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Eine Orgel wie fließendes Wasser

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· 5 Min. Lesezeit
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Eine Orgel wie fließendes Wasser
© Dawid Medrala, Reinhold Möller

Während einer Orgelführung in der Berliner Marienkirche lernte ich im April bereits den Organisten Xaver Schult kennen. Er nahm mich damals mit durch die Geschichte des Instruments, aber ich hatte ihn noch nicht bei der Arbeit gehört. Seine Einladung, ihn am Donnerstag, den 6. August während der Berliner Orgelsommer an der Orgel zu hören, nahm ich daher mit großem Vergnügen an. Nach Tagen tropischer Temperaturen konnte ein Orgelkonzert mit dem Titel Wassermusiken kaum passender sein. Es zeigte sich ein besonders gut durchdachtes Programm, in dem jedes Werk auf seine eigene Weise zum Thema passte, manchmal sehr direkt über den Titel, manchmal eher durch die musikalischen Bilder, die es hervorruft. Das Wasser sollte während des Konzerts bald fließen und plätschern, bald still werden oder sich zu einem heftigen Sturm entwickeln.

Präludium G-Dur von Nicolaus Bruhns (1665-1697) klingt dabei wie eine Quelle, die entspringt: kristallklar und beweglich von den ersten Noten an, wobei die einzelnen Stimmen gut zu unterscheiden sind und der Klang sich ständig weiterentwickelt. Bei der Passacaglia d-Moll von Dietrich Buxtehude (1637-1707) ändert sich der Charakter. Die anhaltende Bewegung klingt etwas gedämpfter, als würde das Wasser nach der ersten Stürmischkeit zur Ruhe kommen. Schults schlichte Registrierungen und subtile Akzente sorgten dafür, dass der Kontrast zum vorigen Stück gut wirkte.

Während der Choralfantasie An Wasserflüssen Babylon von Johann Adam Reincken (1643-1722) wurde deutlich, wie viel Wissen Schult sowohl von der Partitur als auch von seinem Instrument besitzt. Ich kannte das Werk nicht, aber es wurde sofort eine überzeugende Bekanntschaft. Auf dem bekannten Choral, basierend auf Psalm 137 – dem Klagelied der Gefangenen an den Flüssen Babylons –, baute Reincken eine umfangreiche Fantasie auf, in der die Choralmelodie immer wieder neue Gestalt annimmt. Mit etwa zwanzig Minuten ist es zudem das längste Stück des Norddeutschen Barock – eine Dimension, die das Werk in Schults Aufführung jedoch nirgends schwerfällig oder weitschweifig wirken lässt. Der Choral tritt nun deutlich in den Vordergrund und scheint sich dann wieder in einem reichen Geflecht von Stimmen zu verlieren. Genau darin lag die Stärke dieser Interpretation: Schult machte keine Demonstration dessen, was die Orgel alles kann, sondern brachte die verschiedenen Schichten zusammen zu einem ergreifenden, manchmal fast nachdenklichen Klangerlebnis. Jede neue Wendung eröffnete eine neue Perspektive, und gerade in den feineren Schattierungen – eine gedämpfte Registrierung hier, ein subtiler Übergang dort – bekam die Musik Bedeutung, ohne jemals aufdringlich zu werden. Schult erzählte mir, dass dies eines seiner Lieblingswerke ist, und das war auch daran zu hören, wie er es vortrug.

Ein bemerkenswerter Schritt weg vom Norddeutschen Barock folgte mit Ave maris Stella von René Vierne (1878-1918), dem Bruder des bekannten französischen Organisten und Komponisten Louis Vierne. Der Zeitsprung ist erheblich, aber musikalisch erwies sich die Wahl als gut. Das Werk beginnt gedämpft und fast verstummt, um sich dann zu einem wahren Drama zu entwickeln: Die Musik gewinnt allmählich an Spannung und Bewegung, als würde der Stern des Meeres über einem stürmischen Meer erscheinen, während der Sturm langsam abebbt. Schult baute diese Entwicklung geduldig auf und spielte die verschiedenen Klangfarben der Orgel dabei geschickt aus. Auch dies war für mich ein unbekanntes Werk, und eben deshalb wurde diese Aufführung eine überraschende Entdeckung.

Mit Wassermusik von Georg Friedrich Händel (1685-1759) kam das Thema dann ganz wörtlich zum Leben. Schult wählte mit der dritten Suite nicht für die naheliegendsten Teile und schuf selbst eine Orgeltranskription davon – ein schöner Fund. Während Händels ursprüngliche Wassermusik für Bläser und Streicher geschrieben ist, muss hier ein Organist die verschiedenen Stimmen, Farben und musikalischen Funktionen zusammenbringen. Schult versuchte nicht einfach, das Orchester nachzuahmen, sondern ließ die Musik aus den Möglichkeiten seines eigenen Instruments sprechen. In seiner durchdachten Transkription blieben die verschiedenen Schichten erkennbar und bekam die Musik eine eigene Farbe, ohne dass man die etwas leichtere, tänzerische Geschmeidigkeit eines Streichensembles wirklich vermisste.

Und dann ist da natürlich Johann Sebastian Bach (1685-1750). In der Pièce d'orgue BWV 572 scheint das Wasser von den ersten Noten an zu plätschern: lebendig und spielerisch anfangs, ständig kraftvoller werdend, bis es sich schließlich zu einem echten Sturm entwickelt. Schult setzte gleich kräftig an und baute diese Entwicklung weiter auf, ohne den Effekt zu erzwingen, wodurch die zunehmende Kraft natürlich anmutete und die Spannung auch im Saal spürbar wurde. So bildete Bachs Werk einen würdigen Abschluss eines Programms, in dem Wasser immer wieder eine andere musikalische Gestalt annahm.

Die Marienkirche und ihre Orgel erwiesen sich während des ganzen Abends als ideale Kombination. Der Raum gibt dem Klang ausreichend Zeit, sich zu entwickeln, während das Instrument eine bemerkenswert breite Palette an Farben und dynamischen Abstufungen ermöglicht. Von den intimsten Momenten bis zu den monumentalen Ausbrüchen blieb der Klang klar im Raum stehen, ohne dass Kirche oder Instrument jemals die Musik zu überlagern schienen.

Als Zugabe folgte noch eine überraschende Transformation: Le Cygne aus Le Carnaval des animaux von Camille Saint-Saëns (1835-1921). Auch hier zeigte Schult, wie man eine Komposition zu seinem eigenen Instrument übersetzen kann. Das Cello, das wir so selbstverständlich mit diesem Werk verbinden, fehlte kaum: Das Schwanenlied bekam an der Orgel eine ganz eigene Gestalt, sanft und getragen, und bildete ein fast unerwartetes stilles Ende eines Konzerts, das davor so oft in Bewegung gewesen war.

Nach der Führung im April wusste ich bereits, dass Xaver Schult sein Instrument in- und auswendig kennt; nach diesem Konzert wurde vor allem deutlich, wie tief dieses Wissen geht. In einem sorgfältig zusammengestellten Programm ließ er nicht nur die Vielseitigkeit der Orgel hören, sondern vor allem auch, wie unterschiedlich Musik Wasser erklingen lassen kann. Von der ersten aufsprudelnden Quelle bei Bruhns bis zum Sturm bei Bach und dem stillen Schwan von Saint-Saëns: Das Wasser floss den ganzen Abend über.

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