Überzeugung und menschliche Schwäche sich ständig kreuzen.

Händel versteht es, diese abstrakte Anlage in Musik umzusetzen, die unmittelbar berührt. Was inhaltlich als eine düstere Reflexion über Vergänglichkeit gelesen werden kann, erhält in der Partitur eine Fülle von Affekten, Kontrasten und Farben. Der junge Händel zeigt sich hier bereits als Meister darin, Licht gegen Schatten auszuspielen, Verführung gegen Ernst, ohne dabei jemals in Vereinfachung zu verfallen.

Auch für Il Giardino Armonico ein Triumph

Für diese Aufführung standen Il Giardino Armonico und Giovanni Antonini für eine Interpretation ein, die den rhetorischen Charakter des Werkes scharf herausstellte, ihn aber gleichzeitig warm und lebendig hielt. Das Ensemble spielte mit großer Selbstverständlichkeit in Phrasierung und Artikulation, mit einem Continuo, das ständig auf den Gesang reagierte und den musikalischen Diskurs mitgestaltete. Der Spannungsbogen blieb über den ganzen Abend erhalten, sodass die beträchtliche Länge des Oratoriums niemals schwer wirkte.

Die vier Solisten bildeten ein enges und ausgewogenes Quartett. Giulia Semenzato gab der Bellezza eine klare, flexible Stimme, die sowohl Zerbrechlichkeit als auch Wachstum ausdrücken konnte. Julia Lezhneva's Piacere klang verführerisch ohne oberflächlich zu werden, elegant und geschmeidig, genau wie diese Rolle es verlangt. Carlo Vistoli verlieh dem Disinganno eine edle Ernsthaftigkeit und eine fast kontemplative Ruhe, während Krystian Adam als Tempo eine straffe, unerbittliche Linie zog, die den moralischen Druck im Werk ständig spürbar machte.

Innerhalb dieses Ganzen sprangen verschiedene Momente heraus, ohne den Zusammenhang zu durchbrechen. Lezhnevas Lascia la spina war ein Moment reiner Stille: einfach, ungekünstelt und dadurch umso ergreifender. Hier zeigte Händel sein Meisterwerk darin, Nüchternheit sprechen zu lassen, während an anderen Stellen des Werkes Freude und Glanz vollständig Raum bekommen. Diese ständige Wechselwirkung zwischen Anziehung und Zurückhaltung macht dieses Oratorium so faszinierend.

Auch Tempo und Disinganno erhielten musikalisch stark ausgearbeitete Momente. In Arien wie Urne voi, che racchiudete wurde die Unerbittlichkeit der Zeit in breiten, getragenen Linien hörbar, während Disinganno in seinen Beiträgen gerade Klarheit und Einsicht erklingen ließ, nicht als kalte Korrektur, sondern als eine innere Verschiebung, die langsam Gestalt annimmt.

Das Finale des Oratoriums bildet einen auffälligen Kontrast zu den großangelegten Schlussabschnitten, die wir aus vielen anderen Oratorien und Opern kennen. In Tu del ciel ministro eletto entscheidet sich Händel entschlossen für Zurückhaltung und innere Konzentration, als wäre jede Form äußeren Triumphes hier unangebracht. Giulia Semenzato brachte diesen Schluss mit großer Überzeugung und einer natürlichen Einfachheit vor, die die Bedeutung des Augenblicks vollständig zum Sprechen brachte. Ihr Gesang blieb bewusst ungekünstelt, getragen von einer transparenten Begleitung, wodurch die moralische Wahl der Bellezza nicht als Sieg, sondern als Ergebung und Einsicht erfahren wurde. Diese Nüchternheit wirkte besonders stark: nach dem Verstummen des letzten Klangs blieb der Saal für einen Moment still, in einer Stille, die genau zu diesem Finale passte, bevor sich das Publikum in lauten und anhaltenden Beifall erging.

Unvergängliche Schönheit

Das Oratorium handelt von der Vergänglichkeit der Schönheit und dem unvermeidlichen Sieg der Zeit. Und doch drängt sich hier ein kleines Paradoxon auf. Dass wir mehr als dreihundert Jahre nach der Entstehung dieses Werkes noch immer intensiv seine Schönheit genießen können, scheint den Ausgangspunkt gleichzeitig zu bestätigen und zu untergraben. Natürlich geht Pamphiljs Text in erster Linie von physischer Schönheit aus, die sich mit den Jahren verändert und verblasst. Aber Händels Musik zeigt eine andere Form der Schönheit, eine, die nicht verschwindet, sondern sich in jeder überzeugenden Aufführung immer wieder erneuert. In Bozar war das keine abstrakte Idee, sondern eine hörbare Realität.

Tags concert
Diesen Artikel teilen

Kommentare

Noch keine Kommentare. Sei der Erste, der kommentiert.

Kommentar hinterlassen

Kommentare werden vor der Veröffentlichung geprüft.

DE