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Eine heilende Auseinandersetzung

V
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Eine heilende Auseinandersetzung

Der erfolgreiche Regisseur/Choreograf Alain Platel bietet in diesem reich illustrierten Buch einen Blick in den Schaffensprozess der preisgekrönten und ikonischen Inszenierung Requiem pour L., zu Musik von Mozart und Komponist/Saxofonist Fabrizio Cassol. Eine Produktion, die unter Platel unter seine Haut ging, ihn vor ein ethisches Dilemma stellte, ja ihn sogar erschöpfte. Der gesamte Produktionsprozess war eine emotionale Achterbahnfahrt, die ernsthaft zusetzte und so auch Spuren hinterließ. Beiläufig beschreibt der Autor auch, wie das junge Ensemble les ballets C de la B so schnell große Höhen erklomm. Wenn zum richtigen Zeitpunkt, am richtigen Ort, die richtigen Menschen deinen Weg kreuzen. Es ist ein riesiges Klischee, aber es war der Sprungbrett zu internationalen Bühnen.

Alain Platel nimmt den Leser mit auf eine Reise durch seine Vergangenheit. Er wuchs in einer warmen, aber untypischen Familie mit fünf Kindern auf. Sein Vater war Architekt und seine Mutter eine lebhafte Frau, die neben der Versorgung ihrer Kinder das Leben in den freigeistigen sechziger Jahren umarmte. In Wirklichkeit lag die Entscheidung, Requiem pour L. zu machen, bereits Jahre früher, lange bevor er sich eine Vorstellung davon machen konnte. Es ist die Krönung von Begegnungen, Ereignissen und Konfrontationen mit dem Tod über viele Jahre hinweg, in einem stetigen Wachstumsprozess. Wie das eine zum anderen führt.

Platel führte eine Art Logbuch. Einige Menschen stehen darin zentral: Hausarzt und Jugendfreund Marc, der belgische Komponist Fabrizio Cassol, seine Eltern, Schwestern und guter Freund und Mentor Gerard Mortier und natürlich L(ucie) und ihre Familie. Eine bisweilen traurige, aber gleichzeitig freudvolle Mischung aus Fakten und Erinnerungen, die alle wie ein Kaleidoskop zur Schöpfung des preisgekrönten und ergreifenden Requiem beitrugen.

Krankheit und Endlichkeit

Sie durchziehen unser Dasein. Platels ersten Toten sah er als fünfjähriger Junge. Neugierig, was der Tod wirklich ist, ging er schauen, wie eine Nachbarin aufgebahrt in ihrem Wohnzimmer zu Hause lag. Klassenkameraden wurden aus dem Leben gerissen. Die darauffolgende Leere war geradezu ernüchternd. Mit siebzehn durfte er als Ferienjob einen Monat lang in einem Krankenhaus aushelfen. Dort sah er eine tote Frau. Eine Viertelstunde zuvor lag sie noch zu stöhnen da und sie hatten ihr Bett gemacht. Der Tod, der sich als Meuchelmörder manifestiert. Ein Jugendfreund entriss ihm der Krebs. Er musste sich auch von seinem treuen Vierbeiner verabschieden. Ein Verkehrsopfer hauchte seinen letzten Atemzug in seinen Armen aus, sein Vater in einem Krankenhausbett.

Platel war auch Zeuge des letzten Atemzugs von Gerard Mortier. Der Gigant Mortier, mit dem er über ihre Heimat Gent sprechen konnte, aber auch über das, was sie beruflich antrieb, ihre Vision, die Aufgabe eines Künstlers in der Gesellschaft. Mortier forderte ihn künstlerisch heraus. Erhielt er von Mortier jemals das Vertrauen – was ihm die Möglichkeit bot, eine internationale Karriere aufzubauen – so umgab sich Platel wiederum mit jungen talentierten Künstlern, denen er einen Sprungbrett bot. Mortier sprach junge Künstler an, die es wagten, etablierte Werte in ihren Grundfesten zu erschüttern. Die Arbeit an der Grenze und progressive künstlerische Entscheidungen verbanden sie und schmiedeten auch eine starke Bindung auf persönlicher Ebene.

