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Junges Europa findet seine Kraft in Rachmaninov

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Junges Europa findet seine Kraft in Rachmaninov
© MUTESOUVENIR / Kai Bienert

Das Konzert des European Union Youth Orchestra (EUYO) ist eine der schönsten Traditionen der Young Euro Classic und lockt zuverlässig einen vollen Konzertsaal. Jahr für Jahr bringt das Ensemble junge Musiker aus den 27 EU-Mitgliedstaaten zusammen, ausgewählt aus Tausenden von Bewerbern. Unter Dirigenten wie Bernard Haitink, Vladimir Ashkenazy und Ivan Fischer hat das EUYO einen Ruf aufgebaut, der weit über den eines gewöhnlichen Jugendorchesters hinausgeht. Unter der Leitung von Elim Chan und mit der spanischen Violinistin María Dueñas als Solistin bestätigte das Ensemble diesen Ruf am Montag, 3. August, im Konzerthaus Berlin, obwohl die Qualitäten der beiden Programmhälften auffallend auseinandergingen.

Raffiniertes Orchester, gemischter Eindruck

Das Konzert eröffnete mit dem beliebten Violinkonzert von Johannes Brahms (1833-1897), einem Werk, das hohe Anforderungen an Solist und Orchester stellt. Das EUYO ließ sofort hören, wie intensiv am Zusammenspiel gearbeitet worden war: der Orchesterklang war schön ausgewogen, die verschiedenen Sektionen hörten scharf aufeinander und die zahlreichen solistischen Passagen wurden mit großer Feinfühligkeit vorgetragen. Dennoch klang der erste Satz anfangs etwas artig; das Orchester schien noch nicht ganz sein volles Gewicht in die Waagschale werfen zu wollen, etwas, das sich in den folgenden Passagen schnell änderte, wenn die jungen Musiker mehr Raum bekamen, ihre Kraft und Spielfreude zu zeigen.

María Dueñas verfügt zweifellos über eine beeindruckende Technik, was sich unter anderem aus der von ihr selbst geschriebenen Kadenz zeigte. Persönlich fand ich diese jedoch etwas langatmig: die Virtuosität war reichlich vorhanden, aber der musikalische Spannungsbogen konnte mich nicht ganz halten. Auch später blieb meine Wertschätzung für ihre Interpretation etwas gespalten. Ihr Spiel war treffsicher und ihr Ton schön, aber sie konnte mich inhaltlich nicht ganz erreichen.

Das Orchester kam allmählich stärker in den Vordergrund. Besonders im langsamen Teil fiel die Klarheit des Zusammenspiels auf. Die Hörner und Holzbläser klangen lupenrein, mit allem voran ein phänomenales Oboensolo, das den Saal mucksmäuschenstill machte. Brahms wurde hier breit genommen, nach meinem Geschmack sogar etwas zu breit, aber gerade dadurch fiel die Beschleunigung zum Ende hin umso stärker auf. Auch das Finale bekam nach einer gewagten Pause für den Einsatz eine schöne Freiheit, wobei Solistin und Orchester sich sichtbar der Musik hingaben und die Freude am gemeinsamen Musizieren spürbar wurde.

Eine ganz andere Seite von Dueñas zeigte sich in dem zurückhaltenden Das kleine Mädchen singt, einem traditionellen norwegischen Lied, notiert von Johan Halvorsen (1864-1935). In dieser Zugabe war von keiner Bravour die Rede: mit einfacher, warmer Intensität konnte sie mich mit diesem Lied tiefgreifend erreichen.

Über sich selbst hinaus

Nach der Pause änderte sich die Atmosphäre vollständig. Mit der Zweiten Symphonie von Sergei Rachmaninov (1873-1943) zeigte das großbesetzte EUYO, wozu es fähig war. Schon von den ersten dunklen Streichertönen des ersten Satzes war klar, dass uns etwas bevorstand. Der drohende Anfang bekam eine große Intensität, ohne dass Elim Chan die Musik zu früh zu einem Höhepunkt trieb. Diese Erwartung wurde im Verlauf der Symphonie mehr als erfüllt.

