Das Programm dieses Rezitals von Lore Binon und Inge Spinette passt perfekt zum Thema des Leuven-Musikfestivals, das eine Brücke zwischen dem zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhundert schlagen möchte. Es bestätigt gleichzeitig die Aufmerksamkeit von Festival 20·21 für qualifizierte Interpreten. Denn ein besseres Duo für diese Lieder über zerbrechliche Liebe, träumerische Traurigkeit und Melancholie ist kaum vorstellbar.
Die CD mit diesem Programm (veröffentlicht bei Fuga Libera – Rezension KC, Dezember 2017) wurde von Klassiek Centraal mit einem Goldenen Label ausgezeichnet, das anlässlich dieses Konzerts in der Sint-Geertruikerk in Leuven verliehen wurde. Wir konnten uns über diese Auszeichnung freuen, denn die Live-Aufführung bestätigte den atmosphärischen und äußerst subtilen Ansatz des Duos. In ihrer sehr sorgfältigen Auswahl wählten Lore Binon und Inge Spinette nicht nur Lieder von Claude Debussy und Reynaldo Hahn aus dem Gedichtband Les poètes maudits, in dem Paul Verlaine Gedichte von sich selbst und von gleichgesinnten Dichtern wie Arthur Rimbaud und Stéphane Mallarmé sammelte. Sie kombinierten diese darüber hinaus kühn mit Liedern aus dem elegischen und beschaulichen Zyklus Apparition, den der zeitgenössische Komponist George Crumb 1979 komponierte. Stille Lieder über den Tod, die wunderbar zu der symbolistischen Thematik der Lieder aus der französischen Fin de Siècle passen.
Lore Binon ist eine ideale Interpretin für dieses Repertoire. Wir haben sie inzwischen bereits als wunderbare Mélisande in der Produktion Impressions de Pelléas von Marius Constant erlebt (produziert in der vorherigen Ausgabe des damals noch Festival Transit Leuven genannten Festivals und anschließend an anderen Orten aufgeführt – Rezension KC, August 2018). Sie sieht einfach wie die zarte Frau aus, die zu dieser Art von Musik passt, und wählt zudem eine durchdachte Garderobe. Aber vor allem: Mit haarfeinen Fäden ihrer sanft gefärbten Stimme nimmt Binon dich mit in das unwirkliche Netz dieser Poesie. Zart und schwindelerregend verfeinert singt sie die subtilen Melodien, geschmeidig und sinnlich, ohne an Ausdruck und Aussagekraft einzubußen. Dass die Diktion nicht jedes Wort klar verständlich macht, wird zur Nebensache, denn der Hörer lässt sich auf den Klängen von Wort und Klavier mittreiben.
Inge Spinette ist ausgezeichnet mit der Stimme vertraut. Sie ist eine besonders einfühlsame und textbewusste Pianistin und begleitet die Sängerin mit samtenen Fingern und unablässiger Aufmerksamkeit. Einige Solostücke – nahtlos in das Rezital verwoben – sind reine Geschmacksverstärker sowohl der Melancholie als auch der Verfeinerung. Darüber hinaus wechselt sie für die Stücke von George Crumb von einem Steinway aus dem 19. Jahrhundert zum modernen, amplified piano. Eine Illustration von Stilbewusstsein.
Ein wunderschönes Konzert. Aber ist dieser Kirchentyp wirklich der richtige Ort für ein so feinsinniges Programm, das detailliertes Zuhören erfordert …?
- WAS: Verdoemde dichters. Claude Debussy, Reynaldo Hahn, George Crumb
- WER: Lore Binon (Gesang) & Inge Spinette (Klavier)
- WO: Sint-Geertruikerk, Leuven
- WANN: Donnerstag, 27. September 2018
- IM RAHMEN VON: Festival 20·21 (Website)