Wenn Musik von Georg Friedrich Händel (1685-1759) erklingt, ist es ein Fest. Mit ihrem unverkennbaren Gespür für das Dramatische nahmen sich Le Concert Spirituel und Hervé Niquet am Sonntag, 29. Juni zwei Monumente aus Händels englischer Periode vor: das feierliche "Te Deum for the Victory at the Battle of Dettingen" und die imposanten "Coronation Anthems". Diese Werke, komponiert zur Ehre und zum Ruhm der englischen Krone und Nation, wurden von Niquet nicht nur aufgeführt, sondern erhielten während des prestigeträchtigen Festival Musiq3 in Flagey einen neuen, verspielten Atem.
Niquets eigenwillige Herangehensweise an Händel
Wenn sich Niquet einem Werk von Händel widmet, ist es nicht einfach eine Interpretation, die man erwarten darf, sondern eine eigenwillige, musikalische Reise. Als Kenner der Barockmusik und leidenschaftlicher Verfechter des großen Barockrepertoires entschied er sich entschlossen für eine Aufführung, die auf den Ursprung zurückgriff, sowohl in Bezug auf die Orchestrierung als auch auf die Aufführungspraxis. Was jedoch in Niquets Lesart besonders auffiel, war seine ästhetische Wahl, die Solopartien kollektiv vom Chor vortragen zu lassen. Diese Entscheidung ist nicht einfach eine künstlerische Wahl, sondern eine Widerspiegelung der zeremoniellen und theatralischen Dimension, die Händel häufig in seine Musik verwebt.
Der Chor, der seine Rolle als Kollektiv vollständig annahm, brachte eine zusätzliche Tiefe in Text und Musik, doch an der Aussprache des Englischen muss noch etwas geschliffen werden. Die Altstimmen verdienen Lob, denn sie kamen in den Solopassagen sehr schön zur Geltung. Wenn Streicher und Chor zusammen musizierten, stimmte die Balance. Wenn jedoch die Trompeten und Pauken hinzukamen, übertönten sie oft die anderen Musiker.
Die Thematik der Coronation Anthems
Das Te Deum wurde klassisch und korrekt vorgetragen, doch eigentlich wurde die ganze Aufmerksamkeit schon von Anfang an zum zweiten Teil, den Coronation Anthems, gezogen. Dadurch, dass der Chor in Sommerkleidung spielte – und Niquet barfuß dirigierte – und bestimmte Rhythmen sehr tanzbar und verspielt waren, wurden diese erhabenen Anthems etwas entmystifiziert. Die veränderte Reihenfolge der Stücke ist nachvollziehbar, da diese Anthems separat zu verschiedenen Zeiten während der Krönungszeremonie gespielt wurden. Inhaltlich gibt es jedoch in der normalen Reihenfolge einen roten Faden. Eigentlich sollten diese Anthems bei jedem Hochfest der Demokratie gespielt werden, denn sie bilden eine interessante Reflexionsübung für Politiker durch die eindeutigen Appelle an die Machthaber, die darin enthalten sind.
Als erste Anthems erklang "The king shall rejoice" (Anthem 3). "Salvation" wurde tiefgründig vorgetragen; das Alleluia erhielt dann wieder eine etwas schelmische Interpretation mit einer ungewöhnlichen Betonung auf "ha-ha". Als wollte man die Freude / das Lachen hinaussingen, weil es wieder einen König gibt, oder wollte man hier etwas Dampf ablassen angesichts der schweren Aufgabe, die den Fürsten erwartet?
Danach erklang "Let thy hand be strengthened" (Anthem 2) verhalten. Für mich war dies der beste Teil des Konzerts. Es gab einen berechtigten Moment der Stille und Besinnung inmitten all des musikalischen Festgetümmels bei "Let justice and judgement be the preparation of thy seat; let mercy and truth go before thy face.", so notwendig in unserer verrückten Welt!
Anschließend wurde "My heart is inditing" (Anthem 4) sehr dynamisch vorgetragen, doch wurde dem Schlussteil, der normalerweise auch einen klaren Appell als Schlussakkord enthält, gebührende Aufmerksamkeit geschenkt: "Kings shall be thy nursing fathers, and queens thy nursing mothers."
"Zadok the Priest" (Anthem 1) erklang als Kirsche auf der Torte am Ende. Man wurde überrascht, wenn man mit der Melodie des UEFA-Pokals im Kopf zuhörte. Die Eröffnung begann etwas tanzbar und der Einsatz von Zadok erklang eher verhalten still. Auch das erste "God save the King" wurde leiser als normal gesungen, um sich danach weiter zu einem Crescendo zu entwickeln. Diese Arbeitsweise war interessant und warf ein neues Licht auf ein platt gespieltes Stück.
Niquet als stürmischer Dirigent und die Balance zwischen Humor und Ernst
Niquet feuerte sein Ensemble mit großem Eifer an, doch man musste sich erst an die Witze zwischen jedem Anthem (durch Mimik oder eine Bemerkung) gewöhnen, die mich mit der Zeit anfingen zu stören. Es gelang Niquet jedoch, Händels Musik nicht nur mit technischer Virtuosität vorzutragen, sondern sie in neuem Licht zu präsentieren. Es war ein überschwänglicher Händel: eine Symbiose aus Größe und Anmut, Präzision und Begeisterung. Hier wurde Musik nicht nur gespielt, sondern kam als lebendiges Tableauvivantin Leben, das den Hörer kurzzeitig aus der Zeit hob.