Duo Cassol-Platel

Sie trafen sich 2002 zufällig in Jerusalem und kamen ins Gespräch. Es gab viele Berührungspunkte, sowohl in Bezug auf Berufsethik als auch in Bezug auf Spiritualität. Beide fanden sich in der Schöpfung neuer Geschichten auf der Grundlage bekannten Materials. Zusammen schufen sie 2006 VSPRS basierend auf der Vespro della Beata Vergine von Monteverdi. 2008 folgte Pitié!, inspiriert von der Matthäuspassion von Bach. Für Coup Fatal 2013 versammelten sie eine Reihe kongolesischer Musiker um ein Repertoire europäischer Barocklieder.

Diese farbenfrohe Inszenierung schrie nach einer Fortsetzung. Fabrizio beschloss, sich Mozarts Requiem vorzunehmen, mit teils denselben afrikanischen und teils europäischen Musikern. Eine Herausforderung, weil die meisten Musiker afrikanischen Ursprungs keine Musik lesen konnten und alles daher mündlich überliefert werden musste. Es sollte jedoch keine Fortsetzung von Coup Fatal werden, sondern eine einzigartige, prägende Inszenierung. Deshalb entschied sich Platel, von dem auszugehen, was das Wesen des Requiem ist: der Tod. Der Tod sitzt hier bei uns immer noch in einer Tabusphäre. Es musste daher behutsam vorgegangen werden.

Platel realisierte sich, dass er mit seiner Lebens- und Theatererfahrung mittlerweile über die Werkzeuge verfügte, um Trauer in Kraft umzuwandeln, in eine Energie, die eher vorantreibt als bremst. Wir müssen alle „Zum Tode leben", wie Heidegger sagt. Bis an die Grenze des Möglichen pushen. Den Tod in einer Videoinstallation zu zeigen war früher schon geschehen, aber noch nie in einer Musiktheaterinszenierung.

Zufall oder nicht

Zufällig war ein Bekannter am Sterben, und der behandelnde Arzt war sein Jugendfreund Marc. Wäre es möglich gewesen, ihre letzten Stunden zu dokumentieren und in die Aufführung einzubauen: die magische Brücke zwischen Leben und Tod? Lucie, eine Frau, die ihr ganzes Leben auf der Barrikade stand, stimmte zu. Sie entschied sich für Euthanasie und wurde so zur Befürworterin des Rechts auf würdevolles Sterben. Ihre letzte aktive Handlung: gewissermaßen zu sterben mit den Stiefeln an. Dies ging jedoch nicht ohne Widerstand ab. Die Kinder protestierten. Platel hatte volles Verständnis für ihren Widerstand. Es geht darum, in einen der intimsten Momente im Leben eines Menschen einzudringen. Falsch eingesetzt könnte es auch als eine ungesunde Form des Voyeurismus interpretiert werden. Letztendlich respektierten die Kinder den letzten Wunsch ihrer Mutter. Das Publikum erlebt ihre letzten Stunden in einer gelassenen Projektion: respektvoll, ohne jede Sensationsmache. Durch die Extrapolation von Gefühlen und Musik entsteht ein Diptychon. Der gelassene Abschied des Westlers, gegenüber der Extravaganz der Afrikaner. Wir trauern, für sie ist es eine Feier des Lebens. Die Aufführung ist eine Konfrontation, aber gleichzeitig heilsam. Die Kulturunterschiede werden in einem intimen Gefüge zu einem warmen und zutiefst menschlichen Ausschnitt aus dem Leben verarbeitet. Ein absolutes Meisterwerk, von dem eine große Frieden ausging.

Nicht nur als Aufführung ist Requiem pour L. beeindruckend. Auch die Lektüre des gleichnamigen Buches ist es. Es gibt nicht nur die Geschichte von Alain Platel, sondern auch zahlreiche Kommentare, die die Erzählung färben und unterstützen. Unser Regisseur/Choreograf ging für diese Produktion nicht übers Knie. Die Zurückhaltung, der Kampf und die Umsicht, mit der er alles sorgfältig und subtil zusammenfügte, zeichnen ihn nicht nur als großen Künstler aus, sondern auch als integre Person mit Verantwortung und Gelehrsamkeit. Ein respektvoller Mann voller Mitgefühl, der Schmerz und Verwirrung von Menschen versteht.


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