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Rezensionen

Hart, kühl und unbarmherzig

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· 7 Min. Lesezeit
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Hart, kühl und unbarmherzig

Die Uraufführung von Les Bienveillantes, mit der Intendant Aviel Cahn sich von Opera Vlaanderen verabschiedet, schlägt hart zu. Von Regisseur Calixto Bieito konnten wir natürlich keine unverbindlichen Bildchen erwarten. Den Komponisten Hèctor Parra lernen wir mit dieser neuen Oper sofort als unerbittlichen Klangvirtuosen kennen. Glücklicherweise können sie mit ausgewählten Solisten arbeiten: sie machen die Oper ergreifend verdaulich. Oder ist es verdaulich ergreifend?

Der katalanische Komponist Hèctor Parra (°1976) wurde von Regisseur Calixto Bieito angespornt, basierend auf dem Roman von Jonathan Littell, der 2006 den Prix Goncourt gewann, eine Oper zu komponieren. Librettist Händl Klaus verrichtete die Titanenarbeit, den umfangreichen Roman zu einem Libretto umzuarbeiten. Aviel Cahn wollte nach den Erfolgen von Bieito in Opera Vlaanderen noch eine weitere Inszenierung von ihm auf die Bretter bringen. Les Bienveillantes ist keine historisch verankerte Geschichte von Deportation oder Holocaust. Dennoch haben die Charaktere darin alles damit zu tun. Die Handlung ist in den Geist der Hauptfigur Max Aue gelegt. Es ist „ein Abstieg in den halluzinatorischen Geist der Hauptfigur", wie der Pressetext sagt. Diese Figur steht daher ständig auf der Bühne und verkörpert die – nach seiner eigenen Aussage – längste bestehende Opernrolle! Max Aue kehrt in seiner Erinnerung zur Zeit des Nationalsozialismus zurück, in der er an der Vernichtung der Juden in den Konzentrationslagern mitschuldig war. Es ist alles andere als eine anekdotische Geschichte der Lager oder ihrer Opfer. Es ist eine „geistige Abrechnung", die Max Aue erlebt, als ein Rückblick auf Tatsachen und Ursachen dieser Tatsachen. Der Kontext ist historisch, aber die Geschichte konzentriert sich nur auf die Psychologie und die zwischenmenschlichen Beziehungen, die Max Aue erlebt hat. Als eine geistige Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit. Es ist vielleicht das Wunder dieser Produktion – und sicherlich der Inszenierung und der Darsteller – dass sie vielleicht gerade durch Cast und Dekoration noch stärker beim Zuschauer ankommt.

Konzentrationslager und Inzest

Die Oper beginnt mit einem Bild des ordentlich und elegant gekleideten Karrieremitarbeiters Max Aue in einem rein weißen Büro mit kühlen Neonlampen. Aber sobald die innere Reise des kultivierten bürgerlichen Intellektuellen beginnt, landen wir bald in einer (buchstäblich) schmutzigen Welt von Grausamkeiten, Mördern und Profiteuren. Je tiefer wir in das Leben und den Geist von Max Aue eindringen, desto härter und beißender wird die Oper. Trotz seines anfänglichen äußeren Anstands dringen wir immer tiefer in die schmutzige innere Welt von Max Aue ein. Seine Kindheit befleckt durch Inzest mit seiner Zwillingsschwester, eine Beziehung, die sein Leben beherrscht und gleichzeitig das zweite Hauptthema der Oper ist. Sie wird unter praktisch allen möglichen Aspekten beleuchtet und erhält auch ein visuelles Pendant mit zwei kleinen Zwillingsbrüdern, die kindliche Fantasiezeichnungen an den mittlerweile verschmutzten weißen Wänden der Kulisse anfertigen. Auch die sexuellen Fantasien der schrecklichen Lager werden ohne Rücksicht dargestellt. Der Höhepunkt ist die nackte Frau, die zum Strang verurteilt ist und zum Objekt abscheulichen Missbrauchs wird. Eine physisch anspruchsvolle Leistung der Schauspielerin!

Physisch werden noch ein paar erschöpfende Haltungen verlangt, wie der junge Mann, der ermordet auf dem Vordergrund der Bühne liegt, oder Una (Rachel Harnisch), die in der langen Szene (Air) des perversen Inzests in der Hocke bleibt. Dass Aue dennoch auch eine (wenn auch weniger beleuchtete oder ohnehin weniger ausgesprochene) verfeinertere Seite seiner Persönlichkeit hat, soll sein (enttäuschter) Wunsch nach Musik zeigen. Bach ist sein musikalisches Vorbild und er hätte Pianist werden wollen. Das passt auch zum Bürgermilieu, zu dem seine Eltern gehören. Dieses (einzige!) zartere Element des Inhalts liefert das sublime Bühnenbild der Klavierin, die unmerklich in die Höhe gehoben wird – die Sarabande aus einer Bach-Suite spielend. Endlich ein Stück Lyrik in der brutalen Welt von Max Aue … Eine kleine Erleichterung für den Zuschauer, der allmählich auf eine Pause hofft, im wörtlichen Sinne!

