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Rezensionen

Halb-szenisch, vollständig gelungen

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· 6 Min. Lesezeit
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Halb-szenisch, vollständig gelungen

Im Rahmen der Thematik dämonischer Verführung und Befreiung programmierte das Klarafestival in Zusammenarbeit mit der Muntschouwbrug eine in mehrfacher Hinsicht ungewöhnliche Produktion von Strawinskys The Rake's Progress. In ihrer ganzen Einfachheit und Originalität war sie überwältigend und mitreißend. Barbara Hannigan hat ihr Debüt als Operadirigentin nicht verfehlt, und die jungen Sänger machten die minimalistische Regie zu einem Fest.

Die Regie ist zwar minimal, aber es wurden einige Reihen des Parterres herausgebrochen. Das Orchester sitzt nämlich auf der Bühne und die Spielfläche wird mit einem quadratischen Stück im Saal erweitert. Auf dieser Spielfläche steht eine große, graue hölzerne Kiste, die besonders die Neugier reizt. Wie wird damit, darin, darum herum gespielt? Es sieht so aus, als würde sie die Sicht auf das dahinter stehende Orchester behindern. Barbara Hannigan selbst löst das Problem schnell, als sie auftritt: Sie sprüht ein wenig (Pseudo-)Insektizid oder so herum um die Spalten (Desinfektion könnte nützlich sein?), und die Wände der Kiste klappen auf zu einer bespielbaren Fläche. Dann stellt sie sich vor ihr Orchester, und mit enormer Dynamik bricht das kurze Vorspiel von Strawinskys Oper los. Die Sänger sitzen am Rand der Box. Nur Tom Rakewell sitzt einsam und träumerisch in der Mitte. Der Ton ist gesetzt, die Aufmerksamkeit geweckt, die Geschichte kann beginnen.

The Rake's Progress von Igor Stravinsky ist die bizarr Geschichte von Tom Rakewell: ein junger Mann, der mit einem lieben und einfachen Mädchen vom Lande verlobt ist. Ihr Vater möchte zunächst die Garantie, dass er seine Tochter nicht einem Taugenichts gibt. Tom nimmt das Leben einfach, möchte aber trotzdem die Welt zu seinen Füßen haben. Er lässt sich von einer betrügerischen Figur, Nick Shadow, in Fesseln schlagen: eine Art Mephisto, der ihn in einem Jahr zugrunde richtet. Nach den Versuchungen des perversen Stadtlebens und einer arrangierten und gescheiterten Ehe mit einer Frau mit Bart, Baba the Turk, verlangt Nick Shadow Rechenschaft. Tom gibt sich noch nicht geschlagen und gewinnt das Kartenspiel, das über sein Leben entscheidet. Shadow bemächtigt sich darauf seines Verstandes. Tom wird verrückt und verbringt seine Tage in einem Irrenhaus, wo Anne ihn ein letztes Mal besucht.

Einfach aber effizient

Abgesehen von Tom Rakewell, in einer weißen Hose und Hemd, zu dem je nach Szene eine ordentliche Weste oder Jacke angezogen wird, sind alle in Schwarz gekleidet, mit weiten lockeren Hosenröcken. Die Kleidung wirkt viktorianisch oder sieht wie eine stilisierte moderne Version der Hogarth-Zeichnungen aus, auf denen Strawinsky seine Oper basierte. Das Umkleiden findet einfach auf der Bühne statt. So sieht man zum Beispiel, wie Baba The Turk ihren Bart und ihren eleganten Kopfschmuck anzieht. Die Requisiten liegen in schwarzen offenen Kästen am Rand der Spielfläche bereit, alles sehr effizient. So einfach kann Schauspiel sein – und doch wird das Publikum von Szene zu Szene in seinen Bann gezogen.

