Wie Sie in der Rezension unserer Mitarbeiterin Arlette Hellemans lesen können, fand in der Sint-Romboutskathedraal in Mechelen ein besonderes Benefizkonzert statt, das von der Koninklijke Muziekkapel van de Gidsen aufgeführt wurde.
Das Harmonieorchester existiert bereits seit 1832 und ist damit das älteste professionelle Musikensemble des Landes. Man kann sich allmählich auf den 200. Jahrestag dieses international renommierten Ensembles freuen. Das Konzert begann mit einer Bearbeitung von Arthur Prévost (9. Juli 1888 - 10. Juni 1967) von Johann Sebastian Bachs berühmter Toccata und Fuge für Harmonieorchester. Eine sehr gelungene Bearbeitung, die als Vorbild für viele andere dienen kann.
Das zweite Werk passte in den Rahmen des Konzerts, das das Ende des Zweiten Weltkriegs gedachte, eines Krieges, der viel Leid brachte und bei dem, besonders im Fall von Mechelen, nicht nur auf die Zivilopfer verwiesen wurde, die durch die Gewalt der deutschen Armee fielen, sondern auch auf die vielen Hunderte, die bei sehr schweren alliierten Bombardierungen ums Leben kamen. Der anwesende Komponist berichtete nach dem Konzert, dass er zutiefst bewegt von der Aufführung sei und dass von allen Ensembles, die er kenne – es gibt viele in den USA – keines in der Lage wäre, es so perfekt verständnisvoll zu interpretieren wie die Muziekkapel van de Gidsen.
So wurden diese Toten geehrt und dafür wurde ein neues Werk des amerikanischen Komponisten Ch. Marshall ausgewählt. Er komponierte im April 2024 zum Gedenken an seinen geliebten Partner 'Remembrance'. Ein Werk, das bis ins Mark geht, das sofort Gänsehaut beim Hörer verursacht. Es ist sehr melodisch, harmonisch, warm, verträumt, packend. Man spürt den Verlust und doch die lebendige Einheit und Hoffnung. Alles in allem ergreifende Schönheit, ein großer Bogen voller Liebe, Liebe mit großem L.
Die Enigma Variationen – sechs der vierzehn wurden aufgeführt – hatten einen echten „Wow-Effekt". Meisterhaft. Man sieht einen Dirigenten, Yves Segers, am Werk, der mitfühlt, der vermittelt, der ausdrückt, der das Orchester durch die richtige Mimik und Gesten zu einer sehr starken Einheit macht, die genau allen musikalischen Anforderungen folgt. Ich möchte ausdrücklich festhalten, dass dieses Orchester vielleicht das beste große Ensemble unseres Landes für alle (Blasmusik) vom 19. Jahrhundert bis heute ist. Die Muziekkapel van de Gidsen genießt schon immer internationale Anerkennung und das war und ist absolut berechtigt. Das Orchester geht mit diesem Schwung weiter. Möge es der Musik noch lange im Dienste aller ihr zugewiesenen Aufträge und Gelegenheiten stehen.
Das zweite Werk eines zeitgenössischen Komponisten, das dich zeitweise fast buchstäblich aus deinem Sessel blies – so viel Kraft und Dezibel – war die erste Symphonie 'Symphony Hell & Heaven' des spanischen Komponisten Oscar Navarro (°1981). Geniale Musik. Er malt einen fast angsteinflößenden Unterschied zwischen Himmel und Hölle, aber man hört auch die Frage gestellt, ob es noch etwas nach unserem irdischen Leben gibt und falls ja, was ist es dann? All diese bekannten Fragen, die sich jeder schon mal stellt, weiß er meisterhaft zu interpretieren. Man hört ein Angelusglöckchen, man hört betende Religiöse, man hört sanfte himmlische breite, gebundene, träumerische Sätze und höllische, heiße feurig lodernde, alles pulverisierende Klänge eines vollen Orchesters in dreifachem Fortissimo. Das Werk endet in einer atemraubenden Apotheose. Es wird also doch noch etwas nach unserem vergänglichen Dasein in dieser Welt geben?
Das Konzert endete mit obligatorischer Marschmusik – es bleibt eine Militärmusikkapelle – des belgischen Heeres. Dass eine stehende Ovation folgte, war das Mindeste, das das Publikum tun konnte, um anzudeuten, was für einen einzigartigen Abend es gerade erleben durfte.