Die Axt, die bei einigen schauderlichen Momenten in der Geschichte vorkommt, sorgt für eine klare Verbindung zur griechischen Schicksalstragödie des Orest, von dem von seiner Schwester Elektra erwartet wird, dass er mit einer Axt seine Mutter tötet. Es sorgt übrigens auch für eine musikalische Anspielung auf Richard Strauss.

Die lange Szene mit der Inzestgeschichte im vorletzten Teil (Air) ist zu explizit. Als ob Librettist, Komponist und Regisseur es genießen würden, dem Zuschauer den Höhepunkt der Perversion in den Hals zu stopfen. Ich kann nicht mit der verwendeten Sprache im Buch vergleichen, aber solche Sexbegriffe in der Intimität einzelner Lektüre zu lesen ist noch anders, als sich ihnen auf einer Bühne gegenüber zu sehen. Schade auch, dass die letzte Szene (Gigue) so sehr ausgesponnen ist, am Ende eines bereits sehr langen Sitzens. Was dort für „Humor" gelten soll, kommt nach drei Stunden Grausamkeit, Schmutz und Sex überhaupt nicht an, wo kein einziger Lichtblick oder Anflug von Ironie oder Humor vorgekommen ist. Die Szene wirkt eher lächerlich und vor allem unangebracht und langweilig. Schade und eher ein Antiklimaks nach der aufgebauten Spannung. Nur die „Rettung" von Max Aue durch die „Wohlwollenden" („Les Bienveillantes" oder die Eumeniden aus der griechischen Tragödie) bietet dann noch einen überraschenden und schönen Orgelpunkt.

Musikalische Gewalt, einzigartige Leistung

Ist der inhaltliche Ton und die Sprache des Librettos alles andere als verhüllend, so wählt auch die Musik die Karte der Unmäßigkeit und Gewalt. Komplexe Orchestermassen und heftig konstruierte Cluster stürmen unaufhörlich auf den Zuhörer ein. Ebenso großzügig wie die Obszönität, mit der die Szene überschwemmt wird. Die gesetzten Akzente sind jedoch eindeutig dramatisch abgegrenzt und eindringlich. Die Struktur ist Littells Roman entnommen: die Teile einer Barocksuite von Bach. Auch Bachs Johannespassion durchdringt die Oper als eine Schicht, die das Leiden der Menschheit ausdrückt. Aber neben dem Liturgischen eines Oratoriums ist die Struktur auch mit Verweisen auf Babi Yar von Shostakovich, Wozzeck von Alban Berg (Herr Doktor!), Bruckner, Richard Strauss, den Theresienstadt-Komponisten Viktor Ullmann oder banale Nazi-Lieder gefüllt. Die vokale Sprache ist alles andere als melodisch: die Sänger müssen über ein außergewöhnliches Talent für Sprechgesang verfügen, aber dann mit äußerst anspruchsvollen Tonalitäten und manchmal schreiender Höhe. Besonders Natascha Petrinsky (die Mutter Heloïse) beherrscht dies meisterhaft. Sie beherrscht ihre grauenhafte Mutterrolle bewunderungswürdig sowohl vokal als auch schauspiellerisch. Auch Rachel Harnisch ist phänomenal als Una, die Zwillingsschwester von Max. Was Peter Tantsits als Max Aue leistet, ist einzigartig. Er verkörpert Grausamkeit, Dominanz, Angst, Leiden, Leidenschaft, Bürgerlichkeit, Sex und Nacktheit, als wären sie alle Schichten seiner eigenen Persönlichkeit. Echt und ohne Pose. Vokal und unerschrocken physisch. Wer könnte dies jemals erreichen?! Der Chor spielt eine sehr ausdrucksstarke Rolle und ist wie das Orchester meisterhaft unter der Leitung von Peter Rundel. Ein Meisterzug eines Orchesters, das eine extrem schwere Aufgabe zu einem guten Ende bringt.

Der Komponist betitelt seine Oper als „most terrible crazy project". Tatsächlich! Es ist wie ein Schlag in den Magen eines rebellischen scheidenden Intendanten: schaut, was ich euch zum Abschluss noch in den Hals zu schieben wage …


  • WAS: Hèctor Parra (°1976) | Les Bienveillantes
  • REGIE: Calixto Bieito
  • STIMMEN: Peter Tantsits, Rachel Harnisch, Natascha Petrinsky, Günter Papendell, David Allegret, Gianluca Zampieri
  • ORCHESTER: Symfonisch Orkest Opera Vlaanderen, Koor Opera Vlaanderen u.L.v. Peter Rundel
  • WO: Opera Vlaanderen Antwerpen (bis 2. Mai) – danach auch in Gent (12., 14., 16. und 18. Mai 2019)
  • WANN: Sonntag, 28. April 2019
  • FOTO: © Annemie Augustijns
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