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Sozial-künstlerisch

'Iedereen Meeuw': eine Oper, die noch dabei ist, Möwe zu werden

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'Iedereen Meeuw': eine Oper, die noch dabei ist, Möwe zu werden
© Fréderique Vanvlasselaer.

Am Freitag, den 7. August, erhielt das Publikum des Theater aan Zee in Oostende einen ersten ausführlichen Einblick in Iedereen Meeuw, eine partizipative Opernproduktion, die im kommenden Jahr zu einer vollwertigen Aufführung heranwachsen soll. Es war eindeutig eine Try-out: kein fertiges Produkt, sondern eine Momentaufnahme eines langen kreativen Prozesses, in dem Komponist, Theatermacher, professionelle Musiker, Sänger und Performer mit sehr unterschiedlichen Hintergründen zusammen ergründen, was diese Oper werden kann.

Iedereen Meeuw wird produziert von dem Oostendse Kunsthaus kleinVerhaal, in Zusammenarbeit mit einem ausgedehnten Netzwerk von Organisationen, die jeweils aus ihrer eigenen Tätigkeit heraus Menschen in das Projekt einbinden und begleiten. Zu diesen Partnern gehören unter anderem De Figuranten, Wit.h, Tartaren und der Stadskoor Kortrijk. Letzterer steht unter der Leitung von Dirigent Diederik Glorieux und bildet eine wichtige vokale Kraft innerhalb der Produktion. Die Musik stammt von Peter Vermeersch, bekannt als Komponist und Spiritus Rector der Flat Earth Society. Michiel Soete zeichnet für die Regie verantwortlich, Fikry El Azzouzi für das Libretto.

Wer bei „partizipativer Oper" spontan an einen professionellen künstlerischen Kern denkt, um den herum dann eine Gruppe von Amateuren versammelt wird, sieht bei Iedereen Meeuw nur einen Teil dessen, was geschieht. Die Produktion bringt Menschen zusammen, die aus sehr unterschiedlichen Positionen teilnehmen: Einige haben eine professionelle Ausbildung als Musiker, Sänger oder Schauspieler, andere nicht. Einige stehen bereits seit Jahrzehnten auf Bühnen, andere betreten einen Theaterraum aus einer sozialen Organisation oder einer Chorpraxis heraus. Aber während der Proben entsteht nicht einfach ein Gegensatz zwischen Künstlern und Teilnehmern. Jeder nimmt teil aus seiner eigenen Fachkompetenz, Erfahrung, Stimme und Präsenz heraus.

Das macht die künstlerische Konstruktion besonders komplex. Vermeersch schreibt Musik für ein bunt zusammengesetztes Ensemble, in dem unter anderem professionelle Musiker, Sänger, Chormitglieder und Performer zusammenkommen. Soete inszeniert nicht nur die Bewegungen und theatralen Situationen, sondern greift während der Proben auch ein in die Art, wie Texte klingen und gesungen werden. Die Grenze zwischen musikalischer und theatraler Regie erweist sich dadurch als ständig beweglich. Auch die endgültige Form der Aufführung entsteht nicht erst auf dem Papier, um dann von der Gruppe ausgführt zu werden. Sie entwickelt sich in der Arbeit mit dieser konkreten Gruppe von Menschen.

Die Try-out machte deutlich, wie viel Material inzwischen bereits aufgebaut worden ist. Es gibt eine ausgesprochene visuelle Welt, es gibt Gruppenszenen und individuelle Momente, gesprochene und gesungene Texte, Absurdität, Humor und Passagen, in denen etwas viel Dunkeleres einsickert. Im Mittelpunkt steht eine Gemeinschaft von Wesen, die scheinbar in Routinen gefangen ist: arbeiten, putzen, tun, was getan werden muss, und weitermachen. „Alles ist, was es ist", klingt es an einer bestimmten Stelle. Es ist ein Satz, der fast banal wirkt, aber im Kontext der Aufführung zunehmend an Gewicht gewinnt.
Die Charaktere scheinen sich mit einer Wirklichkeit abzufinden, die nun einmal ist, was sie ist, aber gleichzeitig entsteht gerade innerhalb dieser Wirklichkeit Bewegung, Musik, Zusammensein und manchmal Widerstand. Dieses Spannungsfeld zwischen Erleiden und Handeln verleiht der Aufführung eine besondere Intensität.

Vorläufig ist noch nicht klar, wohin das alles führt. Und genau darin liegt vielleicht eine der interessantesten Aufgaben für den weiteren kreativen Prozess. Der Titel verspricht ja, dass diese Wesen auf irgendeine Weise „Möwe" werden. Während der Try-out sahen wir eine Gemeinschaft entstehen und hörten ihre Sprache und Musik, aber die mögliche Transformation, die im Titel liegt, bleibt noch weitgehend offen. Was bedeutet es, eine Möwe zu werden? Ist es Flucht? Sich über die Umstände zu erheben? Oder vielmehr lernen, mit dem zu leben, was nicht geändert werden kann?

Diese Offenheit muss in dieser Phase kein Mangel sein. Im Gegenteil: Eine Try-out dient gerade dazu, sichtbar zu machen, wo eine Aufführung bereits eine eigene Kraft entwickelt hat und wo noch Raum liegt. Besonders bemerkenswert war vor allem, wie viel bereits vorhanden war. Die Größe der Gruppe, die Unterschiede zwischen den Teilnehmern und die Vielzahl an musikalischen und theatralen Sprachen hätten leicht zu einer beliebigen Collage führen können. Das geschah nicht. Es zeichnet sich deutlich eine Welt ab mit eigenen Gesetzen, einem eigenen Rhythmus und einem immer erkennbareren Universum.

Für ein Projekt wie Iedereen Meeuw wird die letztendliche Bedeutung zudem nicht nur in dem liegen, was das Publikum im kommenden Jahr auf der Bühne sieht. Mindestens genauso interessant ist, wie diese Aufführung zustande kommt. KleinVerhaal und die beteiligten Partner haben sich für einen längerfristigen Prozess (2024-2027) entschieden, in dem Menschen nicht für eine Produktion zusammengebracht werden und dann wieder verschwinden. Der künstlerische Einsatz besteht vielmehr darin, nach Wegen zu suchen, wie all diese verschiedenen Stimmen, Körper, musikalischen Fähigkeiten und Lebensgeschichten wirklich Teil eines Kunstwerks werden können.

Das macht Iedereen Meeuw zu mehr als einer Oper mit einer sozialen Dimension. Die zentrale künstlerische Frage scheint vielmehr zu werden, was geschieht, wenn das Soziale nicht um das Kunstwerk herum organisiert wird, sondern mitbestimmt, was dieses Kunstwerk sein kann.

Die Try-out endete als ausgelassenes Volksfest. Performer, Chor und Orchester setzten das ansteckende Schlusslied „Ik ben een meeuw…" an, und das zahlreich erschienene Publikum ließ sich gerne mitreißen und sang mit. Es war ein einfaches, aber besonders wirkungsvolles Ende, in dem die Grenze zwischen Bühne und Publikum für einen Moment verschwamm. Der Titel der Aufführung wurde so fast wörtlich kollektiv: für einige Minuten schien jeder eine Möwe zu sein.

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