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Eine Stimme so rein wie der klare Himmel

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· 5 Min. Lesezeit
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Eine Stimme so rein wie der klare Himmel

**** In seiner neuesten Aufnahme übernimmt Philippe Jaroussky eine der beliebtesten musikalischen Ikonen: Orfeo, den Sänger, der seine geliebte Euridice aus dem Tod zurückholt. Dabei rückt er die Zeit ein wenig vor, vom Barock zur Klassik. Selbstverständlich ist dies seine wiederholte Glanzrolle.

Christoph Willibald Gluck ist in der Musikgeschichte als der Komponist der Reformoper bekannt. Ihm reichte es, dass Sänger mit Verzierungen prahlten, nur um mit den vokalen Akrobatien ihrer Stimme zu protzen, und er wollte, dass jede Wendung und Färbung eine dramatische Bedeutung hatte und die Psychologie des Charakters widerspiegelte. Orfeo ed Euridice ist dabei ein Referenzwerk. Gluck wurde dabei von seinem Librettisten, dem Neapolitaner Raniero de Calzabigi, unterstützt, der mit der "tragédie lyrique" von Lully und Rameau vertraut ist.

Die mythologische Geschichte der Liebenden Orfeo und Euridice ist natürlich bekannt, mit dem tragischen Ende, dass Orfeo der Versuchung nicht widerstehen kann zu schauen, ob seine Geliebte ihm wirklich aus der Unterwelt folgt und sie zum zweiten Mal verliert. In Glucks Version gibt es nach der Operntradition jener Zeit ein "lieto fine", ein Happy End: Die Liebenden werden für ihre absolute Treue belohnt und Amor erlaubt ihnen, gemeinsam die Hölle zu verlassen.

Bei der Uraufführung in Wien 1762 wurde Orfeo von einem Alt-Kastrat, Gaetano Guadagni, gesungen. Jetzt wird die Partie normalerweise mit einem Mezzosopran oder Alt besetzt, oder sehr oft, und wie in dieser Aufnahme, mit einem Countertenor. Jaroussky erklärt, dass die legendäre Figur des Orfeo einen Sänger besonders fasziniert. "Er ist halb Mensch, halb Gott und er nutzt die Kraft seiner Stimme, um die Furien für sich zu gewinnen, wenn er die Unterwelt betritt. Das gibt dem Charakter eine andere Dimension gegenüber anderen Opernrollen. Wenn die Stimme Orpheus' göttlichen Aspekt verklangt, dann wird sein menschlicher Aspekt in seinem Zweifel vertreten."

Unwiderstehlich schön

Dass Jaroussky eine der talentiertesten Countertenor-Stimmen des Augenblicks ist, daran kann niemand zweifeln. Die Art und Weise, wie er in dieser Aufnahme auch die immer intensiveren Gefühle des Orfeo verklangt, ist bewunderungswürdig. Von dem Moment an, als sein Klagelied in der ersten Szene den Chor mit dem schmachtenden Ausruf Euridice unterbricht, bist du von seiner Tragik gefesselt. Du spürst die Spannung, die ihn antreibt, seine Geliebte zurückzugewinnen. Die Dünne seiner extrem hohen Stimme verstärkt das Trauernde, aber in den frühen Szenen neigt es manchmal zur Monotonie. In der Arie in der fünften Szene Che puro ciel, che chiaro sol ist die Stimme so rein wie der Himmel, den sie beschreibt. Es klingt intensive Trauer und Angst, obwohl diese perfekte Countertenor-Stimme für mich auch oft etwas Künstliches hat. Ab der sechsten Szene, als Orfeo zusammen mit Euridice den Weg aus der Hölle antritt, ist die Interpretation unwiderstehlich schön. Du lebst mit der Spannung und der Angst des Orfeo mit, mit seiner erzwungenen Pseudo-Gleichgültigkeit und mit dem Unverständnis der Euridice. Die Farbe, die in dieser Szene in die Stimme gelegt wird, setzt Akzente bei den Worten und steigert die Bedeutung, zum Beispiel in der berühmten Arie Che farò senza Euridice. Gluck wie er es sich geträumt hat, vermute ich.

Auch die beiden anderen Interpreten sind ausgezeichnet. Emöke Baráth hat eine gleichmäßige hohe Stimme mit viel Ausdruckskraft. Sie erweckt die Geschichte zum Leben und du glaubst an ihre Warnung. Amanda Forsythe ist zart und fragil als Euridice. Darüber hinaus ist der Coro della Radiotelevisione Svizzera wunderbar, mit einer herrlichen Harmonie zwischen den verschiedenen Stimmen und mit viel Wechselwirkung mit den Solisten. Wie zu erwarten spielt das Orchester I Barocchisti unter der Leitung von Diego Fasolis gewandt und rhythmisch, aber mit viel Raffinesse. Die Instrumente haben oft eine konzertierende Rolle mit der Stimme und werden so oft gleichsam zu Mitspielern in der Geschichte, was sich zum Beispiel stark in der Arie Che puro ciel zeigt. Chor und Orchester haben sicher einen wichtigen Anteil am Gesamtergebnis der Aufnahme. Die Qualität der Aufnahme ist an sich so stark, dass es kaum eine Rolle spielt, dass Fasolis und Jaroussky sich hier für die Version entschieden haben, die zwölf Jahre nach der Uraufführung 1774 in Neapel aufgeführt wurde. Euridice hat eine andere Arie in der sechsten Szene Tu sospiri…ti confondi, die das Original Che fiero momento ersetzt und der Koloratursoprannistin Anna de Amicis Buonsollazzi dienen sollte. Auch das Duett Vieni appaga il tuo consorte wurde verändert, allerdings nicht von Gluck selbst. So hat Erato mit dieser Aufnahme gewissermaßen eine Premiere von Glucks Orfeo ed Euridice. Wer die Oper in dieser Version live und szenisch in der Regie von Robert Carsen sehen möchte, kann dies im Théâtre des Champs-Elysées in Paris und in der Opéra Royal im Palast von Versailles tun.


  • WAS: Christoph Willibald Gluck (1714-1787) | Orfeo ed Euridice
  • WER: Philippe Jaroussky, Amanda Forsythe, Emőke Baráth, I Barocchisti u.L.v. Diego Fasolis, Coro della Radiotelevisione Svizzera
  • AUSGABE: Erato 0190295707941
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