Die Regie ist voller überraschender Einfälle, die nie zu weit hergeholt wirken. Eine auffallende Konstante ist die schwere Kette, an der Nick Shadow die ganze Aufführung lang hängt. Wie ein Cerberus aus der Unterwelt, wohin er Rakewell schließlich auch zieht. An seinen bösen Absichten und dem subtilen Spiel, um Rakewell in seiner Gewalt zu halten, kann er selbst nicht entkommen. Für die Szene mit den Huren oder die der Versteigerung von Babas Habseligkeiten wird viel der Vorstellungskraft des Zuschauers überlassen, aber die jungen Sänger spielen so ausdrucksvoll, dass es dank ihrer aussagekräftigen Gesten und vokalen Ausdruckskraft sicherlich kein Mangel in der Aufführung ist. Die Szene mit der Brotmaschine ist ein witziger Trick mit drei Spielern und tatsächlich ein paar Steinen, die zu Brot werden. Auch die Beleuchtung wirkt ab und zu Wunder. Eine unbestreitbar fantastische Leistung des schwedischen Regisseurs und Lichtdesigners Linus Fellbom.

Erstes Meisterwerk

Das Engagement der Sänger ist fast greifbar. Barbara Hannigan kann mit Recht stolz auf ihre Initiative dieses "Mentorprogramms" namens Equilibrium sein, bei dem junge Sänger, die auf der Schwelle zum Beruflichen stehen, eine Chance bekommen. Die Gesangspartien streifen jedoch häufig an die Grenze der Dissonanz und neigen zu rhythmischem Sprechgesang. Der Dirigent steht überdies hinter ihnen und kann sie also nicht viel unterstützen! Elgan Llŷr Thomas ist ein ausgezeichneter Tom Rakewell, der mit kräftigem und fließendem Tenor zugleich entwaffnend und kraftvoll seinem Untergang entgegen geht. Anne Trulove ist eine fast feministische Aphrodite Patoulidou, die ihre tragische Liebe mit Realitätssinn erlebt, aber auch ergreifend ist. Eine starke Stimme, die ein pianissimo schön halten kann, aber in den hellen Passagen häufig ein zu starkes Vibrato hat. Nick Shadow (Yannis François) spielt, als wäre er ein geborener Halunke, und jede seiner Auftritte beherrscht er meisterlich. Er wurde zwar mit Bronchitis angesagt, und man hörte, dass er an manchen Stellen seine Stimme deutlich sparte. Oder sparen musste. Schade, denn selbst so warst du von seinem Potenzial überzeugt. Glücklicherweise hat er das Ende der Aufführung geschafft. Auch die anderen Partien verdienen durchweg Anerkennung. Selbstverständlich erwähnen wir den geschickten Beitrag des Vlaams Radio Koor, einstudiert von Bart Van Reyn. Er wurde auf lustige Weise in die Aktion einbezogen.

Barbara Hannigan ist als Dirigentin nicht unerfahren - siehe die Rezension auf Klassiek Centraal der CD Barbara got rhythm. Dies ist jedoch ihr erstes Abenteuer als Operndirigentin. Sie war mit dem LUDWIG Orchestra in guter Form und besonders in den stark rhythmischen Passagen - und davon gibt es einige in dieser Oper - in ihrer besten Form. Vielleicht war dies für sie daher auch eine ideale Wahl, um als Dirigentin ihr Operndebüt zu machen. Die Spannung war definitiv vorhanden. Die Bläser (Fagott, Trompete) sorgten für die markantesten Passagen. In den mehr lyrischen Momenten vermissten wir etwas Detaillierung und Feinfühligkeit der Streicher. Die Recitativvorträge der fein klingenden Cembalistin waren bemerkenswert gelungen.

Ich wage zu behaupten, dass diese Aufführung sicherlich zu den Höhepunkten des Klarafestivals gehören wird. Da Klara die zweite Aufführung (vom 26. März) live überträgt, könnte eine Wiederholung zu einem späteren Zeitpunkt durchaus möglich sein. Das wäre sicherlich die Mühe wert.


  • WAS: The Rake's Progress | Igor Stravinsky (1882-1971)
  • REGIE: Linus Fellbom
  • STIMMEN: Aphrodite Patoulidou, Elgan Llŷr Thomas, Yannis François, Fleur Barron, Antoin Herrera-Lopez Kessel, James Way
  • MUSIK: Ludwig Orchestra u.d.L. Barbara Hannigan, Vlaamse Radio Koor u.d.L. Bart Van Reyn
  • WO: De Munt, Brussel
  • WANN: Montag 25. März 2019
  • ORGANISATION: Klarafestival 2019
  • FOTO: © Mats Bäcker
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