Was besonders verblüffte, war die Transparenz des Orchesterklangs. Trotz der großen Besetzung und der reichen, oft überlappenden Orchestrierung blieb nahezu jedes Detail hörbar. Auch die verschiedenen Solos wurden ausgezeichnet vorgetragen. Chan hielt sowohl die große Architektur als auch die kleinsten Details im Auge, so dass die vielen Stimmen in der Partitur ihren Platz bekamen, ohne dass das Ganze an Zusammenhang verlor.

Der zweite Satz wurde lebhaft gespielt, mit einem schönen Ohr für lyrische Details. Die Musik blieb ständig in Bewegung und atmete, ohne sich in einer übertriebenen romantischen Breite festzufahren. Der dritte Satz war der Moment, in dem diese Aufführung wirklich über sich selbst hinauswuchs. Die Musik wuchs allmählich zu ihrem Höhepunkt heran, und die ausgeklügelte Beschleunigung schien irgendwann nicht mehr nur musikalisch zu sein: es war, als würde das Herz schneller schlagen, was es bei vielen Konzertbesuchern wahrscheinlich auch getan hat. Gerade in dieser Aufbauphase zeigte Chan ihre großartige Beherrschung des Orchesters: nirgends erzwang sie die Spannung, sondern steigerte sie stetig, bis die Entladung unvermeidlich wurde.

Auch für das Finale wurde kurz eine Ruhepause gelassen. Dann brach die Musik mit Energie und Spielfreude aus. Rachmaninov hat sein Orchester keineswegs verschont und scheint es manchmal mit einer Überfülle an Noten überschwemmen zu wollen, aber Chan verstand es auch, diesen musikalischen Überfluss perfekt zu kanalisieren. Die verschiedenen Linien blieben hörbar und das Finale bekam eine enorme Geschwindigkeit und Überzeugungskraft. Die jungen Musiker spielten mit einer Präzision, die ständig im Dienste des Ausdrucks stand, und mit einer Spielfreude, die den Saal mühelos mitnahm.

Es war wahrlich eine verblüffende Aufführung. Während Brahms vor allem die Qualität des Orchesters zeigte, fielen bei Rachmaninov alle Puzzleteile an ihre Stelle: die enorme Orchesterbesetzung, die technische Beherrschung, die feinfühligen Solos, das Gespür für Details, die großen Linien des Aufbaus und vor allem der gemeinsame Atem, mit dem dieses junge Ensemble die Symphonie Gestalt gab. Young Euro Classic will jungen Musikern ein Podium bieten und gleichzeitig zeigen, welche Zukunft die klassische Musik in Europa hat. Das EUYO machte diese Ambition an diesem Abend mehr als wahr.

Der ausgelassene Applaus bekam eine schöne Fortsetzung mit Nimrod aus den Enigma Variations von Edward Elgar (1857-1934). Das Orchester spielte das Werk zurückhaltend und mit großem Atem und bot genau die Ruhe, die nach der enormen emotionalen Entladung von Rachmaninov nötig war. Ein zurückhaltendes Abschied von der Musik, aber noch lange nicht vom Abend.

Musikales Fest

Danach geschah etwas, das mindestens so sympathisch war wie die außergewöhnliche Aufführung selbst. Das Orchester stand auf und die jungen Musiker begannen spielerisch durcheinander zu laufen, während Amparito Roca von Jaime Texidor (1884-1957) für einen ansteckenden musikalischen Abschluss sorgte. Die Musiker teilten ihre Spielfreude sichtbar miteinander und mit dem Publikum. Auch Elim Chan ließ sich in das musikalische Fest einbeziehen. Es war ein spontaner und entwaffnender Abschluss eines Konzerts, in dem diese jungen europäischen Musiker nicht nur ihr technisches Niveau zeigten, sondern vor allem auch, wie viel Freude sie am gemeinsamen Musizieren haben.

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